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Rap für die Revolution Grosse Mäuler mit Hang zur Selbstironie

Von ihnen stammen die Hymnen der Berner Jugend. Dabei umgibt die 14 Rapper und die Rapperin aus dem Umfeld der Reitschule eine Aura des Gefährlichen. Was steckt hinter dem Phänomen «Chaostruppe»?

Die Chaostruppe: Iroas, Tilt, Migo, Sophie, Tarick One, MQ, Pit, Sam, Jahmool, Theo Äro, 200BPM, Tiggr, Dubios, Roumee, Rapaze (v.l.)
Die Chaostruppe: Iroas, Tilt, Migo, Sophie, Tarick One, MQ, Pit, Sam, Jahmool, Theo Äro, 200BPM, Tiggr, Dubios, Roumee, Rapaze (v.l.)
Foto: PD / Florian Spring

Einer zieht genüsslich an einem Joint, ein anderer liegt demonstrativ desinteressiert mit geschlossenen Augen auf dem Sofa, ein Dritter witzelt über den Nachrichtendienst, der wohl mithöre: Das Videokonferenz-Interview mit der Chaostruppe hat gerade erst begonnen – und schon machen sie ihrem Namen alle Ehre.

Das kann ja heiter werden, denkt man, aber man will nicht klagen. Schliesslich gilt die Berner Rap-Combo als äusserst medienscheu. Und angesichts ihres Rufs als «Schmuddelrapper», «Krawallorchester» oder «Randalechor» ist es ja ganz harmlos.

Sowieso: Wenn Erwachsene die Nase rümpfen, glänzen bei vielen Jugendlichen die Augen. Kaum eine Gymnasiastin, die die bekanntesten Zeilen der Rap-Combo nicht mitrappen kann; kaum ein Teenie-Junge, der nicht heimlich davon träumt, Teil dieser berüchtigten Truppe zu sein.

Doch wer steckt hinter diesen häufig maskierten Gesichtern? Viel gaben sie bisher nicht von sich preis. Interviewanfragen wurden bisher fast immer abgelehnt. Auch ihre bürgerlichen Namen wollen sie nicht in der Zeitung lesen. Nun haben sich aber die Chaostruppe-Rapper MQ, Theo Äro, Dubios, Sam und Tiggr zu einem Gespräch bereit erklärt. Insgesamt besteht die Crew aus 14 Männern und einer Frau, alle zwischen 26 und 38 Jahre alt, berufstätig. Die Maturitätsquote: rund 50 Prozent. Vom «stolzen Schulabbrecher» bis zum Studenten vereint die Chaostruppe sämtliche Milieus, heisst es.

Wann genau die Chaostruppe gegründet wurde, darüber sind sich die einzelnen Mitglieder uneinig. Das erste offizielle Konzert dürfte so vor sechs Jahren im Innenhof der Reitschule stattgefunden haben. Beim Releasedatum des Debütalbums «Umverteilig (zu üs)» gibt es hingegen keine Diskussionen: Es ist der Freitag, 1. Mai 2020.

Ist die Veröffentlichung am 1. Mai einfach ein Marketing-Gag oder ist der Tag der Arbeit für euch von Bedeutung?

MQ: Ich würde sagen, der Marketing-Gag ist entstanden, weil uns der Tag wichtig ist.
Theo Äro: Ja, für mich persönlich hat der Tag jedenfalls schon eine Bedeutung. Ich bin zwar am 1. Mai nicht immer auf die Strasse gegangen und habe Steine geworfen, aber in Bezug auf die Weltgeschichte halte ich den Tag für wichtig.
MQ: (lacht) Die Aussage, dass du nicht immer Steine geworfen hast, lässt Interpretationsspielraum offen.
Sam: Für mich steht der Tag symbolisch dafür, dass die sozialen Errungenschaften auf der Strasse erkämpft worden sind. Es waren nicht ein paar Leute aus der Oberschicht, die den Armen etwas geben wollten. Jeder Fussbreit davon haben sich Benachteiligte und Unterprivilegierte hart erkämpft. Und das ist heute noch genau gleich.

Die Ausführungen lassen keine Zweifel: Die Chaostruppe ist in der linksradikalen Szene zu verorten. Die 15 Rapperinnen und Rapper verbindet ein Unbehagen gegenüber der herrschenden Ordnung; in ihren Texten thematisieren sie soziale Ungleichheit, Rassismus und Diskriminierung, wettern gegen die Polizei, die Reichen und die Medien; ein Teil der Gagen spenden sie, und auch privat gehen viele an Demonstrationen oder engagieren sich anderweitig sozial oder politisch.

«Ich bin zwar am 1. Mai nicht immer auf die Strasse gegangen und habe Steine geworfen, aber in Bezug auf die Weltgeschichte halte ich den Tag für wichtig.»

Theo Äro, Rapper der Chaostruppe

Im Grunde sind es Romantiker. Dubios etwa rappt auf dem neuen Album: «Wiukommä i dr erstä Wäut, gfange i däm Woustand; verlorä i däm Paradies, ke Charte womer hei zeigt; hie chasch auäs choufä, auäs ussert Freiheit.»

Doch was ist ihr Erfolgsrezept? Denn erfolgreich sind sie sehr wohl. Der Videoclip zum bekanntesten Song wurde auf Youtube bereits über 300’000-mal angeschaut. Auf dem Gurten oder dem «No Borders, No Nations»-Festival spielten sie vor Tausenden Zuschauern. Und das, obwohl die meisten Chaostruppe-Rapper laut Szenekennern mehr durch Authentizität als durch Rap-Skills überzeugen.

