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Glosse: «Germany’s Next Topmodel»Heidi Klums Laufsteg-Drama zieht in der Krise noch mehr

Im Lockdown wird viel mehr TV geschaut. Besonders gefragt neben Nachrichten: Die Model-Castingshow «Germany’s Next Topmodel».

Und die Nächste, bitte: Bis zum Finale warten auf Heidi Klums Model-Kandidatinnen diverse «Challenges». Etwa ein Fotoshooting unter Wasser.
Foto: ProSieben/Richard Hübner

Selbst die tapfersten Gemüter müssen momentan untendurch. Höchste Zeit darum für eine gute Neuigkeit: Das Fernsehen ist nicht tot! Mit der Ansteckungskurve von Covid-19 sind nämlich auch die Einschaltquoten in die Höhe geschossen. Wie die Forschungsstelle Mediapulse gemessen hat, schaut die Schweiz seit der Ausrufung der «ausserordentlichen Lage» am 16. März deutlich mehr Fernsehen. Die tägliche Reichweite ist von 69 auf 75% der Bevölkerung ab 15 Jahren gestiegen. Das entspricht rund 363’000 mehr TV-Zuschauenden pro Tag.

Vor allem Informationsangebote wie die Tagesschau profitieren davon, aber auch Magazine und Ratgeber. Zugegeben, das ist nur die halbe Wahrheit. In Krisen giert der Kopf auch nach extra Ablenkung. Eindeutiges Indiz dafür: «Germany’s Next Topmodel» (GNTM), eine der meistgeschauten Trash-Sendungen aus Deutschland, verzeichnete seit dem Lockdown über 800’000 mehr Zuschauerinnen und Zuschauer. «Wir konnten seit dem Lockdown die Ratings von GNTM um 30% steigern», teilt der Schweizer Prosieben-Vermarkter Seven One Media mit.

Akrobatik und bizarre Accessoires

Ja, Heidi Klum und ihre «Meeeeedchen», wie die «Modelmama» sie liebevoll nennt. Seit 2006 kürt das Ex-Model jährlich ein neues «Topmodel». Bis zum Finale, das heuer ohne Livepublikum stattfinden wird, überstehen die Kandidatinnen schwierige Fotoshootings und Laufsteg-«Walks». Die meisten dieser «Challenges» beinhalten eines oder mehrere der folgenden Elemente: Tiere, Wasser, Akrobatik, Playback-Gesang, Stunts, Tanzen, Dreck, Fitness, Selfies. Dazu benötigen die Models möglichst wenig Kleidung, bizarr grosse Accessoires und unmöglich hohe Schuhe. Oft kombiniert mit nackten «Male Models».

Die beliebteste Folge ist aber jeweils das «Umstyling». Dort schaffen Hollywood-Frisöre total individuelle «Typen» aus den Girls. Zum Beispiel: «edgy» und «modern» (kurz), «sexy» (lange rote Locken) oder «glamorous» (etwas mit Extensions).

Laut einer Umfrage ist sich das Publikum im Klaren darüber, dass GNTM weder beim vermittelten Frauenbild noch dem Schönheitsideal auf der Höhe der Zeit ist. Auch gehören Beschwerden und Rechtsstreits darüber, was vor und hinter der Kamera an Zynismus und Mobbing geboten wird, bei der nun 15. Staffel längst zum Ritual. Von der Agentur ONEeins fab Management, die Papa Günther Klum gehört und bei der die Siegerin unterkommt, hat sich manches Model wieder losgeklagt.

Von der Agentur, die Papa Günther Klum gehört, hat sich manches Model wieder losgeklagt.

Der Laufsteg bleibt für die meisten Teilnehmerinnen ein Traum. Immerhin: Sehr gut, wie Promiflash.de beeindruckend auflistet, stehen die Chancen für eine Karriere bei anderen TV-Sendungen wie «Big Brother» oder «Dancing on Ice». Allenfalls auch als Moderatorin des dazugehörigen «Talks».

Mit Fieber Sprüche klopfen

Weil GNTM aber eben trotz allem immer noch gut läuft, hat Promiflash.de das «Erfolgsrezept» mit «Expertinnen» (ehemalige Kandidatinnen) ergründet. Zutat 1: Die Sendung halte die «Vielfalt», oder moderner, «Diversity» hoch. So darf in den jüngeren Staffeln mindestens eine Transgender-Frau und eine «mit Kurven» mitmachen. Gewonnen haben jene allerdings noch nie. Zutat 2: Dass Heidi Klum von einer festen Jury auf wechselnde Gast-Juroren gewechselt habe, sei «cool». Vielleicht fühlten sich die langjährigen Mit-Juroren, der Creative Director Thomas Hayo (51) und der Designer Michael Michalsky (53), aber irgendwann auch einfach zu alt für die Meeedchen.

Heidi Klum (46) dagegen, die selbst mit Fieber noch Sprüche klopft, macht das «Entertainen» mit ihren Castingformaten (sie hat mehrere) offensichtlich noch immer Spass. Und – es ist nicht schönzureden – viele, auch ich, schauen ihr dabei sehr gerne zu, wie sie ihre Altersvorsorge mit den Peinlichkeiten anderer sichert. Ohne Anzeichen von Empathie. Als beim letzten Tauch-Fotoshooting eine Kandidatin eine Panikattacke hatte, tätschelte sie ihr nicht mal den Arm, sondern liess sie von Assistenten schnell an den Rand schaffen, um mit der nächsten weiterzumachen.

Aber zurück zu den guten Nachrichten, die anfangs versprochen wurden. Der Vertrag mit Prosieben soll 2025 auslaufen. Nur noch fünf Staffeln GNTM stehen bevor. Oder kommt alles anders? Nochmals die Kollegen von Promiflash.de: «Vielleicht fällt Heidi bald ja noch eine Neuerung ein – und dann ist auch nach 2025 noch lange nicht Schluss mit GNTM.» Tapfer bleiben!

GNTM läuft am Donnerstag um 20.15 Uhr auf ProSieben.