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Streamingboom im LockdownHört bloss auf mit der Magie des Kinos!

Corona hat uns zu Streamingnutzern gemacht. Gut so.

Weltkino ganz privat: Robert de Niro in Martin Scorseses «The Irishmen».
Weltkino ganz privat: Robert de Niro in Martin Scorseses «The Irishmen».
Foto: Dominique Meienberg

Am 6. Juni gehen die Kinos wieder auf, dabei stand uns die Welt des Films die ganze Zeit offen. Oder soll man das kein reiches Angebot nennen? An einem Abend etwas Leichtes von Eric Rohmer über den Streamingservice Cinefile, am anderen die Rennomierserie von HBO via Sky, dann noch ein langer Japaner von Filmingo, dazu Netflix, Mubi und so weiter.

Klar, die Überfülle kann abschreckend wirken. Aber wenn man jetzt von Kinobetreibern hört, der Streamingboom während der Pandemie zeige doch vor allem, wie stark die Schweizerinnen und Schweizer das Kino vermissen würden, möchte man entgegnen: Das Filmerlebnis vielleicht, aber das Kino?

Nichts gegen Säle und Sessel, man sitzt da ja auch bequem. Aber wehe, ich höre noch einmal das Geschwafel von der «Magie des Kinos». Nicht wenige haben die eigene Stube längst zum Leinwandraum gemacht, das geht dank Beamer und Co. Und vielen anderen vergeht der Zauber spätestens, wenn ihnen wieder einfällt, wie viel ein Ticket kostet.

Die Krise hat es geklärt, wir müssen aufhören, Kino und Streaming als Gegensätze zu denken. Veranschaulichen lässt sich das an einem Essay des US-Kritikers Nick Pinkerton, in dem er fragt, was Filmliebhaber eigentlich gemeinsam haben. Ist es nicht eine ausgeprägte Abneigung gegen Outdoor-Aktivitäten, gegen so fürchterliche Dinge wie Spazierengehen? Das Talent von Cinephilen bestehe darin, dass sie imstande sind, ruhig in einem Raum zu sitzen, schreibt Pinkerton. Eine Fähigkeit, die sich im Lockdown als ausserordentlich nützlich erwies.

Seit seiner Jugend, als er mit einer Ladung Videokassetten seine Mutter besuchte, sei er nicht mehr so allein mit Filmen gewesen wie in der Corona-Zeit, so Pinkerton. Wer in den letzten Wochen seine Klassikerliste abgearbeitet hat, wird sich in der Beobachtung wiedererkennen: der Lockdown als Erinnerung an diejenige Lebensphase, in der man zum ersten Mal mit jeder Faser dem Film verfallen ist.

Gut, Nick Pinkerton mag ein ziemlicher Nerd sein. Er erwähnt Freunde, die die Seuchenzeit genutzt haben, um Claude Lanzmanns Neunstünder «Shoah» abzuhaken, inklusive Debattenpausen per Zoom.

Die Wiederaneignung des Kinos

Francesco Casetti, der Filmwissenschafter an der Universität Yale, bezeichnet solches Verhalten als «Reparationsstrategie». Mit diesen Strategien versuchen wir, das Kinoerlebnis ausserhalb des Kinos wiederherzustellen, die Diskussionen finden aktuell halt via Videochat statt.

Mit «The Lumière Galaxy» hat Casetti ein optimistisches Buch über die grosse Migration der Filme aus dem Kino vorgelegt. Darin schreibt er, in der digitalen Zeit würden wir uns das Kino durch unsere Handlungen wieder aneignen. Denn in einer Ära, in der die Technologie leicht geworden sei und für verschiedenartige Zwecke zur Verfügung stehe, könne das Medium Film als eine Art des Schauens und des Spürens verstanden werden. Ein Medium, das nicht mehr notwendigerweise mit dem Kinosaal verbunden bleibe.

Francesco Casetti winkt gut gelaunt aus dem Skype-Fenster, er hat noch weitere Diagnosen zur Streaming-Ära. Zum Beispiel zur Frage, weshalb viele Menschen sagen, dass sie während des Corona-Stillstands zu ungeduldig gewesen seien, um einen Roman zu Ende zu lesen, aber sich dafür einen Film um den anderen angeschaut hätten. Warum ist das so?

Weil die Filmkunst am ehesten dem hypnotischen Zustand im Lockdown entspreche. «Die Pandemie ist eine losgelöste Zeit. Wir wissen nicht, wie es weitergeht, und starren ein Loch in die Luft.» Eine Taubheit des Körpers entstehe, vergleichbar mit der Erfahrung des Filmeguckens.

Wir vermissen weniger die Dunkelheit als das Gefühl, einer Gemeinschaft anzugehören.

Was wir vermissen, wenn wir nicht mehr ins Kino gehen können, sei die morbide Atmosphäre im dunklen Raum. Man müsse aber auch sehen, dass sich die Erfahrung von Intimität in der Öffentlichkeit, die das Kino lange Zeit bereitstellen konnte, mit der Verbreitung der Smartphones aufgelöst habe. Wo heute jeder ohne Zögern private Bekenntnisse ins Handy brülle, gebe es die spezielle Stimmung einer geschützten Intimität nicht mehr. Die Magie des Kinos? Hat sich längst auf der Strasse durchgesetzt.

Wir sehnen uns also vielleicht weniger nach Dunkelheit, sondern uns fehlt das Gefühl, dass wir wegen der Filme einer geliebten Gemeinschaft angehören. Was er den Filmen zu verdanken habe, schreibt der Kritiker Nick Pinkerton, sei bei aller einsamen Verbundenheit mit einer Kunst eben doch der Zugang zu einer Kameradschaft, zu einer bestimmten Art, in der Welt zu sein. Draussen, aber auch zu Hause.