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Ab 2040 «klimapositiv»Horrendes Tempo der Grünen

E-Autos, CO₂-freies Wohnen, Klimaauflagen für Importprodukte: Die Schweiz soll nach dem Klimaplan der Grünen bereits in zehn Jahren kein Kohlendioxid mehr produzieren.

Nach dem Klimaplan der Grünen sollen bis 2035 hundert Prozent des Stroms aus erneuerbaren Energien stammen: Schaltstation Holligen, wo Solarstrom in einer Salzbatterie gespeichert wird.
Nach dem Klimaplan der Grünen sollen bis 2035 hundert Prozent des Stroms aus erneuerbaren Energien stammen: Schaltstation Holligen, wo Solarstrom in einer Salzbatterie gespeichert wird.
Foto: Nicole Philipp

Den Grünen ist das Tempo im Klimaschutz viel zu langsam. Die Zielsetzung des Bundesrates, bis 2050 «klimaneutral» zu sein, reicht ihnen nicht. Dieses Ziel soll bis 2030, also in zehn Jahren schon, erreicht sein, indem die Emissionen im Inland um 50 Prozent gesenkt und im Ausland um dieselbe Menge reduziert werden soll. Und dann soll es in gleichem Tempo weitergehen: Ab 2040 soll das Land sogar «klimapositiv» werden. Dann sollen mit technischer und natürlicher Hilfe der Atmosphäre zusätzlich Treibhausgase entzogen werden, sodass die Schweiz unter dem Strich eine positive CO₂-Bilanz ausweisen kann. So sieht der Klimaplan aus, den die Grünen heute Mittwoch den Medien vorgestellt haben.

Klimastandard für importierte Produkte

Die Zwischenetappen, um dieses Ziel zu erreichen, sind ambitioniert. So sollen ab 2030 nur noch neue Fahrzeuge zugelassen werden, die mit Strom oder mit Wasserstoff fahren. Gebäude dürfen in zehn Jahren kein CO₂ durch Heizen mehr emittieren. Die Emissionen, die wir mit dem Import ausländischer Waren verursachen, sollen durch Mindeststandards für importierte Produkte gesenkt werden. Vorstellbar ist auch eine Klimaabgabe auf importierte CO₂-intensive Produkte wie Stahl. Der Massnahmenkatalog ist lang. Viele Massnahmen gibt es schon, sie sollen aber verschärft werden. Hinzu kommen Förderprogramme und erhöhte Förderabgaben für erneuerbare Energie oder zugunsten CO₂-freien Flugtreibstoffs.

Bau einer Pipeline

Neu in diesem Klimaplan ist allerdings die Option, CO₂ aus der Atmosphäre zu filtern und je nachdem im Untergrund zu speichern. Die Wissenschaftler sprechen hier von negativen Emissionen (siehe «Kann dieser Plan der Grünen aufgehen?»). Da bietet sich die Aufforstung an, weil Wälder beim Wachstum CO₂ in ihrer Biomasse speichern. Die Grünen sehen ein grosses Potenzial in Kehrichtverbrennungsanlagen, falls das CO₂ aus der Abfallverbrennung im Untergrund deponiert werden kann. In ihrem Plan wird sogar vom Bau einer Pipeline gesprochen, die das Gas dorthin bringt, wo es sicher aufbewahrt werden kann. «Wir Grünen sind in erster Linie nicht für solche technische Lösungen, aber weil wir zu lange im Klimaschutz gewartet haben, brauchen wir sie nun», sagt Grünen-Nationalrat Bastien Girod.

Die Wissenschaft gibt ihm recht. Im Sonderbericht des IPCC, der vor zwei Jahren veröffentlicht wurde, wird aufgezeigt, dass es desto schwieriger wird, eine kritische globale Erwärmung zu stoppen, je langsamer die Emissionen sinken. Auch wenn Mitte des Jahrhunderts die Emissionen auf null sind: In der Atmosphäre ist dann das Depot an Treibhausgasen immer noch zu gross, sodass die Erwärmung um 1,5 Grad übertroffen wird. Deshalb braucht es Methoden, welche das Treibhausgas aus der Atmosphäre ziehen.

Die Realität sieht anders aus

Wissenschaftlich betrachtet haben die Grünen die Argumente, im Klimaschutz das Tempo zu erhöhen, auf ihrer Seite. Die Realität sieht jedoch bisweilen anders aus: Zum Beispiel verbrauchen die in der Schweiz im Jahr 2019 neu zugelassenen Personenwagen immer noch durchschnittlich gut sechs Liter fossilen Treibstoff pro 100 Kilometer. Dieser Wert sollte allerdings schon bald sinken. In Zukunft sind nur noch Neuwagen zugelassen, die durchschnittlich 95 Gramm CO₂ pro Kilometer ausstossen. Das heisst: Der Anteil an Elektrofahrzeugen wird steigen. Grosse Fortschritte gibt es auch bei den Gebäuden nicht. Die jährliche Sanierungsquote liegt seit einigen Jahren bei 0,9 bis 1,5 Prozent. Dieser Wert müsste sich wohl verdoppeln bis verdreifachen, um dem Plan der Grünen gerecht zu werden.