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Pop-BriefingHier gibts musikalischen Notvorrat

Wir haben 300 grandiose Schweizer Songs jenseits von DJ Antoine und Luca Hänni zusammengetragen. Und: Es gilt von zwei Helden der Musik Abschied zu nehmen.

Ane Hebeisen
Dieser verhaltensauffällige Herr ist einer von circa 300 Urhebern erfreulicher Schweizer Musik, die wir für Sie zusammengetragen haben.
Dieser verhaltensauffällige Herr ist einer von circa 300 Urhebern erfreulicher Schweizer Musik, die wir für Sie zusammengetragen haben.
zvg

Das Schweizer Fenster

Heute soll nicht viel Wortaufwand betrieben werden – es gilt, einen musikalischen Notvorrat für die einsamen Tage anzulegen. Wir setzen dabei für einmal auf Selbstversorgung und geistige Landesverteidigung.

Unser staatliches Radio hat sich ja bereits rühmenswerterweise dazu bereit erklärt, während der Krisenzeit möglichst viel Schweizer Musik zu spielen. Das Ergebnis ist oft erfreulich, sehr oft aber auch ein bisschen beschwerlich. Der Kollateralschaden der Aktion besteht darin, dass nun eben auch die Loco Escritos, die Luca Hännis, die Nickless und DJ Antoines dieses Landes in Heavy Rotation laufen.

Wir haben deshalb den Aufwand betrieben, eine über 20-stündige Playlist mit exquisiter Schweizer Musik zusammenzustellen. Kurz umrissen: eher Puts Marie als Pegasus. Eher Beatman als Bobo. Eher Blind Butcher als Bligg. Eher Hertz als Hecht. Eher Swiss Indian Orchestra als Stress. Und es gibt ganz viel zu entdecken, von dem Sie garantiert noch nie gehört haben. Ab 200 Follower wird das Ding regelmässig aktualisiert.

Das muss man hören

Nicht nur das Schweizer Musikschaffen leidet Not – es ist auch international alles gerade etwas schwierig. Ungeachtet dessen, ist in den letzten Tagen eine ganze Menge grossartiger neuer Musik erschienen. So hat Baxter Dury – der derzeit unangefochten coolste Hund der englischen Musikszenerie – ein neues Album veröffentlicht. Man möchte sich diesen Herrn irgendwie nicht in Quarantäne vorstellen.

Die südafrikanischen Techno-Rap-Tunichtgute Die Antwoord haben ein neues Album ersonnen. Es ist das Beste, was die finstere Combo je ausgeheckt hat. Und es gibt erstmals auch ganz lohnende Kooperationen mit der boomenden Gqom-Szene.

Wer noch nicht das Vergnügen hatte, die schwedischen Post-Punk-Helden Viagra Boys kennen zu lernen, dem bietet sich eine neuerliche Chance: Soeben ist eine neue EP erschienen.

Wen es eher nach zappendusterem Folk gelüstet, dem sei der amerikanische Mystiker King Dude ans Herz gelegt.

Was war da noch? Es gibt neues Tonmaterial der charmanten Bastelschwestern CocoRosie, ein Wunderstück von Pierre Omer, afrikanisches Chanson von Zoufris Maracas, Vintage-Soul von Monophonics. Und nun ist endlich auch das Gemeinschaftswerk der afrikanischen Grossmeister Tony Allen und Hugh Masekela erschienen. Die beiden haben 2010 mit den Arbeiten dazu begonnen; nach dem Tod Masekelas hat Allen dieses grossartige Afrobeat-Jazz-Album mit jungen Musikern vollendet.

Hier gehts zur umfassenden Playlist mit der neusten Musik des leicht ungünstig gestarteten Jahres:

Darüber wird gesprochen

Es gilt von zwei Musikhelden Abschied zu nehmen: Gabi Delgado, der Sänger der Deutsch Amerikanischen Freundschaft, ist im Alter von 61 Jahren gestorben. Neben Kraftwerk und Can galt DAF als eine der einflussreichsten Bands Deutschlands, als Impulsgeber der Neuen Deutschen Welle und der Technomusik. Hier gehts zum Nachruf.

Als erstes prominentes Opfer des Coronavirus wird der kamerunische Saxofonist Manu Dibango in die Geschichte eingehen. Er hat mit seinem Welthit «Soul Makossa» 1972 so nebenbei die Discomusik miterfunden. Hier gehts zu seinem Nachruf

Und: Etwas verwirrlich war, was sich letzten Freitag im Bundeshaus vor der grossen Präsentation der wirtschaftlichen Hilfsprogramme zur Corona-Krise abgespielt hat. Zunächst sickerte durch, dass der Bund für Sport und Kultur nicht weniger als 1,5 Milliarden Franken bereitstellen wolle. Nachdem sich die Bundesräte noch einmal beraten hatten, war vom grossen Betrag nicht mehr viel übrig: 280 Millionen für die Kultur und 100 Millionen für den Sport. Offenbar hatte man sich entschieden, nicht das ganze Hilfsvolumen, sondern erst einmal die Höhe der Soforthilfe zu kommunizieren. An alle Kulturschaffenden: Es könnte also noch ein bisschen was nachgeschoben werden.

Was blüht

Nachdem es landläufig als eher unwahrscheinlich gilt, dass im Sommer Grossveranstaltungen stattfinden können und sogar die Olympischen Spiele verschoben werden, ist es wohl auch um die Schweizer Sommerfestivals geschehen. Dementsprechend lustlos fallen die jeweiligen Programmpräsentationen aus: Das Gurtenfestival, das mit dem besten Line-up seit Jahren aufwarten könnte (Balthazar, Little Dragon, Roisin Murphy, Arlo Parks, Seed, Amadou & Mariam – und aber bedauerlicherweise auch Loredana), hat sein Programm mit vorauseilenden Entschuldigungen gelüftet. Man sei sich bewusst, dass derzeit andere Themen grössere Priorität geniessen würden. Am Donnerstag ist das Montreux Jazz Festival mit der Programmpräsentation an der Reihe.

Das Fundstück

Es ist gar nicht so einfach, auf taugliche Songs mit thematischer Virus-Anbindung zu stossen. Ganz ordentlich hat sich Björk geschlagen – mitsamt eines sachdienlichen Entspannungsvideos. Und auch die Kostüme scheinen farblich ganz treffend dem orangen Winzling nachempfunden.

Musik zur Krisenbewältigung

Hier gibts fast 60 Stunden beseelte und deeskalierende Musik aus der ganzen Welt.

Jeden Dienstag schreibt die Musikredaktion in dieser neuen Kolumne über Popmusik. Und gibt mit einer Spotify-Playlist preis, welche Songs sie gerade hört.