Pest und Kriege fielen mit Kälteperioden zusammen

Erstmals konnte ein Forscherteam unter Schweizer Leitung die Frühlingstemperaturen der letzten knapp 1000 Jahre in Osteuropa berechnen. Sie verglichen die Daten mit historischen Ereignissen.

Der Dreissigjährige Krieg fiel mit einem extremen Kälteeinbruch in Osteuropa zusammen: Menschliche Schädel in einem Massengrab mit rund 100 Soldaten, die beim deutschen Dorf Scharfenberg fielen. (24. Juli 2007)

Der Dreissigjährige Krieg fiel mit einem extremen Kälteeinbruch in Osteuropa zusammen: Menschliche Schädel in einem Massengrab mit rund 100 Soldaten, die beim deutschen Dorf Scharfenberg fielen. (24. Juli 2007)

(Bild: Reuters)

In den letzten tausend Jahren fielen in Osteuropa Kriege und Epidemien mit Kälteperioden zusammen. Zudem ist es heute in dieser Region so warm wie noch nie zuvor. Zu diesen Resultaten kommt eine internationale Studie an Baumjahrringen, die unter Schweizer Leitung durchgeführt wurde.

Das Team um Ulf Büntgen von der Eidgenössischen Forschungsanstalt WSL und der Universität Bern hat 545 Holzproben von lebenden und in Häusern verbauten Lärchen aus den nördlichen Karpaten in der Slowakei untersucht. Die Daten reichen bis ins Jahr 1040 zurück und stellen die erste lückenlose Berechnung der Frühlingstemperaturen in Osteuropa dar, wie die WSL am Montag in einer Mitteilung schrieb.

«Kleine Eiszeit» sichtbar

Am kältesten war es im Frühling 1248 sowie zwischen 1808 und 1837, wie die Forscher im US-Fachblatt «Proceedings of the National Academy of Sciences» (PNAS) berichten. Deutlich sichtbar war auch die «Kleine Eiszeit» zwischen 1350 und 1850, die mit Vulkanausbrüchen und verminderter Sonnenaktivität erklärt wird.

Milde Frühlinge wurden in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts sowie von etwa 1400 bis 1780 beobachtet. Doch eine so drastische Erwärmung wie seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat es im gesamten Jahrtausend davor nicht gegeben. Das mit Abstand wärmste aufgezeichnete Jahr war 2011.

Pest und 30-jähriger Krieg

Anschliessend verglichen die Forscher ihre 972 Jahre umfassende Datenreihe mit historischen Ereignissen. Es zeigte sich, dass etwa der «Schwarze Tod» Mitte des 14. Jahrhunderts, der 30-jährige Krieg von 1618 bis 1648 und der Russlandfeldzug Napoleons 1812 mit extremen Kälteeinbrüchen in Osteuropa zusammentrafen.

Dies bestätigt frühere Beobachtungen an Jahrringen in Mitteleuropa, dass Pestausbrüche, politische Unruhen, Migrationswellen und kriegerische Konflikte oft in Kältephasen auftreten, wie die WSL schrieb. Auch Veränderungen der Siedlungsaktivität zeigen laut den Forschern Zusammenhänge mit kältebedingtem Nahrungsmangel.

Studienleiter Büntgen warnt indes vor voreiligen Schlüssen: «Die Beziehungen zwischen Klima und Geschichte sind äusserst komplex und bei weitem noch nicht vollständig erforscht», sagte er in der Mitteilung. So tragen auch soziale, politische und medizinische Umstände zu den Auswirkungen von Klimaextremen bei.

Jahrringforschung

Die als Jahrringforschung bezeichnete Dendrochronologie (von griechisch dendron = Baum, chronos = Zeit, logos = Lehre) benützt die saisonalen Wachstumsringe im Holz zur Altersbestimmung. Sie kommt etwa in den Geowissenschaften, der Archäologie und der Denkmalpflege zum Einsatz, aber auch zur Bestimmung vergangener Umweltbedingungen und Klimaschwankungen.

rub/sda

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt