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Schutz vor dem CoronavirusDieser Schweizer Arzt will schon im Oktober impfen

Mehr als 70 Forscherteams weltweit liefern sich ein Wettrennen um den ersten Impfstoff gegen Covid-19. Immunologe Martin Bachmann vom Inselspital Bern hat ein ambitioniertes Ziel.

Hat bei Mäusen mit dem Impfstoff bereits eine gute Immunantwort ausgelöst: Immunologe Martin Bachmann mit seinem Team im Inselspital Bern. Foto: Philippe Rossier/Blick
Hat bei Mäusen mit dem Impfstoff bereits eine gute Immunantwort ausgelöst: Immunologe Martin Bachmann mit seinem Team im Inselspital Bern. Foto: Philippe Rossier/Blick

Die Schweiz wartet auf einen Impfstoff. Er soll uns den Alltag zurückbringen, auch für die Risikogruppen. Mehr als 70 Forscherteams liefern sich im Moment weltweit einen Wettlauf, um einen solchen Impfstoff gegen Covid-19 herzustellen. Ganz vorne mit dabei ist der Schweizer Immunologe Martin Bachmann vom Inselspital Bern. Bachmann hat ambitionierte Pläne und einen sehr sportlichen Zeitplan: «Unser Impfstoff soll im Oktober bereit sein», sagt er jetzt. Letzte Woche fanden bereits Gespräche mit der Arzneimittelbehörde Swissmedic statt. Am Dienstag schaute sogar Bundesrat Alain Berset vorbei. Wenn alles wie geplant klappt, will Bachmanns Team bis im Oktober zehn Millionen Dosen produziert haben, um die Schweizer Bevölkerung zu versorgen. Bachmann hätte dann in neun Monaten geschafft, was normalerweise fünf bis zehn Jahre dauert.

Zwar gibt es internationale Anstrengungen, sich bei der Impfstoffentwicklung zusammenzutun. Auch zwei grosse Hersteller kündigten am Dienstag eine Kooperation an. Trotzdem schaut jedes Land in der momentanen Situation als Erstes für sich selbst, und deshalb braucht die Schweiz zumindest in einem ersten Schritt eine eigene Lösung. Noch drei weitere Forscherteams arbeiten hierzulande an einem Kandidaten für einen Impfstoff: Peter Burkhard von der Universität Basel, Steve Pascolo von der Universität Zürich und das Berner Start-up Innomedica.

Bewährtes Verfahren

Es gibt viele verschiedene Methoden, einen Impfstoff herzustellen. Bachmanns Team setzt auf ein bewährtes Verfahren mit sogenannten virenähnlichen Partikeln. Diese Partikel sind nicht infektiös, sorgen in der Regel aber für gute Immunantworten. Die Impfstoffe gegen das Humane Papilloma-Virus (HPV) und gegen Hepatitis B, die schon auf dem Markt sind, basieren auf diesem Verfahren. Einige internationale Teams wie das US-Unternehmen Moderna oder das deutsche Curevac, die teilweise bereits mit Tests an Menschen begonnen haben, haben sich hingegen für neue mRNA-Impfstoffe entschieden. Weltweit gibt es allerdings noch keinen einzigen Impfstoff, der auf diesem Verfahren basiert und schon zugelassen ist.

Für seinen Impfstoff stellt Bachmann im Labor eine Virenattrappe her. Sie gaukelt dem menschlichen Immunsystem nach der Impfung eine Covid-19-Infektion vor. Das Immunsystem bildet daraufhin Antikörper, und diese würden den Geimpften bei einer tatsächlichen Ansteckung vor der Erkrankung schützen. Die im Labor gefertigte Virenattrappe besteht aus verschiedenen Teilen. Als Grundlage verwendet Bachmann ein Gurkenvirus. Dieses harmlose Virus verbindet er mit einem winzigen Teil des Coronavirus, nämlich mit der Spitze des zackenartigen Proteins, das auf der Oberfläche von Sars-CoV-2 sitzt. Mit dieser Spitze dockt das Virus normalerweise an die menschlichen Zellen an, die es infizieren möchte.

Erste positive Resultate

Bei Mäusen wirkt Bachmanns Impfstoff bereits, er hat bei den Nagern eine gute Immunantwort ausgelöst. Die nächste Herausforderung ist nun, den Impfstoff rasch in grossen Mengen produzieren zu können. Dazu musste Bachmann sein Vorgehen noch etwas anpassen. Mit dem leicht veränderten Impfstoff laufen nun wiederum Tierversuche. Sollten auch sie in rund einer Woche die gewünschten Resultate liefern, startet bereits die Produktion, die Bachmann mit einem Biotech-Institut in Wädenswil aufgegleist hat – obwohl noch nicht einmal feststeht, ob der Impfstoff einst bei Menschen zum Einsatz kommen kann.

