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Mord an Gucci-Erbe«Ich hasste Maurizio nicht, es war Ärger»

Patrizia Reggiani alias «Lady Gucci» erzählt zum ersten Mal, warum sie 1995 ihren Ex-Mann ermorden liess. In Italien wird die Geschichte gerade verfilmt, mit Lady Gaga als Lady Gucci.

Sie fragte ihren Wursthändler, ob er einen Auftragskiller kenne: Patrizia Reggiani beim Shoppen in Mailand 2018, zwei Jahre nach ihrer Haftentlassung
Sie fragte ihren Wursthändler, ob er einen Auftragskiller kenne: Patrizia Reggiani beim Shoppen in Mailand 2018, zwei Jahre nach ihrer Haftentlassung
Fotto Imago

«Stizza» ist das italienische Wort für Ärger, es kann alles mitschwingen darin: von der Irritation über die Wut bis zum Zorn. Aber für Hass gibt es andere Wörter. Als man Patrizia Reggiani, die in den Medien auch als «Lady Gucci» bekannt ist, vor einigen Tagen fragte, ob sie ihren Ex-Mann Maurizio Gucci an jenem Märzmorgen 1995 aus Hass hatte ermorden lassen, sagte sie: «Überhaupt kein Hass. Ich hasste Maurizio nicht, ich habe ihn nie gehasst. Es war Ärger, er hat mich geärgert. Ich ging zum Wursthändler und fragte ihn, ob er jemanden kenne, der Leute umbringt.»

«Ich bereue nichts»

Patrizia Reggiani

Es ist das erste Mal, dass die Frau, jetzt 72, sehr summarisch über ihre Tatmotive spricht. 18 Jahre sass sie für den Auftragsmord im Gefängnis, bis 2017. Bereut hat Reggiani nie. Ganz ausdrücklich nicht. Auch jetzt sagt sie: «Ich bereue nichts.»

Wieder in den Schlagzeilen: Patrizia Reggiani bereut den Aftragsmord an ihrem Ex-Mann bis heute nicht.
Wieder in den Schlagzeilen: Patrizia Reggiani bereut den Aftragsmord an ihrem Ex-Mann bis heute nicht.
Foto: Imago

«Stizza» also, irgendetwas zwischen Ärgernis und Wut. Diese etymologische Auslotung ihrer Gemütslage ist das neueste Kapitel eines langen, sehr barocken Feuilletons aus der italienischen Kriminalgeschichte, das die Italiener damals in einem Mix aus Faszination und Abscheu gefangen hielt. Es war eine andere Zeit, eine andere Welt: Mailänder High Society der Siebziger-, Achtziger- und Neunzigerjahre.

Zufällig kommt diese Rückbesinnung nicht. «La Reggiani» ist nur deshalb wieder in den Schlagzeilen, weil in Mailand gerade ihre Geschichte verfilmt wird – und die Geschichte des Modehauses Gucci. Regie: Ridley Scott. In der Rolle von «Lady Gucci»: Lady Gaga. Auch dabei: Al Pacino. Titel: «House of Gucci». Der Stoff bietet sich natürlich an.

Patrizia Reggiani und Maurizio Gucci, Enkel von Firmengründer Guccio Gucci, lernen sich Ende der Sechzigerjahre in Mailand kennen, im frivolen Gewitter von Glamour und Glitter. Sie ist eine Königin der Nacht, gern gesehener Gast in allen angesagten Clubs. Und er ist der Sprössling einer reichen Dynastie. Gucci verliebt sich, sie aber findet, seine Augen seien die «eines gesottenen Fisches». Und diese Haare mit der Brillantine, dieser kaputte Zahn, geht gar nicht. Sie lässt sich dann aber doch erobern: «Als Erstes brachte ich ihn zum Friseur», sagt sie jetzt in dem Interview mit dem Heft Sette vom Corriere della Sera.

