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Interview mit Landschaftsschützer«Ich diene Wutbürgern als Projektionsfläche»

Er hat zahlreiche Bauprojekte verhindert und sich so viele Feinde geschaffen. Doch Raimund Rodewald lässt sich nicht beirren. Die Zersiedelung müsse unbedingt gestoppt werden.

«Schönheit und Sinn liegen nicht im Konsum. Sie liegen in dem, was einem guttut», sagt Raimund Rodewald.
«Schönheit und Sinn liegen nicht im Konsum. Sie liegen in dem, was einem guttut», sagt Raimund Rodewald.
Foto: Adrian Moser

Herr Rodewald, wo verbringen Sie Ihre Sommerferien?

Ich hatte in den letzten Jahren das Privileg, jeweils einige Tage im Turm von Muzot im Wallis verbringen zu können. Dort hat der deutsche Dichter Rainer Maria Rilke die letzten Jahre seines Lebens verbracht. Die Umgebung ist Agglomeration pur. Aber das Gebäude stammt aus dem 12. Jahrhundert, und der Garten ist fantastisch. Beim Blick aus dem Fenster sehe ich, wie die Landschaft Jahr für Jahr mehr zugebaut wird. Rilke würde sich in seinem Grab in Raron umdrehen, wenn er dies sehen könnte.

War Rilke Landschaftsschützer?

In Ansätzen. Er hat zum Beispiel die Abholzung der Pappelalleen im Rhonetal beklagt. Sie stammen aus der Napoleonzeit.

«Ich wurde als Landesverräter und Nazi bezeichnet.»

Touristiker im Wallis sind wegen Ihrer vielen Beschwerden nicht gut auf Sie zu sprechen.

Ich erhalte sporadisch anonyme Zuschriften, die sich auf Einsprachen im Wallis beziehen. Aber die Situation hat sich in den letzten Jahren entspannt. Im Wallis lernt man, das Zwischenmenschliche vom Geschäftlichen zu trennen. Nach dem Streiten geht man «eis ga triiche». Das gehört einfach dazu. Die übelsten Anfeindungen habe ich anderswo erlebt.

Wo?

Die Einsprache der Stiftung für Landschaftsschutz gegen die Villa von Michael Schumacher im Appenzell hat im «Blick» für Schlagzeilen gesorgt und mir einen Shitstorm beschert. Dasselbe gilt für meine Intervention gegen eine Schweizer Fahne auf dem Born, einem Felsen bei Rothrist, der von der Autobahn sichtbar ist. Ich wurde als Landesverräter und Nazi bezeichnet, bloss weil ich darauf hinwies, dass eine 60 Quadratmeter grosse Fahne eine Baubewilligung braucht.

Wie gehen Sie damit um?

Mit Hassmails kann ich schlecht umgehen. Die verbale Gewalt erschreckt mich. Ich diene als Projektionsfläche für Wutbürger und muss feststellen: Das bin nicht ich. Aber wenn ich allen gefiele, würde ich etwas falsch machen. Ich lege den Finger auf Dinge, über die man lieber nicht sprechen möchte.

Nicht jeder will Ferien in einem alten Turm machen. Vielleicht suchen die Leute gar nicht das Authentische?

Die Menschen besuchen Touristen-Hotspots, weil die Tourismusindustrie die Landschaft zur Theaterbühne umfunktioniert hat. Der Begriff «Tourist» hat etwas Widerwärtiges. Man braucht ihn nur in der Mehrzahl. Er bezeichnet Massen, die sich auf organisierte Touren begeben. Ich bin doch kein Tourist, wenn ich Ferien im Wallis mache.

Was sind Sie denn sonst?

Es brauchte einen neuen Begriff. Erholungssuchender oder Reisender. Der einstige Begriff «Fremdenverkehr» war auch nicht so toll.

Viele fahren in den Ferien mit Bergbahnen auf Gipfel. Was haben Sie gegen deren Ausbau?

Der Gipfeltourismus muss völlig neu gedacht werden. Es geht nicht mehr an, Massen in hohen Frequenzen rasch an einen Punkt X zu bringen, wo sie ihre Selfies schiessen können. Diese Art von Tourismus hat keine Zukunft. Die wenigsten in Grindelwald finden die neue V-Bahn schön, welche die Aussicht auf die Eigernordwand beeinträchtigt. Die Bahn löst allenfalls ein Schulterzucken aus, weil ihr Bau als alternativlos empfunden wird.