Doch nur wenn die Forscher die einzelnen Schritte, die sonst einer nach dem anderen geschehen, nun parallel und mit möglichst wenig bürokratischem Aufwand durchlaufen, haben sie eine Chance, ihr Vorhaben so rasch durchzuziehen, wie alle nun hoffen.

«Ja, der Druck ist schon gross, aber ich bin zuversichtlich.»

Martin Bachmann, Immunologe am Inselspital Bern

Inzwischen ist auch die Finanzierung des Projekts durch eine Kooperation mit der Stiftung des Universitätsspitals Zürich auf gutem Weg. Im August will Bachmann die ersten Tests an Freiwilligen starten. «Mich selbst werde ich als Erstes impfen», sagt der Immunologe. An einer kleine Gruppe testet er dann anschliessend, ob der Impfstoff überhaupt verträglich ist. Dann folgen Wirksamkeitstests an einer grösseren Gruppe mit 100 bis 200 Probanden.

Diese klinischen Phasen der Impfstoffentwicklung dauern normalerweise Jahre, auch weil es schwer planbare Teilphasen gibt. So wartet man unter anderem ab, bis sich eine Testperson in ihrem normalen Alltag mit der jeweiligen Krankheit ansteckt, und überprüft dann, ob der Schutz funktioniert. Weil es ethisch nicht vertretbar ist, jemanden bewusst im Labor anzustecken – obwohl in den USA Stimmen genau dies vorschlagen –, muss Bachmann diesen Schritt, um schnell zu sein, durch Labortests ersetzen. Er wird seinen Probanden Blut abnehmen, daraus die Antikörper isolieren und im Labor überprüfen, ob diese Antikörper das Coronavirus neutralisieren.

Genbasierte Impfstoffe: eine vielversprechende Methode
Mehr als 40 Firmen entwickeln derzeit in Schnellverfahren Impfstoffe gegen das neue Coronavirus Sars-CoV-2. Die Impfstoffe sollen unser Immunsystem anregen, das Virus zu bekämpfen. Es gibt unterschiedliche Ansätze, wie die Impfstoffe wirken. Eine vielversprechende Methode ist die sogenannte mRNA-Technologie. So funktioniert sie:
Video: Sarah Sbalchiero / Anke Fossgreen

Der Druck ist gross, die Verantwortung auch. Bei einem Impfstoff, der einst Millionen von Menschen gespritzt werden wird, wären Sicherheitsprobleme verheerend. Frühere Versuche mit Impfstoffen gegen die ebenfalls von Coronaviren ausgelösten Krankheiten Sars und Mers hatten eine seltene, aber gefährliche Nebenwirkung in Tiermodellen. In gewissen Fällen verstärkten sie die Krankheit, anstatt sie zu verhindern. Die Forscher vermuten, dass das mit einer Überreaktion bestimmter Immunzellen, den sogenannten T-Helferzellen Typ 2, zu tun hat. «Bei unserer Impfung kann das nicht passieren», sagt Bachmann, weil dieser bestimmte Zelltypus nicht angeregt werde.

Beschleunigte Zulassung

Auch bei der Zulassung von Impfstoffen läuft im Moment vieles anders als sonst. Seit der Revision des Heilmittelgesetzes Anfang 2019 hat Swissmedic sowieso diverse Optionen, eine Zulassung zu beschleunigen. Das Pandemiegesetz und die Verordnungen des Bundesrates der letzten Wochen bieten zusätzliche Abkürzungen. Swissmedic begleitet die Forscher in der aktuellen Situation schon während der Entwicklung, «Scientific Advice» nennt sich das Verfahren. Auch beim Bundesamt für Gesundheit gibt es eine Arbeitsgruppe für die Impfstoffentwicklung.

Die Verantwortlichen bei Swissmedic kennen Bachmanns Zeitplan. «Wir sind vorbereitet, um schnell entscheiden zu können», sagt Lukas Jaggi von Swissmedic. Die Covid-19-Verordnung 2 des Bundesrates erlaubt sogar den Einsatz von Medikamenten oder Impfstoffen, während die Zulassung noch läuft. Wichtig sei dann nur die Abwägung zwischen Risiken und Nutzen. Auch eine befristete Zulassung wäre laut Jaggi ein gutes Instrument.

Wie wahrscheinlich ist es, dass Bachmann seinen ambitionierten Zeitplan einhalten kann? Noch muss das Projekt einige Klippen umschiffen. Entscheidend wird sein, ob die Impfstoffproduktion in grossen Mengen klappt, und vor allem dann im August, ob der Impfstoff gut verträglich ist und eine gute Immunantwort im Menschen produziert. Dafür arbeitet Bachmann im Moment rund um die Uhr. «Ja, der Druck ist schon gross», sagt er, «aber ich bin zuversichtlich.»