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69-jähriger Jungunternehmer«Hier bin ich einfach der Urs»

Mobiliar-Verwaltungsratspräsident Urs Berger war seine ganze Karriere in der Versicherungsbranche tätig. Nun hat er das Unternehmen Sensopro mitaufgebaut, das mit seinen Fitnessgeräten international Erfolg hat.

Foto: Christian Pfander
Urs Berger posiert auf einem Fitnessgerät der Firma Sensopro.
Foto: Christian Pfander

Die Zusammenarbeit begann denkbar ungünstig. Kaspar Schmocker, der damals als Fitnesstrainer jobbte, forderte seinen prominenten Kunden auf, eine Trainingseinheit auf dem von ihm entwickelten Trainingsgerät Sensopro zu absolvieren. Und Urs Berger, dieses Schwergewicht der Versicherungsbranche, hielt sich nur für kurze Zeit auf dem trampolinähnlichen Boden des Geräts und machte dann einen spektakulären Abflug – als
hätte er die Vorlage liefern müssen für eine der bekannten Schadenskizzen der Mobiliar, seiner Arbeitgeberin.

Der Zwischenfall ging glücklicherweise glimpflich aus. Als ehemaliger Spitzenhandballer weiss Berger, wie man hinfällt, ohne sich die Knochen zu brechen. Mehr noch: Aus dem schmerzhaften Erstkontakt Ende 2016 wurde eine fruchtbare Zusammenarbeit.

Angebot von Carsten Maschmeyer ausgeschlagen

Berger fand Gefallen am ungewöhnlichen Trainingsgerät, das Jungunternehmer Schmocker während seines Studiums der Sportwissenschaften entwickelt und danach über mehrere Jahre perfektioniert hatte. Schmocker wiederum war damals auf der Suche nach einem Investor, der nicht nur Kapital einbrachte, sondern das Berner Start-up auch beim Wachstum und der Erschliessung neuer Märkte unterstützte.

Der Auftritt in der Sendung «Höhle der Löwen» hatte dem Sensopro-Team ein Angebot des schillernden deutschen Finanzunternehmers Carsten Maschmeyer eingebracht, der gern 30 Prozent der Firma übernommen hätte. Doch Schmocker und seine Partner in der Geschäftsleitung hatten kein gutes Gefühl. So kam der Kontakt zu Urs Berger gerade zur rechten Zeit, und die beiden Parteien kamen überein, dass
Berger für 350’000 Franken 20 Prozent an Sensopro übernehmen und fortan im Verwaltungsrat mitwirken würde.

Auffälliger Kontrast

Der Kontrast zwischen den beiden Welten könnte auf den ersten Blick nicht grösser sein. Hier der HSG-Absolvent und 69-jährige Manager, unter dessen Führung die Mobiliar die Prämieneinnahmen im Nichtleben-Geschäft von 1,8 Milliarden Franken (2004) auf über 3 Milliarden Franken (2019) gesteigert und den Marktanteil von 15 auf 20 Prozent ausgebaut hat. Da die halb so alten Jungunternehmer, die ein Geschäft aufbauen, das riskant und kaum berechenbar ist.

Beim Besuch am Sensopro-Hauptsitz in Münsingen fällt der Kontrast sogleich ins Auge. Berger ist vom eigenen Chauffeur hingefahren worden, er trägt einen blauen Anzug – kurz zuvor ist er beim Messeveranstalter Bern Expo als Verwaltungsrat verabschiedet worden. Schmocker und seine Geschäftskollegen begrüssen ihn in kurzen Hosen und Turnschuhen, statt höflichem Respekt gibt es hier flotte Sprüche zur Begrüssung.

«Hier steht die Beziehung im Vordergrund und der Glaube an eine Sache.»

Urs Berger, Verwaltungsratspräsident der Mobiliar und Neo-Jungunternehmer

Er habe zwar seine ganze Karriere in der Versicherungsbranche absolviert, sagt Berger, «aber ich bin ein sehr emotionaler Manager geblieben». Als privater Investor wisse er, dass er die Risiken nicht derart gut im Griff haben könne wie in seiner Rolle bei der Mobiliar. «Hier steht die Beziehung im Vordergrund und der Glaube an eine Sache.»

Keine Angst vor dem Scheitern

Ihn habe beeindruckt, sagt Berger, wie konsequent die Jungunternehmer alles auf eine Karte gesetzt hätten und dass sie nicht vor dem Risiko des Scheiterns zurückgeschreckt seien. Zudem sei das Sensopro-Gerät eine echte Innovation – erlaube es doch Kraft-, Ausdauer- und Koordinationstraining mit hohem Spassfaktor.

