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Eishockeyprofi mit Corona angesteckt«Ich bin doch jung und fit …»

Der Eishockeyspieler Jan Neuenschwander ist der erste Schweizer Sportler, der offen über seine Erkrankung am Coronavirus spricht.

Seit zwei Wochen ist er in Quarantäne: Eishockeyspieler Jan Neuenschwander.
Seit zwei Wochen ist er in Quarantäne: Eishockeyspieler Jan Neuenschwander.
Foto: Sébastien Agnetti/13 Photo

Jan Neuenschwander ist nicht nur Eishockeyprofi, der die letzten vier Jahre beim EHC Biel spielte. Der 27-jährige Davoser und frühere HCD- und ZSC-Stürmer tritt auch regelmässig als aktiver Botschafter von Spitzensportlern mit Diabetes in Erscheinung. Als Diabetiker gehört Neuenschwander theoretisch zur Coronavirus-Risikogruppe. Neuenschwander, der ab nächster Saison für den SC Bern stürmen wird, sprach im Rahmen des Tamedia-Eishockey-Podcasts «Eisbrecher» als erster Schweizer Sportler offen über seine Erkrankung am Coronavirus.

Wie geht es Ihnen?

Die letzten zwei Wochen waren eine schwierige Zeit. Es geht mir nun langsam besser, und ich bin froh, darf ich bald nach draussen, um etwas frische Luft zu schnappen.

Wann erhielten Sie die Diagnose, dass Sie am Coronavirus erkrankt sind?

Vorletzten Sonntag. Ich ging zum Mannschaftsarzt, um mich testen zu lassen, unser Coach, Antti Törmänen, war ja auch positiv getestet worden. Alle meine Symptome deuteten darauf hin. Ich hatte Fieber, Schüttelfrost und Gliederschmerzen, darum rechnete ich auch damit, es war kein Schock mehr.

Wie verlief die Krankheit bei Ihnen? Man hört oft von der Gefahr für Menschen über 65, Sie selbst sind erst 27.

Dennoch weisst du ja nicht, was auf dich zukommt. Die Symptome kamen schnell, bei meiner Freundin kamen sie fast parallel. Vier Tage lang war alles sehr intensiv, vor allem die Gliederschmerzen. Danach nahmen sie etwas ab, aber der Druck auf der Brust und der Husten waren noch eine Weile da. Ein Problem war auch der psychische Aspekt. Du weisst, dass die Lunge ein Problem sein kann, und plötzlich bildest du dir auch noch ein, du bekämst weniger Luft. All das dauerte rund eine Woche, danach ging es mir Tag für Tag besser.

Wenn auch die Freundin betroffen ist: Wie besorgten Sie sich Ihre Einkäufe in den letzten 14 Tagen?

Zum Glück wohnen wir in der Stadt und haben nette Nachbarn. Wir riefen an oder schickten SMS oder Bilder von der Einkaufsliste. Sie stellten die Einkäufe dann vor unsere Türe. Wir waren also nie wirklich eingeschränkt.

Diabetiker gehören bei einer Erkrankung mit dem Coronavirus theoretisch zu einer Risikogruppe, vor allem jene des Typ 2. Aber auch Typ-1-Diabetikern wird derzeit teilweise vom Arzt vorsorglich Quarantäne verordnet. Sie sind, wie bei Spitzensportlern mit Diabetes üblich, Typ 1.

Das ist so. Aber auch ich las immer wieder von diesen Risikogruppen, in denen die Diabetiker auch erwähnt waren. Das machte mich schon ein wenig unsicher, ich fragte mich dann schon: «Gehöre ich wirklich zur Risikogruppe? Ich bin doch jung und fit …» Ich habe mich auch bei der Diabetes-Gesellschaft Schweiz informiert, es hiess dort, dass du als junger Typ-1-Diabetiker kein grösseres Risiko hast als sonst gesunde Personen.

«Ich habe die Insulinpumpe bis kurz vor dem Spiel an. In den Drittelspausen kann ich sie dann sofort wieder anschliessen.»

Sie reden offen über die Krankheiten, das gilt beim Diabetes schon länger, Sie sind mittlerweile eine Art Botschafter für Spitzensportler mit Diabetes.

Der Diabetes ist Teil meines Lebens. In meiner Position finde ich es okay, darüber zu reden und Klarheit zu schaffen. Ich möchte auch junge Leute mit Diabetes dazu motivieren, Sport zu treiben. Ich möchte zeigen, dass auch eine Sportlerkarriere mit Diabetes möglich ist.

Was nervt an Diabetes im Leben eines Eishockeyprofis?

Wenn du vor Auswärtsspielen lange Carreisen hast, sind da meistens auch feine Esswaren, Süssigkeiten oder Sandwiches im Bus. Ich würde oft gern auch etwas davon zu mir nehmen, darf aber nicht. Denn ich muss mich auf meinen Blutzucker konzentrieren, damit dieser stabil bleibt, gerade bei einer langen Fahrt, bei der du dich nicht viel bewegst.

Jan Neuenschwander (rechts) bejubelt mit Teamkollege Damien Brunner seinen Treffer bei einem Spiel in Rapperswil-Jona.
Jan Neuenschwander (rechts) bejubelt mit Teamkollege Damien Brunner seinen Treffer bei einem Spiel in Rapperswil-Jona.
Foto: Ennio Leanza/Keystone

Kann man Eishockey aber als vergleichsweise Diabetiker-freundliche Sportart bezeichnen?

Ich denke schon. Gut ist zum Beispiel, dass ein Drittel nur 20 Spielminuten und effektiv rund eine halbe Stunde dauert. Ich habe die Insulinpumpe bis kurz vor dem Spiel an. In den Drittelspausen kann ich sie dann sofort wieder anschliessen, um nicht einen Insulinmangel zu erleiden, was den Blutzuckerwert hochtreiben würde. So kann ich seine Kurve so stabil wie möglich halten.

Welchen Einfluss haben Emotionen und Stress in einem Spiel?

Wenn du Adrenalinschübe hast, kann das einen grossen Einfluss auf den Blutzucker haben und den Wert hochtreiben. Das kann bei harten Checks passieren oder bei einem intensiven Nahkampf mit einem Gegner um den Puck. Da merkst du richtig, wie der Körper pumpt vom Adrenalin. Das treibt den Blutzuckerspiegel in die Höhe.

Wie emotional ein Match oder bloss ein Drittel wird, ist aber eine unbekannte Komponente …

Das kannst du nie im Voraus einschätzen. Und du darfst dir deswegen auch nicht vorbeugend zu viel Insulin spritzen. Wenn dieses emotionale Drittel dann nicht eintritt, riskierst du eine Hypoglykämie, einen zu tiefen Blutzuckerwert.

Nehmen Sie lieber eine Über- statt Unterzuckerung in Kauf?

Es kommt auf die Situation an. Während du Sport treibst, stimmt das so. Denn bei einer Unterzuckerung brauchst du rund 30 Minuten, bis du wieder normal leistungsfähig bist. Im Alltag ist es aber eher umgekehrt. Zu lange Überzuckerung kann negative Einflüsse auf Folgekrankheiten haben. Beim Sport also lieber zu hoch, wenn auch nicht zu hoch, im Alltag dafür lieber auf der tiefen Seite.