«Die neue Raumplanung kam vielerorts zu spät.»

Die V-Bahn soll eine Million Touristen aufs Jungfraujoch bringen. Das schafft Arbeitsplätze.

Die Jungfraubahnen sind auch ohne V-Bahn fähig, eine Million Passagiere aufs Jungfraujoch zu bringen. Im Übrigen ist dort oben der Platz längstens zu klein. Beim neuen Bahnprojekt aufs Kleine Matterhorn konnten wir immerhin erreichen, dass der Gipfel nicht weiter verbaut wird. Der hochalpine Raum ist ein gesetzloser Raum, hier meint jeder, alles tun zu dürfen.

Gibt es nicht einmal mehr im Hochgebirge intakte Landschaften?

Es gibt sie da noch. Dafür setze ich mich auch ein. Im Mittelland hingegen, wo drei Viertel der Bevölkerung leben, gibt es kaum zehn Prozent hochwertige Landschaften von nationaler Bedeutung. Der Rest ist meist intensiv genutzt, durch Strassen zerschnitten und zersiedelt. Dadurch steigt auch der Druck auf den Alpenraum.

Trotz Raumplanungsgesetz und kantonaler Richtpläne?

Die neue Raumplanung kam vielerorts zu spät. Die Gemeindeautonomie hat das angerichtet, was man heute zwischen Genf und St. Margrethen sehen kann. Die Schweiz hat ihr Gesicht verloren. Die Gemeinden tun sich schwer mit Rückzonungen von Bauland, das nicht mehr gebraucht wird. Dank dem Verbandsbeschwerderecht können wir etwas Gegensteuer geben. In den fünfzig Jahren ihres Bestehens hat die Stiftung für Landschaftsschutz 266 Beschwerden eingereicht und in drei Viertel der Fälle recht erhalten.

Womit wurde das verloren gegangene Gesicht der Schweiz denn ersetzt?

Offiziell spricht man von einem «Städtenetz». In grossen Teilen ist es aber eine einzige Agglomeration. Im Italienischen gibt es einen besseren Begriff dafür: «la città diffusa». Im Tessin reicht das diffuse Stadt-Land-Gemenge von Biasca bis Chiasso. Wir haben eine hochgradig funktionierende Schweiz, aber fürs Wohlbefinden genügt dies nicht.

Die Gemeinden sind also die Bösewichte.

Nein, es steckt nicht böse Absicht dahinter, sondern oft Hilflosigkeit. Die meisten Gemeinden verstehen unter Verdichtung bauliche Verdichtung. Es geht aber um verdichtete Nutzungen. Wir brauchen kleinere Wohneinheiten und multifunktionale Räume.

Neue Lebensformen kann man nicht verordnen.

Aber man kann entsprechende Anreize schaffen. In den letzten Jahren wuchsen die Städte enorm. Mehr und mehr Menschen können sich aber die Wohnungen in den Städten nicht mehr leisten. Das könnte zu einer weiteren Verstädterung des ländlichen Raums führen.

Was kann der Einzelne gegen die Zerstörung der Landschaft tun?

Den Verbrauch an Ressourcen senken. Dieser ist in Bezug auf Wohnen, Verkehrsfläche und Energie in den letzten dreissig Jahren enorm gestiegen. Beim Pro-Kopf-Verbrauch haben wir ein Niveau erreicht, auf dem Nullwachstum nicht mehr genügt.

«Es bringt nichts, den Leuten das Fliegen ausreden zu wollen.»

Sie predigen Verzicht.

Nein. Ich will den Menschen die Augen öffnen. Nicht nur über das, was unser Verhalten an Negativem bewirkt. Sondern auch über den Gewinn, den wir durch ein verändertes Verhalten erzielen könnten. Schönheit und Sinn liegen nicht im Konsum. Sie liegen in dem, was einem guttut. Es bringt nichts, den Leuten das Fliegen ausreden zu wollen. Die Leute sollen selber merken, dass ihnen das Fliegen keine Glückserlebnisse beschert.

Bleiben die Leute vermehrt im Land, machen sie aus alten Schüürli Ferienwohnungen. Das ist Ihnen auch ein Dorn im Auge.

Die Befürworter von Umnutzungen sagen, es gehe ihnen um den Erhalt des Kulturerbes. Baukultur hat aber mit Authentizität zu tun. Ästhetik bedeutet nach Platon, hinter die Dinge zu schauen und sich nicht einfach an der Fassade zu erfreuen. Schüürli, die zu Ferienhäusern werden, verlieren ihren Charakter.