Berger hat sich längst mit dem Training auf der wackligen Unterlage und mit den Gummiseilen angefreundet. Nach mehreren Rückenoperationen musste er das Tennisracket an den Nagel hängen, heute gilt seine
Leidenschaft dem Golfsport. Die spezifischen Bewegungsabläufe kann er jeden Morgen auf dem Sensopro-Gerät einüben, das bei ihm zu Hause steht.

«Vom Spitzensportler bis zur Seniorin in der Rehabilitation können alle von diesem Koordinationstraining profitieren», sagt Berger, fügt aber sogleich an: «Aus unternehmerischer Sicht haben wir allerdings zwei Probleme: Die Geräte sind mit einem Preis von 22’000 Franken praktisch nur für Geschäftskunden erschwinglich – und sie gehen nie kaputt.» Deswegen sei es wichtig, neue Märkte zu erschliessen und auch günstigere Angebote für Privatkunden zu entwickeln.

«Wie ein Jungbrunnen»

Berger, der im Frühling 2022 nach elf Jahren das Verwaltungsratspräsidium der Mobiliar abgeben wird, beschränkt sich aber nicht auf strategische Empfehlungen. Kaspar Schmocker erzählt, er habe zu Beginn Hemmungen gehabt, den vielbeschäftigten Mitinhaber mit Alltagsthemen zu langweilen, dann aber schnell gemerkt, dass Berger sich für jedes Detail bis zur Ausgestaltung einzelner Trainingsprogramme interessiere.

«Bei Sensopro stellen sich die meisten Fragen zum ersten Mal; bei rund 50 Mitarbeitern braucht es nun etwas ‹Struktur im kreativen Chaos›.»

Urs Berger, Verwaltungsratspräsident der Mobiliar und Jungunternehmer

Der 69-Jährige sagt, für ihn sei es «wie ein Jungbrunnen», sich hier im Tagesgeschäft direkt einbringen zu können. Bei der Mobiliar mit ihren 5500 Angestellten sei vieles etabliert, es gebe Spezialisten und Managementinstrumente für alle Themen, er selbst mische sich kaum noch operativ ein.

Bei Sensopro dagegen stellten sich die meisten Fragen zum ersten Mal; bei rund 50 Mitarbeitern brauche es nun etwas «Struktur im kreativen Chaos», eine Kommunikationskultur, gelebte Kundennähe, geteilte Werte. Da könne er viel von seiner Erfahrung einfliessen lassen.

Dass seine Ideen kritisch hinterfragt und manchmal verworfen werden, störe ihn nicht – «das empfinde ich sogar als extrem erfrischend». Er habe auch bei der Mobiliar alles darangesetzt, ein nahbarer Unternehmenschef und später Präsident zu sein, erzählt Berger. Aber die Funktion schaffe in einer grossen Organisation automatisch Distanz. «Wenn ich mich in der Kantine als Erster an einen Achtertisch setze, bleibt dieser Tisch oft leer – weil niemand in den Verdacht geraten will, sich beim Chef anzubiedern.» Bei Sensopro wüssten viele nicht, was er sonst alles gemacht habe, da sei er einfach der Urs.

Der Wert der Erfahrung

Für Firmengründer Kaspar Schmocker und sein Team sind Bergers Erfahrung und sein Netzwerk Gold wert. Dass er betreffend Sitzungskultur, Kommunikation, Businessplan-Gestaltung und Liquiditätsplanung viel vom erfahrenen Manager lernen konnte, hatte er erwartet. Überrascht hat ihn dagegen, mit wie viel unternehmerischem Mut Berger sich in Projekte einbringt und sich dabei stark aufs Bauchgefühl stützt. Und wie lern- und begeisterungsfähig er ist, obwohl er eigentlich schon das Rentenalter erreicht hat.

Jüngstes Beispiel: Als Sensopro jüngst ein Video realisierte und prominente Sportler wie David von Ballmoos und Wendy Holdener ins Bild rückte, hatte auch Berger darin einen launigen Auftritt. Und seine Freude am Resultat war mindestens so gross wie die der Vertreter der Youtube-Generation.

Nächstes Ziel: China

Schmocker und sein Team haben inzwischen fast 1000 Geräte verkauft und in verschiedenen europäischen Ländern Fuss gefasst. Nebst Sportvereinen gehören vor allem Fitnessstudios, Gesundheitspraxen und Spitäler zur Stammkundschaft, aber auch grössere Unternehmen wie die Swisscom setzen Sensopro-Geräte im betrieblichen Gesundheitsmanagement ein.

Nun peilen die Berner Unternehmer den skandinavischen Markt an, und sie wollen in China Fuss fassen. Zudem soll das Angebot erweitert werden in Richtung Fitness fürs Gehirn und Demenzprophylaxe.