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Erzählung über eine FluchtHaut und Knochen

Das Berner Lesefest Aprillen entfällt wegen der Corona-Krise. Der «Bund» bringt die brachliegenden Texte. – Folge 4: Tom Combo über eine Flucht.

In Tom Combos aktuellem Roman «Inneres Lind» sucht eine Gruppe von ehemaligen Mountainbikern ihren Weg in die Gesellschaft.
In Tom Combos aktuellem Roman «Inneres Lind» sucht eine Gruppe von ehemaligen Mountainbikern ihren Weg in die Gesellschaft.
Foto: Thomas Meister

Toufan rannte, er rannte über Wege, Wiesen, er sprang über Bäche, Hecken, rannte durch den Wald, durchs Unterholz, er atmete hastig und duckte sich unter Ästen hindurch, wich dichten Brombeersträuchern aus und trat auf morsches Holz, das ihn einsinken liess, er stiess sich im Rennen an Steinen und fiel, rappelte sich wieder auf, und weiter ging es, seine neongrüne Trainerjacke halb offen, sodass der Wind sie aufblähte, ein Bremsschirm, die Nummer zweiundzwanzig darauf, aus unerfindlichen Gründen, das Abendlicht, das die Sonne zwischen Horizont und dunkeln, schweren Wolken hindurchschickte, leuchtete auf die Nummer, auf seinen Hinterkopf und auf die blutende Wunde hinter dem Ohr, wo er sich geschnitten hatte oder sie ihn geschnitten hatten, ehe er flüchtete und sie hinter ihm her rannten, bis sie aufgeben mussten, weil er schneller war als sie, aber sie hatten Motorräder, und darum rannte er nun Richtung Hof und hoffte, er würde schneller dort sein als sie, er rutschte den Abhang hinunter, überquerte die Strasse, er hörte, wie die Maschinen näher kamen, er sprang ein paar Meter in die Tiefe, rutschte übers feuchte Gras, glitt wieder auf die Strasse, hier, wo sie in Haarnadelkurven verlief, war er ihnen überlegen, aber unten kam die Ebene, und auf dem Hof, auf dem er arbeitete, warteten seine Frau und sein Sohn, und dort wartete die Pistole, geladen, für Fälle wie diesen, die Männer würden nicht darauf vorbereitet sein und würden davonfahren, und ehe sie wieder kommen würden, wäre er schon weg, er und seine Frau und sein Sohn, mal wieder, denn die Flucht ist sein Zuhause, der Ort, an den er immer wieder zurückkehrt, sie haben ihn noch nie gefasst, dort nicht und hier nicht, hier, wo die Leute nicht wissen, wie es ist, um sein Leben zu rennen, wo alle denken, man könne doch darüber reden, über alles reden, wo die Leute nichts wissen von dieser zweiten Welt, die jederzeit hervorbrechen kann und von allem Besitz ergreifen, von der Landschaft, von den Menschen, die alles in sich hineinsaugen kann, wie ein schwarzes Loch, alles, was dich auszumachen scheint, all dieses Menschsein, das auf dünnen Beinchen steht wie ein dürrer Greis, der nur noch Haut und Knochen ist, mit tief eingefallenem Gesicht und grossen Augen, die dich mit totem Blick anstarren.

Er liess sich erschöpft fallen und schloss die Augen. Er hatte keine Pistole. Er hatte keine Familie hier, er hatte nirgendwo eine Familie.

Der Hof kam näher, der Wind blähte die Jacke auf, die Sonne wärmte seine linke Gesichtshälfte, der Schweiss lief über die Stirn, und vor sich sah er den Staub, den die Motorräder auf der Kiesstrasse aufwirbelten, bevor sie vor dem Hof zum Stehen kamen.

Er liess sich erschöpft fallen und schloss die Augen. Er hatte keine Pistole. Er hatte keine Familie hier, er hatte nirgendwo eine Familie.

Der Bauer schaute aus dem Fenster des Riegelhauses und begann, mit den Männern zu reden. Sie drehten ihre Köpfe und schauten hinüber zu Toufan. Sie lachten kurz und bellend. Dann fuhren sie wieder weg. Die Motorräder brüllten. Der Bauer kam aus dem Haus und stapfte, beobachtet von träge wiederkäuenden Kühen, über die Weide zu Toufan. Er stiess ihn mit seinen Bergschuhen an.

«Sie sagen, du spinnst. Du musst weg hier», sagte der Bauer. Toufan griff nach dessen Bein und zog ruckartig daran, sodass er den Halt verlor und fluchend zu Boden fiel. Er stand auf und rannte zum Haus. Er packte seine Sachen in einen Rucksack und schulterte ihn, er nahm seinen Sohn auf den Arm und zog seine Frau aus dem Zimmer. Sie wäre gerne noch ein wenig geblieben, sagte sie, als er mit ihnen aus dem Haus stürmte.

Der Musiker, Spoken-Word-Poet und Hörspielschreiber hat vor kurzem seinen Roman «Inneres Lind» publiziert, ein witziger, fesselnder Text über Musik, Sport und offene und versteckte Gewalt.