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Trotz hoher Corona-FallzahlenHauptsache ist, es wird Baseball gespielt

Die Infektionsrate in den USA ist weiterhin hoch. Trotzdem beginnt heute Donnerstag die Baseballsaison. Die 30 Teams spielen in 28 Städten – und fliegen dafür landauf, landab.

Maske auf und keine High fives: Tzu-Wei Lin von den Boston Red Sox bei einem Trainingsspiel.
Maske auf und keine High fives: Tzu-Wei Lin von den Boston Red Sox bei einem Trainingsspiel.
Foto: Getty Images

Der erste Wurf der Saison wird in der Major League Baseball immer pompös zelebriert. Für ihn werden ganz spezielle Menschen gesucht: Clublegenden, Kriegsveteranen, Helden des Alltags.

Wenn am Donnerstag die Washington Nationals in die neue Saison starten, dann wirft diesen ersten Ball Anthony Fauci, Immunologe und Virusexperte der US-Regierung.

Das ist die neue Normalität.

Dass er Baseballfan ist, steht ihm ins Gesicht geschrieben: Anthony Fauci.
Dass er Baseballfan ist, steht ihm ins Gesicht geschrieben: Anthony Fauci.
Foto: Reuters

In der neuen Normalität infizieren sich in den USA noch immer täglich mehr als 60’000 Menschen mit Covid-19. Und in dieser nimmt die Major League Baseball (MLB) als erste der vier grossen nordamerikanischen Sportligen ihren Spielbetrieb auf.

60 Spiele in neun verschiedenen Städten

60 Partien trägt jedes Team aus. Danach folgt das Playoff. Doch anders als im Basketball oder Eishockey verzichtet die MLB auf einen Ligabetrieb in einer sogenannten Blase mit allen Teams an einem Ort. Gespielt wird in den normalen Stadien, Zuschauer sind da zwar keine zugelassen, und der Spielplan wurde geografisch angepasst, um die Reisen so kurz wie möglich zu halten.

Das heisst aber in Nordamerika: Die Seattle Mariners spielen zum Saisonauftakt im 3800 Kilometer weit entfernten Houston. Danach reisen sie auch noch nach Oakland, Los Angeles, Anaheim, Arlington (Texas), Denver, San Francisco, San Diego, Phoenix.

Es gibt auch einen 113-seitigen Regelkatalog. Der schreibt vor, dass alle Teammitglieder alle zwei Tage getestet werden müssen. Es gibt Regeln für die Spiele (verboten sind High fives, Spucken oder das Teilen eines Deos), es gibt Regeln fürs Reisen (im Flugzeug muss der mittlere Sitz immer leer sein, im Hotel darf niemand im Pool schwimmen, und jeder muss seine Taschen selbst ins Zimmer tragen). Was aber ein Spieler ausserhalb des Vereinsgeländes macht, ist nicht reglementiert. Da steht nur: «Die Liga erwartet von jedem Club, dass die Spieler verantwortungsbewusst agieren.»

«Es ist eine Wähle-das-geringere-Übel-Situation.»

Zachary Binney, Epidemiologe

Experten sind sich nicht einig, ob das eine schlaue Idee ist. Allerdings ist auch der Blasen-Ansatz umstritten. Der Epidemiologe Zachary Binney erklärte der «Sports Illustrated»: «Es ist eine Wähle-das-geringere-Übel-Situation. Du kannst das gesamte Risiko zentralisieren. Aber wenn die Stadt explodiert, ist deine gesamte Liga in Gefahr. Oder du kannst dein Risiko verteilen. Ein Team wird sehr wahrscheinlich irgendwann mal Probleme bekommen, dafür musst du dann nicht gleich alles stoppen.»

Hauptsache ist, es wird gespielt.

Dabei gibt es noch ganz andere Probleme. Da sind zum Beispiel die Toronto Blue Jays. Am 29. Juli sollten sie ihr erstes Heimspiel gegen die Washington Nationals austragen. Am 18. Juli erfuhren sie, dass sie nicht zu Hause spielen dürfen. Kanada hat die Grenzen bis Mitte August für alle nicht notwendigen Reisen geschlossen. Wer dennoch einreist, muss 14 Tage in Quarantäne. Ausnahmen gibt es keine. 11 Tage Zeit haben die Blue Jays, um ein neues Zuhause zu finden.

Und da sind unzählige Spieler, die zu Hause schwangere Frauen, neugeborene Kinder oder Eltern mit einer Vorerkrankung haben. Die sich nun die Frage stellen müssen: Spiele ich die Saison und gefährde damit womöglich die Gesundheit meiner Familie? Oder bleibe ich zu Hause und verzichte auf mein Gehalt? Denn wer sich entscheidet, nicht zu spielen, wird nicht bezahlt.

Das Nachspiel ist programmiert

Diese 60-Spiele-Saison ist ein Kompromiss, der eigentlich keinem passt. Wochenlang haben sich Teameigner und Spielergewerkschaft Vorschläge für eine verkürzte Saison vorgelegt. Gestritten wurde ums Geld. Die Teameigner wollten für weniger Spiele auch weniger Lohn zahlen. Die Spieler fanden das einen Affront. Irgendwann hat die Liga dann die 60-Spiele-Lösung durchgesetzt. Hauptsache ist, es wird gespielt.

Die Spielergewerkschaft liess aber bereits durchblicken, dass sie Klage einreichen wird. Sie wirft der Liga vor, nicht alles getan zu haben, um eine möglichst lange Saison zu spielen.

Und so ist schon jetzt klar, dass diese denkwürdige Saison ein Nachspiel haben wird. Ob sie zu Ende gespielt wird oder nicht.