Was mögen eure Fans an euch?

Tiggr: Das Chaostruppe-Gefühl.
Theo Äro: Ja, das Chaostruppe-Gefühl. Und ich würde uns als sehr zugänglich bezeichnen. Wir machen ernste Mucke und lachen trotzdem über uns selber.

Was ist dieses «Chaostruppe-Gefühl»?

MQ: Wir haben Spass, das sieht und hört man.
Dubios: Ein wichtiges Gefühl, das die Chaostruppe vermittelt, ist das Zusammensein, das «Mitenand».
Sam: Wir sind ein Haufen Modi und Giele, die die Mäuler weit aufreissen und klare Positionen beziehen. Und durch unsere Ecken und Kanten heben wir uns von weiten Teilen der Musikindustrie mit ihrem geschliffenen Sound ab.

Die Rapper dürften mit ihrer Selbsteinschätzung gar nicht so falsch liegen. Die Chaostruppe bedient eine Sehnsucht nach Gemeinschaft und Gruppenzugehörigkeit. Ihre revolutionären Parolen sind dank der vorhandenen Selbstironie auch für gemässigte Linke, Unpolitische oder Andersgläubige verdaubar, und selbst der Hang zur Grossmäuligkeit wird durch einen liebevollen Umgang untereinander kontrastiert. Und nicht zuletzt umgibt sie der Duft des Gefährlichen. Dieser Mix aus Ruppigkeit, Herz und Witz scheint bei jungen Männern und Frauen zu ziehen.

Zur Aura der Chaostruppe haben auch skandalisierende Zeitungsberichte beigetragen. Einmal kam es im Nachgang zu einer Party auf der Warmbächli-Brache, bei dem Teile der Chaostruppe auftraten, zu Ausschreitungen. In der Folge wurde die Truppe medial dafür mitverantwortlich gemacht.

Haben euch diese Schlagzeilen eher genützt als geschadet?

Theo Äro: Ich bin der Meinung, wir hätten diese Schlagzeile nicht gebraucht, weil sie nicht stimmt. Wie sie sich auf unser Image auswirkt, darüber habe ich mir deshalb gar keine Gedanken gemacht. Ich finde einfach schade, dass die Medien schlecht gearbeitet haben.
Tiggr: Wir haben als Subformation der Chaostruppe spontan ein Lied als Gäste von einer anderen Subformation der Chaostruppe angestimmt. Und dann alles auf uns zu schieben, ist schon absurd – eine richtige Zeitungsente.

Medienschelte ist die Lieblingsdisziplin der Chaostruppe. Nicht ganz grundlos. So war die Combo schon mehrfach von unkorrekten Berichten betroffen. Dazu geführt hatte wohl auch das für Aussenstehende schwierig zu durchschauende Geflecht aus Subformationen der Truppe. So sind einige Chaostruppe-Rapper auch Mitglieder der Fischermätteli Hood Gäng (FHG). Zudem haben die meisten Chaostruppe-Rapper Soloprojekte oder veröffentlichen im kleineren Kreis eigene Songs und Alben.

Die scharfe Trennung zwischen dem Kollektiv und den Subformationen, auf welche die Chaostruppe bei Gegenwind besteht, halten sie allerdings selber nicht so konsequent ein. So werden an ihren Konzerten auch Songs von solchen Subformationen gespielt, und sie werden auch auf ihrer Website verbreitet.

Beides war allerdings beim umstrittensten Song mit Chaostruppe-Beteiligung nicht gegeben. Im Stück von drei Chaostruppe-Mitgliedern und zwei anderen Rappern wird die Zürcher SVP-Politikerin Natalie Rickli aufs Übelste beleidigt. Sogar das Bundesgericht beschäftigte sich mit dem Song. Das Verdikt: Schuldspruch wegen Beleidigung, Freispruch wegen sexueller Belästigung, und das Obergericht muss nochmals über den Vorwurf der Verleumdung befinden.

Nach dem Rickli-Song veröffentlichte eine linke, feministische Gruppierung wiederholt Boykottaufrufe gegen euch. Trifft euch die Kritik aus der eigenen Szene?

Theo Äro: Wenn irgendwelche Leute, ohne mit uns das Gespräch zu suchen, öffentlich eine Kollektivstrafe fordern, dann zähle ich die nicht zu «unserer» Szene. Aber um die Frage zu beantworten: Ich möchte weder in der Zeitung noch sonst wo mit Sexismus in Verbindung gebracht werden. Ich möchte nicht, dass wir so krass missverstanden werden, dass dies passiert.

Haltet ihr den Song für sexistisch?

Tiggr: Wegen des laufenden Verfahrens können wir uns leider zu diesem Song nicht äussern. Wir werden das gerne tun, sobald das Verfahren abgeschlossen ist.

Die Chaostruppe rechnet damit, dass das Verfahren voraussichtlich im Herbst abgeschlossen sein wird. Das Urteil über das Album dürfte hingegen schon bald erfolgen. Und obwohl die Truppe sich gerne über «Charts-Rapper» lustig macht: Die Freude bei den 14 Giele und dem einen Modi wäre wohl diebisch, wenn sich die berüchtigste Rap-Crew der Schweiz plötzlich an der Spitze der Schweizer Hitparade befände.