Zum Hauptinhalt springen

Kampf gegen den Klimawandel Hanf statt Zement: So will Sika mit Spezialmörtel die Umwelt schützen

Der Bauchemiekonzern Sika hat einen Fassadenmörtel aus Hanf entwickelt. Damit soll am Bau weniger umweltschädlicher Zement zum Einsatz kommen und der CO2-Ausstoss verringert werden.

Ein Hanffeld. Industriehanf wird auch am Bau verwendet.
Ein Hanffeld. Industriehanf wird auch am Bau verwendet.
Foto: Franziska Scheidegger

«Kann man das rauchen?» Diese Frage wird Evelyne Prat oft gestellt. Sie ist Chemikerin bei dem von Sika übernommenen französischen Bauzulieferer Parex und hat einen Fassadenmörtel aus Hanf entwickelt. Im Vergleich zu herkömmlichem Mörtel aus Zement wird er deutlich umweltfreundlicher hergestellt und hilft wegen seiner guten Isolationseigenschaften, den Energieverbrauch zu reduzieren. Nach sieben Jahren an Entwicklungsarbeit und einem erfolgreichen Marktstart in Frankreich will Sika den Mörtel nun auch in anderen Ländern einführen.

Sie hat den Hanfmörtel federführend entwickelt. Die Chemikerin bei der Sika-Tochter Parex, Evelyne Prat.
Sie hat den Hanfmörtel federführend entwickelt. Die Chemikerin bei der Sika-Tochter Parex, Evelyne Prat.
Foto: Angelika Gruber

Auch wenn derzeit die Corona-Krise alles dominiert: Der Kampf gegen die Erderwärmung hat nichts an Dringlichkeit verloren. Dem Bau- und Gebäudebereich kommt dabei eine Schlüsselrolle zu. Denn er ist weltweit für 39 Prozent des CO2-Ausstosses verantwortlich, hat die Internationale Energieagentur ermittelt. Elf Prozent gehen allein auf die Herstellung von Materialien wie Stahl, Glas oder Zement zurück. «Das ist ein grosses Thema für uns», sagt Prat. Ihr Ziel war es, für den neuen Fassadenmörtel keinen Zement, sondern nachwachsende Rohstoffe zu verwenden und die Herstellung umweltfreundlicher zu machen.

«Wir verwenden den Abfall»

Dennoch war die Skepsis zu Beginn des Projekts gross. «Viele haben gesagt: Hanf ist doch zum Rauchen», erinnert sich die Französin, die bei Parex für Zementtechnologien verantwortlich ist. «Aber wir haben das ernst gemeint.» Schliesslich ist Hanf in der Baubranche bereits seit langem als gutes Isoliermaterial bekannt – auch wenn es zuvor nicht in industriellem Ausmass eingesetzt wurde.

Die ehrgeizige Managerin liess sich nicht entmutigen. Parex ist Marktführer für Spritzmörtel in Frankreich. Dort enthält jede dritte Fassade den Mörtel der Sika-Tochter. Ähnlich wie bei herkömmlichem Fassadenmörtel wird die Mischung aus Hanf und einem Bindemittel angerührt, an die Wand gespritzt und dort glattgestrichen. Anschliessend wird darauf eine Schutzschicht angebracht. Der Hanfmörtel kann auch im Innern von Häusern eingesetzt werden und eignet sich gut als Isolation – gegen Hitze und Kälte ebenso wie gegen Geräusche.

Ein Arbeiter bringt den Hanfmörtel auf der Wand auf.
Ein Arbeiter bringt den Hanfmörtel auf der Wand auf.
Foto: Sika
Die Hanfschnitzel werden zuvor mit einem Bindemittel vermischt.
Die Hanfschnitzel werden zuvor mit einem Bindemittel vermischt.
Foto: Sika
Hier sind alle Arbeitsschritte sichtbar – vom isolierenden Hanfmörtel rechts unten bis zur finalen Schicht links oben.
Hier sind alle Arbeitsschritte sichtbar – vom isolierenden Hanfmörtel rechts unten bis zur finalen Schicht links oben.
Foto: Sika
1 / 5

Das Rohmaterial dafür kommt aus Frankreich – vom grössten Hanfproduzenten in Europa, La Chanvrière de l’Aube, auf halber Strecke zwischen Basel und Paris. Dieser hat seine Kapazitäten kontinuierlich aufgestockt – auch dank der steigenden Nachfrage etwa aus der Lebensmittel-, Kosmetik- und Textilindustrie. Parex benutzt den Stamm der Hanfpflanze, der zuvor klein geschnitten wird. «Wir verwenden eigentlich den Abfall», sagt Prat. Dieser eigne sich nicht für den Konsum. «Man kann es schon versuchen zu rauchen, aber es bringt nichts», sagt Prat. «Man wird davon nicht high.»

Das eigens entwickelte Sprühverfahren will Sika nun auch auf andere Materialien ausweiten. In den USA, wo der Anbau von Hanf begrenzt ist, könnte man stattdessen klein geschnittene Maispflanzen verwenden. In Asien eigne sich Reisabfall gut als Ersatz für die Hanfschnitzel, sagt Prat.

Gerade in China sei die Nachfrage nach umweltfreundlichem Baumaterial gross. «China will den CO2 Ausstoss beschränken», erklärt die Managerin. In südlichen Ländern könne der Hanfmörtel zudem zur Kühlung von Räumen eingesetzt werden. «Wenn es sehr heiss ist, dann gibt der Hanf Feuchtigkeit ab und sorgt für Frische. Das kann den Einsatz von Klimaanlagen deutlich verringern», sagt Prat.

Kampfansage an Zementindustrie

Einen zusätzlichen Nachfrageschub erhofft sich das Unternehmen von den EU-Umweltschutzplänen zur Renovierung von Gebäuden. «Wenn Häuser besser isoliert sind, dann verbrauchen sie weniger Energie. Das wird die Nachfrage nach Produkten wie diesem steigen lassen», sagt Prat. Ziel sei, den neuen Mörtel am Massenmarkt zu etablieren.

Das ist gleichzeitig eine Kampfansage an die Hersteller herkömmlicher Baumaterialien – etwa Isolationsmaterial aus Styropor oder traditioneller Mörtel aus Zement. Doch der Chef des weltgrössten Zementherstellers LafargeHolcim, Jan Jenisch, gibt sich gelassen – auch wenn Produkte wie dieses die Zementnachfrage künftig schmälern könnten. «Es ist auch unser Bestreben, mit weniger Zement bessere Produkte zu machen. Das fällt in die gleiche Kategorie», sagt Jenisch.

Bleibt noch eine wichtige Frage zu klären: Ist die Wand aus Hanfmörtel brennbar? «Nein», versichert Prat. Das auch dank der Schutzschicht, die darüber aufgebracht wird. Bei einem Brand muss die Nachbarschaft also nicht fürchten, high zu werden.