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Monolog eines GescheitertenIch bin ein Blutkörperchen

Das Berner Lesefest Aprillen entfällt wegen der Corona-Krise. Der «Bund» bringt die brachliegenden Texte. – Folge 1: Christoph Höhtker über einen unglücklichen Grillhähnchen-Verkäufer.

Erzähler des Scheiterns: In «Totaler Erfolg», dem nächsten Roman von Christoph Höhtker, versucht ein Mann sein Glück als Pouletwagen-Besitzer.
Erzähler des Scheiterns: In «Totaler Erfolg», dem nächsten Roman von Christoph Höhtker, versucht ein Mann sein Glück als Pouletwagen-Besitzer.
Foto: Alexandra Sonntag

Ich trinke das Glas leer, fülle es, leere es erneut. Man soll mit viel warmem Wasser nachspülen.

Die Lichter sind gelöscht, die Wohnung liegt im Halbdunkel. Ich stehe an der Tür, zögere für einen Moment. Der Flur. Die Küche, das Bad, am Ende das Wohnschlafzimmer. Die Garderobe, an der meine Sommerjacke hängt. Der Schirm in der Ecke. Das Paar Turnschuhe daneben. Die Dinge hier… es sind nicht viele. Aber sie werden da sein, wenn ich wiederkomme. Sie werden auf mich warten, während das Licht kommt und wieder geht.

Im Osten, über dem Flachdach von Möbel Akut, geht unsichtbar die Sonne auf. Ich fühle mich beschenkt.

Im Treppenhaus reagieren die Lampen auf jeder Etage. Die Stille aus den anderen Wohnungen. Die kleinen Geräusche. Eine Radiostimme. Draussen der gelbliche Schein der Strassenlaterne. Ich gehe los, gehe die Strasse herunter, die Muskeln noch benommen. Die Muskeln mit jedem Schritt zufriedener.

Bei Mehmet im Dunkeln. Marias Änderungsstübchen ebenfalls. Überall Stapel mit Gratiszeitungen. Ich denke daran, was diese Blätter mit der Westfalenpost gemacht haben, bevor sie selber überflüssig wurden. Die Stockwerke der Häuser, der Anteil der erleuchteten Fenster, der Anteil der heruntergelassenen Jalousien. Ich denke daran, was diese Leute gemacht haben, bevor sie überflüssig wurden. Was sie trotzdem immer noch machen. Ich habe genau berechnet, wie lange ich gehen muss, bevor das Leuchten beginnt. Bevor etwas mit meinen Augen geschieht. Mit den Leitungen dahinter.

Die letzten hundert Meter neben der Ausfallstrasse. Der Verkehr, die Kleintransporter. Die Schilder, die Reklamewände, die Stromverteilerkästen. Die Kaugummispuren. Ich fühle mich reich. Im Osten, über dem Flachdach von Möbel Akut, geht unsichtbar die Sonne auf. Ich fühle mich beschenkt. Die Wirkung ist jetzt da. Der Pegel überschreitet den Schwellenwert. Ich bin ein Blutkörperchen, ich reise an meinen Einsatzort. Überall, wo ich bin, gehöre ich hin.

Die 21 in die City, aussteigen, umsteigen, die 51 wartet bereits, es geht stadtauswärts. Gleiten durch die verschiedenen Zonen. Der Altbaugürtel, dann die Nachkriegskästen, die Gewerbesplitter, die funkelnden Tankstellen, die Baumärkte. Menschen, die unterwegs sind. Menschen, die Lager bestücken, Strassenbeläge reparieren, Dinge ausliefern, die schon seit zwei Stunden belegte Brötchen verkaufen. Und Maschinenkaffee. Die selber Maschinen sind. Das merkwürdige Glück zu sehen, dass ganz viele so leben wie ich.

Was verbindet Ameisen untereinander, wenn nicht Mitleid?

Der Bus überquert die Autobahn. Der Verkehr fliesst, ich fliesse. Draussen schwarze Felder. Braun-graue Bauminseln. Dazwischen rotgeklinkerte Höfe. Etwas abseits der Wohngebäude die langgezogenen Flachbauten. Dort sitzen und flattern und bluten sie, bis es so weit ist. Die Tiere und ich – noch sind wir nicht da. Noch sind es nur Bilder. Die niemals stoppenden Bänder. Die Haken für die dürren Krallenbeine. Die zuckenden Klingen. Die Federn am Boden, die rotbraunen Flecken an den weissen Kacheln, an den Metallgestängen. Der Bus auf den letzten Kilometern.

Meine Ziele – sie sind nicht weg. Sie sind nicht verschwunden. Sie haben einfach nicht existiert.»

Mein Handy vibriert. Es zittert vor Freude. Da! Da hinten! Hinter Baumgruppen ist es aufgetaucht. Das Schloss der Einsicht. Die Kathedrale des Notwendigen. Ein weisser Quader am Horizont. Der riesige Namenszug in roter Schrift. Nachts wird er angestrahlt wie eine Sehenswürdigkeit. Er ist eine Sehenswürdigkeit. Er ist Name des Todes. Er ist der Name des Rests meines Lebens. Der Wirkstoff schaltet einen Gang hoch. Der Wirkstoff hat viele Gänge. Mein Blut kocht vor Zufriedenheit.

Meine Ziele – sie sind nicht weg. Sie sind nicht verschwunden. Sie haben einfach nicht existiert.

Der Schriftsteller Christoph Höhtker, geboren 1967 in Bielefeld, lebt in Genf. Kürzlich erschien sein Schlüsselroman «Schlachthof und Ordnung». Dieser Text entstammt dem Manuskript für sein nächstes Buch «Totaler Erfolg». Dessen Protagonist ist ein tablettensüchtiger Grillhähnchen-Verkäufer.