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Neue AmpelregelungGrüne Welle für Fussgänger

Fussgänger müssen an Ampeln nicht mehr auf den roten Knopf drücken. Dadurch will die Stadt Bern sie besser vor Viren schützen. Autofahrer wittern dahinter einen «verkehrspolitischen Schachzug».

Nicht anfassen: Für einen virenfreien Gang über die Strasse, müssen Fussgänger nicht mehr den roten Knopf betätigen.
Nicht anfassen: Für einen virenfreien Gang über die Strasse, müssen Fussgänger nicht mehr den roten Knopf betätigen.
Foto: Adrian Moser

Dieser Handgriff ist bei vielen Fussgängerinnen und Fussgängern quasi automatisiert: Will man eine Strasse mit Lichtsignal überqueren, schnellt die Hand als Erstes zum roten Knopf auf dem gelben Kasten. Nur: Weil ihn alle anfassen, könnten sich auf dem Knopf die Viren tummeln.

Dieses Drücken ist jüngst überflüssig geworden. Denn bei einem Grossteil der Ampeln in der Stadt Bern leuchtet der rote Knopf nun dauerhaft auf. Der städtische Verkehrsplaner Karl Vogel bestätigt, dass die Stadt Bern bei 56 von 80 Ampeln auf eine sogenannte Daueranmeldung für Fussgänger umgestellt hat, um diese besser vor dem Coronavirus zu schützen. «Fussgänger können nun eine Strasse queren, ohne den Drücker anfassen zu müssen», erklärt Vogel. Autos, Velos sowie der öffentliche Verkehr würden weiterhin mittels Detektoren reguliert.

Grün und niemand da

Bei den Berner Fussgängervereinen findet die neue Lichtsignalsteuerung der Stadt Anklang: «Diese Massnahme ist sehr sinnvoll, aber wieso braucht es hierfür die Corona-Krise», fragt etwa Bernhard Eicher (FDP), Präsident des Vereins Vortritt Fussgänger. «Die meisten Wege in der Stadt Bern werden zu Fuss zurückgelegt. Fussgänger sollten sich deshalb an der Ampel nicht extra anmelden müssen.» Ginge es nach Eicher, sollte diese Massnahme über Corona-Zeiten hinaus beibehalten werden. Auch Andrea Zryd, Co-Präsidentin von Fussverkehr Bern und SP-Grossrätin, begrüsst die Änderung und sagt: «Es waren noch nie so viele Fussgänger unterwegs wie jetzt.» Deren Sicherheit zu gewähren, sei also umso wichtiger.

«Fussgänger können nun eine Strasse queren, ohne den Drücker anfassen zu müssen.»

Karl Vogel, städtischer Verkehrsplaner

Die Krux der neuen Ampelführung: Zu gewissen Zeiten könne es dazu kommen, dass Ampeln für Fussgänger auf Grün stehen, obwohl gar niemand den Fussgängerstreifen überqueren wolle, so Verkehrsplaner Karl Vogel. Die Ampeln während dieser Randzeiten anders zu programmieren, wäre laut Vogel zu umständlich. «Zu den Hauptverkehrszeiten am Morgen und am Abend stehen fast immer Fussgänger am Streifen, die warten», sagt Vogel. «Da ist diese Änderung an den Lichtsignalanlagen für andere Verkehrsteilnehmer kaum spürbar.»

«Brüske Bremsmanöver»

Diese Wartezeiten erfreuen andere Verkehrsteilnehmer weniger: «Für Velofahrer ist es mühsam, gebremst zu werden, obwohl niemand überqueren will», sagt Michael Sutter, Präsident von Pro Velo Bern. «Es müssen rasch andere Lösungen zur Einhaltung der Hygienemassnahmen gefunden werden, die den Veloverkehr nicht behindern.»

Etwas milder klingt es von Bernmobil – die neue Regelung tangiere den öffentlichen Verkehr «in geringem Masse». So komme es beispielsweise auf der Linie 19 zu einer leichten Verlangsamung der Busse. «Zudem müssen unsere Fahrerinnen und Fahrer stets erwarten, dass eine Fussgängerampel auf Rot fällt, obwohl kein Fussgänger, der die Strasse überqueren will, zu erblicken ist», sagt Sprecher Rolf Meyer. «Dies erhöht das Risiko für brüske Bremsmanöver.»

Corona als Tarnmantel?

Die neue Regelung der Ampeln ist nicht die einzige Massnahme der Stadt, die Fussgängern in Corona-Zeiten zugutekommen soll. So teilte der Gemeinderat Anfang Mai mit, in näherer Zukunft an Sonntagen gewisse Strassen temporär für Autos sperren zu wollen und für den Fuss- und den Veloverkehr freizugeben, damit die Distanzregel besser eingehalten werden könne.

Dass der Schutz der Fussgänger vor einer Ansteckung nun auch die Steuerung der Ampeln beeinflusst, ist gerade den Autofahrern zu viel: «Weshalb die Ansteckungsgefahr ausgerechnet bei Fussgängerampeln besonders problematisch sein soll, ist nicht ersichtlich», schreibt Lars Guggisberg (SVP), Vizepräsident TCS Bern-Mittelland auf Anfrage. «Die grossen Knöpfe lassen sich problemlos mit dem Ellenbogen drücken.» Und: Dasselbe müsste dann auch für Billettautomaten oder die Lenkradgriffe der Publibikes gelten.

«Weshalb die Ansteckungsgefahr ausgerechnet bei Fussgängerampeln besonders problematisch sein soll, ist nicht ersichtlich.»

Lars Guggisberg (SVP), Vizepräsident TCS Bern-Mittelland

Vielmehr wittert Guggisberg eine Strategie: «Die Massnahme legt die Vermutung nahe, dass eine mögliche Ansteckung lediglich als Vorwand für einen verkehrspolitischen Schachzug dient.» Thomas Fuchs, SVP-Präsident der Stadt Bern, befürchtet zudem, dass unter dem Vorwand von Corona temporär gedachte Massnahmen ergriffen werden, die im Endeffekt langfristig sind.

Wie lange die roten Knöpfe tatsächlich dauerhaft leuchten, steht noch nicht fest. Verkehrsplaner Karl Vogel präzisiert aber: «Dort, wo es nicht viel bringt, heben wir die Daueranmeldung bald wieder auf.» Da man aber auch positive Auswirkungen auf die Verkehrssicherheit festgestellt habe, könne man sich vorstellen das System bei gewissen Anlagen «bis auf weiteres» beizubehalten.