Er packte für eine Geschäftsreise und kam nie wieder zurück

Es wird dann doch noch eine grosse Liebe. 1973 heiraten sie, bekommen zwei Töchter. Maurizio übernimmt die Leitung des Modehauses, zehn Jahre lang, dann verkauft er Gucci. Die Beziehung steht schon länger unter Stress, offenbar war die Familie Gucci immer schon gegen die Liaison mit Reggiani gewesen. Nach zwölf Jahren Ehe verlässt er sie für eine jüngere Frau. Packt die Koffer, angeblich für eine Geschäftsreise, und kommt nie wieder zurück. 1993 lassen sie sich scheiden, sie bekommt umgerechnet eine halbe Million Euro Alimente im Jahr. Im Deal sind noch andere Dinge enthalten, die ihr ein Leben im Luxus garantieren sollen.

Er war ihre grosse Liebe: Patrizia Reggiani und Maurizio Gucci ein Jahr vor ihrer Hochzeit. (21. Juni 1972)
Er war ihre grosse Liebe: Patrizia Reggiani und Maurizio Gucci ein Jahr vor ihrer Hochzeit. (21. Juni 1972)
Fotot: Alamy Live News

Am 27. März 1995 verlässt Maurizio Gucci sein Haus und begibt sich zu Fuss zum Büro seiner neuen Firma. Er passiert den Portier, da hält ein Kleinwagen vor dem Eingang. Der Mörder verfolgt ihn bis in den Innenhof des Palazzos, schiesst drei Mal, dann noch einmal aus der Nähe: in die linke Schläfe. Die italienischen Zeitungen machen daraus die Titelgeschichte auf ihrer ersten Seite.

Zunächst schien alles möglich zu sein: ein Abrechnungsmord der Mafia, eine grosse Verschwörung in der Wirtschaftswelt, sogar Spuren in den fernen Osten wurden verfolgt. Bis ein Informant der Polizei erzählte, er habe gehört, wie sich der Besitzer eines schäbigen Hotels damit brüstete, am Mordkomplott teilgenommen zu haben. So kam alles heraus, zwei Jahre danach. Zur Bande gehörten fünf Leute, auch eine Kartenlegerin war dabei.

Bei ihrer Festnahme warf sie sich einen Pelzmantel über

Reggiani hat nie verwunden, dass Gucci sie verlassen hatte. Als sie die Witwe festnahmen, um sie ins Mailänder Gefängnis San Vittore zu bringen, warf sie sich einen Pelzmantel über die Schultern. Der Kommissar sagte zu ihr: «Ist vielleicht nicht passend.» Die Richter verurteilten sie zu 26 Jahren Haft, acht davon wurden ihr für gute Führung erlassen.

Patrizia Reggiani beim Prozess in Mailand. Sie wurde wegen dem Auftragsmord an ihrem Ex-Mann Maurizio Gucci zu 26 Jahren Haft verurteilt. (2. November 1998)
Patrizia Reggiani beim Prozess in Mailand. Sie wurde wegen dem Auftragsmord an ihrem Ex-Mann Maurizio Gucci zu 26 Jahren Haft verurteilt. (2. November 1998)
Foto: Keystone

Und nun kommt also dieser Film, der die Geschichte wieder aufwärmt, den ganzen Fall. Die zwei Töchter reden nicht mehr mit ihrer Mutter, wegen eines Erbstreits. Patrizia Reggiani wäre es lieber gewesen, wenn ihren erwachsenen Kindern dieser Film erspart geblieben wäre – alte Wunden. Sie hat sich auch schon darüber beschwert, dass ihr Double nicht mit ihr reden wollte, um sich auf die Rolle vorzubereiten. Doch jetzt sagt sie: «Lady Gaga ist okay, sie gleicht mir.»

35 Kommentare
    Flo Sommer

    Ich finde es immer wieder erstaunlich dass eine unreuige Täterin acht Jahre vor Ablauf ihrer Strafe in die Freiheit und ein luxuriöses Leben entlassen wird, wenn das Opfer für immer tot ist? Was ist die Begründung dafür? Bloss gutes Benehmen im Gefängnis? Keine Rückfallgefahr? Ich weiss, dass das in unserem westlichen Rechtssystem so vorgesehen ist, aber in solchen Fällen muss ich in meinem Empfinden der Recht und Ordnungs-Fraktion recht geben, dass Täter*innen besser davon kommen als die Opfer.