Hallo Houston! Clariant will mit Huntsman fusionieren

Gelingt der Deal, wird eine deutsche Familiengruppe samt echter Prinzessin zur grösster Aktionärin.

Der Firmensitz von Clariant in Pratteln BL. Foto: Georgios Kefalas (Keystone)

Der Firmensitz von Clariant in Pratteln BL. Foto: Georgios Kefalas (Keystone)

Andreas Flütsch@tagesanzeiger

Kenner von Clariant wurden wohl ­bereits Anfang 2016 stutzig, als Alexander Gehrt angeheuert wurde, der zuvor bei UBS Deutschland den Bereich Firmenkäufe und Fusionen leitete. Gehrt betreute dort den 180-Milliarden-Dollar-Deal zwischen Vodafone und Mannesmann. Für ein solches ­Kaliber hat ein Spezialchemie-Konzern wie Clariant nur Verwendung, wenn er Grosses vorhat.

Gestern war es so weit, als Clariant-Chef Hariolf Kottmann bekannt machte, die Basler wollten mit dem texanischen Konkurrenten Huntsman fusionieren. Entstehen würde ein Chemieriese mit 15,5 Milliarden Dollar Umsatz und 32'000 Mitarbeitenden, der inklusive Fremdmittel um die 20 Milliarden Dollar wert ist. Die Fusion steht in den grossen Zügen, die Familienaktionäre der beiden Konzerne haben bereits zugestimmt. Geplant ist ein reiner Papierdeal mittels Aktientausch, Geld soll nicht fliessen. Mehrere Anläufe scheiterten an unterschiedlichen Preisvorstellungen.

Infografik: Clariant und Huntsman im VergleichZum Vergrössern klicken.

Der Durchbruch gelang erst in den letzten Wochen, als die beiden Konkurrenten sich auf ein Austauschverhältnis einigen konnten. Clariant macht zwar etwa ein Drittel weniger Umsatz, ist dafür aber ertragsstärker. Daher soll den Aktionären von Clariant 52 Prozent des entstehenden Fusionsprodukts gehören, die restlichen 48 Prozent den Aktionären von Huntsman. Womöglich hätte Clariant für ihre Aktionäre noch mehr herausholen können. Der Kurs von ­Clariant legte gestern zeitweise gegen 10 Prozent zu und schloss mit einem Plus von 3,45 Prozent.

Huntsman schoss vorbörslich kurz nach oben, fiel dann aber unter das Niveau vom letzten Freitag. Nehme man die bessere Börsen­entwicklung von Clariant als Massstab, müssten deren Aktionäre 53,5 Prozent der fusionierten Firma erhalten, und nicht 52 Prozent, so das «Wall Street Journal». Zumal Clariant letztes Jahr ein Prozent gewachsen sei, während Huntsman einen Umsatzrückgang von 6 Prozent verkraften musste. Obendrein habe Clariant die höhere operative Marge als Huntsman und nur halb so viel Nettoschulden.

Die deutsche Familiengruppe

Grösste Aktionärsgruppe wird nicht etwa die Familie Huntsman, die das 1970 gegründete Unternehmen über eine ­Serie von Firmenkäufen zur heutigen Grösse aufbauten. Die Familie besitzt über eine Stiftung und andere Vehikel 12,75 Prozent an Huntsman. Bedeutendster Grossaktionär wird eine Gruppe aus mehreren Familien sein, denen die Süd-Chemie AG gehörte, die Hariolf Kottmann 2011 für 2,5 Milliarden Franken der Clariant einverleibte. Diese deutsche Familiengruppe, zu der auch eine Prinzessin zu Sayn-Wittgenstein zählt, hält eine Beteiligung von 13,9 Prozent an Clariant. Ihr Einfluss wird grösser sein, da Clariant das grössere Stück am Kuchen erhält. Neben Familienaktionären sind in beiden Firmen eine Reihe von Fonds Aktionäre.

Es sei eine «Fusion unter Gleichen», betonen beide Seiten, der Verwaltungsrat der neuen Firme soll paritätisch besetzt werden. Kottmann ist als Präsident des Verwaltungsrates der neuen Firma vorgesehen. Überzählig ist dagegen Rudolf Wehrli, dessen Amt als Präsident von Clariant es nach der Fusion nicht mehr geben wird. Wehrli trat 2013 nach nur einem Jahr im Amt als Economie­suisse-Präsident ab, als die Abzocker­initiative von Thomas Minder deutlich angenommen wurde.

Huntsman stärker präsent

Operativ werden Huntsmans, zumindest zu Beginn, stärker präsent sein. Peter Huntsman, derzeit Chef und Verwaltungsratspräsident von Huntsman, soll den Konzern HuntsmanClariant leiten.

Kompliziert wird es bei der Firmengeografie. Der Hauptsitz von Huntsman-Clariant soll in Pratteln bei Basel sein. Operativ soll der neue Konzern dagegen von der alten Huntsman-Zentrale in einem Vorort im Norden der texanischen Ölstadt Houston geführt werden. Wie dieser Doppelsitz in der Praxis funktionieren soll, ist offen. HuntsmanClariant soll ihre Kotierung an den Börsen von New York und in der Schweiz behalten. Der Schweizer Steuersitz kann jedoch noch zu Ärger mit dem US-Finanzministerium führen, andere Deals sind an den Bedenken der Behörde gescheitert.

Aus der Sicht von Clariant, die 1995 aus einer Abspaltung von Sandoz entstand, ist der Deal eine Defensivmassnahme. Die Basler waren zu klein, um in der laufenden Konsolidierung der Branche selbstständig bleiben zu können. Durch die Fusion wachsen die beiden Konzerne in eine Grösse, die Übernahmen teuer macht. Unruhe bringt der Deal den Schweizer Mitarbeitenden von Clariant. Der Zusammenschluss soll bis zu 400 Millionen Dollar an Einsparungen pro Jahr bringen. Er rechne dennoch nicht mit einem Stellenabbau in der Schweiz, sagt Kottmann. Ob es dabei bleibt, hängt auch davon ab, wie weit die Hoffnungen auf höhere Margen und mehr Wachstum durch den Zusammenschluss sich erfüllen. Noch ist der Deal nicht über die Bühne. Es kann jederzeit ein dritter Konzern mit einem höheren Angebot für Huntsman oder Clariant ein Bieterrennen lostreten.

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