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Kämpfer an der Rassismus-FrontHamilton denkt täglich über seine Hautfarbe nach

Der sechsfache Formel-1-Weltmeister gibt der Bewegung gegen Rassismus eine gewichtige Stimme – als dunkelhäutiger Superstar in einem weissen, elitären Sport.

Lewis Hamilton, Dominator im weissen Zirkus Formel 1, sagt: «Wir versagen als Menschen, wenn wir nicht dafür aufstehen, das Richtige zu tun.»
Lewis Hamilton, Dominator im weissen Zirkus Formel 1, sagt: «Wir versagen als Menschen, wenn wir nicht dafür aufstehen, das Richtige zu tun.»
Foto: Franck Robichon (Keystone)

In der Formel 1 schweigen einzig die Motoren. Bis sie in vier Wochen mit dem Saisonstart auf dem Red-Bull-Ring in Spielberg ein Stück Normalität zurückerhält, wird weiter politisiert, gezankt, spekuliert, als gäbe es keinen Stillstand.

Doch in diesen Tagen geht es um Grösseres als die eigenen Sorgen des Alltags, der verzögerte Saisonstart wegen Covid-19 schärft den Blick über den Sport hinaus. Der grausame Tod von George Floyd vor zwei Wochen durch Polizeigewalt in Minneapolis schreckte auch manch einen in der Szene auf, die seit jeher von weissen und meist alten Männern dominiert und dirigiert wird. Dessen grosser Star aber seit Jahren ein Mann mit dunkler Hautfarbe ist. Und dieser meldet sich lautstark zu Wort.

Lewis Hamilton, der in diesem Jahr nach Schumachers galaktischer Marke von sieben Weltmeistertiteln greift, steht nun auch anderswo an vorderster Front: bei der Bewegung, die sich nach dem auf Video festgehaltenen Verbrechen formiert hat, «Black Lives Matter». In den sozialen Netzwerken liess der 35-Jährige, dessen Grosseltern väterlicherseits in den 50er-Jahren aus Grenada nach England auswanderten, seiner Wut freien Lauf. Er schrieb: «Ich habe so viel Zorn und so viel Traurigkeit gefühlt und konnte nicht glauben, was meine Augen gesehen haben. Angesichts so schamloser Missachtung von Menschenleben wurde ich komplett von Wut übermannt. Die Ungerechtigkeit, die unsere Brüder und Schwestern auf der ganzen Welt immer wieder erfahren, ist entsetzlich und muss aufhören.»

«Wir sind alle gleich. Wir werden nicht mit Rassismus und Hass in unseren Herzen geboren.»

Lewis Hamilton, sechsfacher Formel-1-Weltmeister

Das sei in Grossbritannien nicht anders, in Spanien, Italien, «überall. Die Art und Weise, wie Minderheiten behandelt werden, muss sich ändern. Wir sind alle gleich. Wir werden nicht mit Rassismus und Hass in unseren Herzen geboren. Das wird uns von denen beigebracht, zu denen wir aufschauen.» Und: «Wir versagen als Menschen, wenn wir nicht dafür aufstehen, das Richtige zu tun.»

Der Hieb gegen Trump

Hamilton teilte ein Bild, auf dem das Weisse Haus zu sehen ist. In der Nacht, ohne Beleuchtung. Der Text dazu: «Das ist jenes Bild, das Trump definieren wird.»

Er vermisste auch die Solidarität in der Formel 1, wendete sich mit einem flammenden Appell und Vorwürfen an die Szene: «Einige von euch sind die grössten Stars, und trotzdem sagt ihr inmitten dieser Ungerechtigkeit kein Wort. Kein Zeichen von irgendjemandem in meinem Sport, der von Weissen dominiert wird. Ich bin einer der wenigen Farbigenund stehe ganz allein da.»