Wenn die Ställe zerfallen, kommen keine Erholungssuchende mehr, und die Einheimischen verlieren Einkommen. Landflucht ist übel.

Das muss nicht in jedem Fall so sein. Auf der kleinen Fläche der Schweiz gibt es 39 verschiedene Kulturlandschaftstypen. Die regionalen Kontraste sind hoch. Aber wir haben einen Mangel an Wildnisgebieten. Gebiete wie das Calanca- und das Onsernonetal haben ein Potenzial dafür. Das schliesst die Menschen dort keineswegs aus.

Davon leben ein paar Parkwächter und Gastronomen.

Das ist immer noch besser, als wenn alle von einer Tourismus-Monokultur abhängig sind, wie die Corona-Krise zeigt.

Wer soll denn sonst in den Bergtälern wohnen? Sie plädieren für digitale Dörfer. Aber Hipster leben in der Stadt, weil sie hier Anregungen finden.

Orte wie das Binntal oder das bündnerische Valendas haben plötzlich wieder eine Nachfrage von Leuten, die dort permanent wohnen wollen. Die Ortsverbundenheit ist für viele Menschen ein grosses Bedürfnis und trägt zum Wohlbefinden bei. Homeoffice ist da eine grosse Chance. Fürs einstige Schlachthaus in Göschenen habe ich vorgeschlagen, einen Wettbewerb für Künstlerateliers durchzuführen. Viele leer stehende Gebäude eignen sich für Zwischennutzungen.

Welche Vision haben Sie? Sie schreiben von einer «Wiederverzauberung der Welt». Sind Sie Romantiker?

Mich bewegt unsere Beziehung zu Orten. Mit Vernunftargumenten allein kann man die Menschen nicht erreichen. Ich gehe davon aus, dass sich jede und jeder von Landschaften sinnlich berühren lässt. Dann setzt man sich auch aktiv dafür ein.

Und das soll bei den Investoren für neue Seilbahnen funktionieren?

Warum nicht? Ich war vor Jahren mit einem Verwaltungsratspräsidenten der Titlis-Bahnen und einem Bankmanager auf Exkursion auf der Engstlenalp. Damals ging es um eine Verbindung der Skigebiete Meiringen-Hasliberg und Engelberg, wie sie heute wieder zur Debatte steht. Wir sassen auf einem Karrfeld oberhalb der Seenplatte mit Engstlensee, Tannensee und Melchsee. Die Aussicht war bezaubernd. Ich habe meine Begleiter gefragt: «Hand aufs Herz: Finden Sie es nicht auch jammerschade, diese Landschaft mit Bergbahnen zu verbauen?» Und beide haben geantwortet: «JaDie Bank hat sich später aus der Finanzierung zurückgezogen.

Sie sagten einmal, Sie suchten wohl unbewusst nach Heimat. Geht es auch darum?

Zum Teil sicher. Ich bin Sohn einer deutschen Familie, die sich in den Fünfzigerjahren aus wirtschaftlichen Gründen in Neuhausen am Rheinfall niederliess. Ich habe dann in Zürich studiert. Später lebte ich in Bern und heute in Biel. Dank meiner Arbeit habe ich viele Heimaten.

«Ich fühle mich dort zu Hause, wo Menschen eine Idee verfolgen.»

Das muss in der Schweiz sein?

Nicht nur. Ich habe vier Jahre in Turin gelebt. Ich fühle mich dort zu Hause, wo Menschen eine Idee verfolgen, die über ihr persönliches Fortkommen hinausgeht. So wurden viele Gebiete zu meiner Heimat. Das einstige Zementwerk Saceba in Balerna zum Beispiel ist heute ein Kulturort, der Teil eines Naturparks ist. Von dort aus wurde einst das Tessin zubetoniert. Im Kloster Schönthal in Langenbruck BL konnte ich bei der Umwandlung eines konventionellen Hofs mit 100 Hektaren in einen Demeter-Betrieb mithelfen. Landwirtschaft, Biodiversität, Landschaftsästhetik und Kunst gehen nun Hand in Hand. Solche Modelle funktionieren auch in der Stadt. In Biel pflege ich mit Quartierbewohnern Wegböschungen, die früher niedergemäht wurden. Passanten bleiben mit freudigem Lächeln stehen. Wir müssen einfach aktiver werden bei der Gestaltung unserer Räume.