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Umstrittenes Buch«Ich habe meinen Text verraten»

Autor Fredi Lerch bereut seine Einwilligung in ein Verbot des Buches über das einstige Knabenheim «Auf der Grube». Er hätte sich wehren sollen.

Fredi Lerch wirft sich heute vor, dass er nicht für das Buch über das einstige Knabenheim «Auf der Grube» gekämpft hat.
Fredi Lerch wirft sich heute vor, dass er nicht für das Buch über das einstige Knabenheim «Auf der Grube» gekämpft hat.
Adrian Moser

Nein, niemand ist glücklich, dass es keine verfügbare historische Aufarbeitung der 188-jährigen Geschichte des Knabenheims «Auf der Grube» in der Gemeinde Köniz gibt. Das faktische Verbot des Buches «Grube» sei ein «massiver Eingriff in die Aufarbeitung der Geschichte fürsorgerischer Zwangsmassnahmen», sagte Historikerin Tanja Rietmann gegenüber dem «Bund».

Der Rückzug des Buches ist das Resultat eines Vergleichs zwischen Heimleiter Hans-Peter Hofer und Autor Fredi Lerch sowie dem Verlag und der Nachfolgestiftung der einstigen «Grube»-Stiftung. Die Vereinbarung von Anfang Februar 2017 sah unter anderem vor, dass das Werk nicht mehr vertrieben werde und sämtliche Exemplare des Buches an Hofer auszuhändigen seien. Dieser hat in der Folge 2500 Exemplare vernichtet, wie die «Berner Zeitung» berichtete. Selbst aus Institutionen wie der Nationalbibliothek ist das Werk verschwunden. Lerch hat sich bisher kaum zu seinen Beweggründen zur Unterzeichnung dieser Kapitulation geäussert. Gegenüber dem «Bund» bricht er nun sein Schweigen: Er akzeptiere die Kritik, «dass es ein Fehler war, den Vergleich zu unterschreiben», sagt der Autor auf Anfrage. «Ich habe damit meinen Text verraten.»

«Schnell und billig»

Heute werfe er sich vor, dass er die Vertreter des Verlags und der Nachfolgestiftung der «Grube»-Stiftung als Mitbeschuldigte hätte überzeugen müssen, «dass ein solcher Vergleich nicht unterzeichnet werden darf». Dies aus «grundsätzlichen publizistischen Überlegungen», insbesondere Gründen der Forschungsfreiheit, einerseits. Und aus «Solidarität mit den ehemaligen Gruebe-Buben» andererseits. Letztere sammeln mittlerweile Unterschriften für eine Petition, mit der sie die Aufhebung des Buchverbots fordern, weil die Publikation das «Ende der Stigmatisierung von uns Heimkindern» bedeute, wie Petitionär Heinz Kräuchi gegenüber dem «Bund» sagte.

Dass er die Auseinandersetzung mit den Mitbeschuldigten «nicht zumindest gesucht» habe und sich den Argumenten des Stiftungsanwalts angeschlossen habe, «bleibt mein Fehler», sagt Lerch. Denn Letzterer habe vor allem die «ererbte Altlast» der Vorgängerstiftung «möglichst schnell und billig» bereinigen wollen.

Autor räumt Fehler ein

Hofer sah in der Darstellung seines Wirkens als Heimleiter in den Jahren 2000 bis 2005 eine «fachliche Blossstellung», wie er in der «Berner Zeitung» sagte. Und er fand, dass seine Rolle und sein Leistungsausweis in Abgrenzung zum autoritären Führungsstil seiner Vorgänger zu wenig hervorgehoben würden.

Ja, das Wort Heimleiterausbildung ist falsch.»

Fredi Lerch, Autor des historischen Kapitels im Buch «Grube»

Allfällige fehlerhafte Darstellungen waren auf gerichtlicher Ebene kein Thema. Trotzdem wirft Hofer Lerch verschiedene Fehler vor – zu denen dieser bisher öffentlich nicht Stellung genommen hat. Nun räumt er erstmals einen Fehler ein, bei dem es um die Ausbildung geht, die Hofer laut der damaligen Gesundheits- und Fürsorgedirektion (GEF) hätte machen müssen. Lerch schreibt im Buch, dass Hofer laut GEF «zwingend und sofort die Heimleiterausbildung absolvieren sollte». Tatsächlich war Hofer damals aber bereits diplomierter Heimleiter. Die GEF hatte eine sozial- oder heilpädagogische Qualifikation verlangt, die Hofer berufsbegleitend hätte erwerben müssen, was er nicht getan hatte. «Ja, das Wort Heimleiterausbildung ist falsch», sagt Lerch.

Hofer ist unbeeindruckt

Hofer misst Lerchs Fehlereingeständis keine allzu grosse Bedeutung bei. Dies sei «nicht der einzige Fehler» des Autors gewesen. Lerchs Hauptfehler sei es gewesen, dass er nicht das Gespräch mit ihm gesucht habe. «Ein echtes Fehlereingeständis wäre es, wenn Lerch bedauern würde, dass er nicht mit mir gesprochen hat», sagt der einstige Heimleiter. In diesem Fall hätte er Lerch zum Beispiel seine Diplomarbeit als Heimleiter zur Verfügung gestellt. Diese beinhalte eine «Ist-Soll-Analyse» der damaligen Verhältnisse auf der «Grube» und habe als Grundlage für die von ihm im Frühjahr 2001 vorgeschlagenen Reformen gedient. «Der Impuls zur Reform kam bereits damals und nicht erst vier Jahre später, als Regula Mader das Stiftungsratspräsidium übernahm, wie Lerch im Buch suggeriert», sagt Hofer.

Lerch hat mit dem Vergleich letztlich die ‹Gruebe-Buebe› verraten.»

Hans-Peter Hofer, Leiter des Heims «Auf der Grube» 2000 bis 2005

«Brauchte ein neues Buch»

Auch Hofer ist nicht zufrieden, dass es nun keine greifbare historische Aufarbeitung der «Grube»-Geschichte gibt. «Ich bin aber nicht schuld daran, dass Lerch den Vergleich widerstandslos unterzeichnet hat.» Damit habe dieser letztlich auch die «Gruebe-Buebe» verraten. Diese hätten eine «saubere historische Aufarbeitung» der Heimgeschichte verdient. «Es brauchte ein neues Buch, das die fürsorgerischen Zwangsmassnahmen ins Zentrum rückt und die Heimbewohner selber zu Wort kommen lässt», sagt Hofer.

Das ehemalige Knabenheim «Auf der Grube» in Köniz ist heute ein buddhistisches Zentrum.
Das ehemalige Knabenheim «Auf der Grube» in Köniz ist heute ein buddhistisches Zentrum.
Foto: Raphael Moser