Mit Sonnenbrille, coolem Gefährt und seinen zwei Hunden: Lewis Hamilton dreht im Fahrerlager seine Runden.
Mit Sonnenbrille, coolem Gefährt und seinen zwei Hunden: Lewis Hamilton dreht im Fahrerlager seine Runden.
Foto: Manu Fernandez (Keystone)

Nun mag Hamilton einer sein, der sich stets abheben wollte von der Masse. Durchaus gerne erzählte er davon, in der «nicht gerade noblen Gegend in Stevenage» 40 Kilometer nördlich von London aufgewachsen zu sein, wo er in der Wohnung seines Vaters Anthony auf dem Sofa schlief, während dieser «drei bis vier» Jobs nachging. Derweil seine heutigen Konkurrenten in gut betuchten Familien aufwuchsen, deren Weg vorgezeichnet war und ihnen alle Türen offen standen. Hamilton ragt mit spektakulären Zöpfchenfrisuren, viel Bling-Bling, in Begleitung von Pop-Sternchen oder seinen zwei Hunden, die er im Fahrerlager Gassi führt, heraus aus der oft blassen Masse. Vor allem aber tat er das in diesem elitären, von Millionären und Milliardären gelenkten Sport wegen seiner Hautfarbe. Tut er das noch heute. 2020.

Er erklärt seinem Chef Rassismus

Nach Hamiltons Wutschreiben meldeten sich Teams und schlossen sich den Protestbekundungen an. Fahrer wie Charles Leclerc, Carlos Sainz, Lando Norris oder Daniel Ricciardo erhoben ihre Stimme gegen Rassismus. Hamiltons Rennstall Mercedes stellte sich hinter seinen Vorzeigefahrer: «Wir stehen an deiner Seite, Lewis. Toleranz ist ein zentraler Grundwert in unserem Team und jegliche Form von Diversität bereichert unsUnd Toto Wolff, Motorsportchef des seit Jahren dominierenden Rennstalls, erzählte diese Geschichte: «Lewis fragte mich einmal: Toto, hast du je aktiv darüber nachgedacht, dass du weiss bist?» Nein, habe er nicht. Hamilton sagte: «Weisst du, ich muss jeden Tag über meine Hautfarbe nachdenken, weil ich jeden Tag darauf aufmerksam gemacht werde.»

«Ich will, dass mein Leben eine Bedeutung hat. Bislang hatte es wenig Bedeutung.»

Lewis Hamilton, sechsfacher Formel-1-Weltmeister

Es war ein Votum, das auch den Österreicher beschäftigte, ihn dazu veranlasste, intensiver über Rassismus nachzudenken, er sagt: «Es ist aus unserer Sicht schwer, sich wirklich vorzustellen, wie schwierig das ist. Daher bin ich sehr froh darüber und unterstütze es auch, dass sich Lewis dazu so stark äussert. Es ist gut, dass er als Superstar in dieser Bewegung ganz vorne dabei ist. Als einer, der aus einem von Weissen dominierten Sport kommt.»

Bisher ein bedeutungsarmes Leben

Hamilton hofft, dass sich nun auch in der Formel 1 Dinge bewegen, dass er Dinge bewegen kann, wie er es schon immer tun wollte. Rennfahrer zu sein, füllte ihn nie aus, stets äusserte er sich zu globalen Themen, der Umweltschutz trieb ihn zuletzt um – im Wissen um die Widersprüchlichkeit, die sein Beruf und das Jet-Set-Leben mit sich bringen. «Ich will, dass mein Leben eine Bedeutung hat. Bislang hatte es wenig Bedeutung. Ein Teil der Probleme zu sein, ist nicht bedeutend. Ein Teil der Lösung zu sein, hingegen schon», sagte er.

Nun wolle er mithelfen, dass es künftig mehr dunkelhäutige Ingenieure, Mechaniker und auch Journalisten gebevon Rennfahrern ganz zu schweigen. «In 20 Jahren möchte ich zurückblicken und sagen können, dass ich einer von denen war, die etwas zur Veränderung beigetragen haben.» Wenn nicht auf der ganzen Welt, dann immerhin in einer kleineren Welt: im weissen Zirkus Formel 1.