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Leidende UmweltGrillpartys und Liebespärchen halten Ranger auf Trab

Der Lockdown hat so viele Menschen in Berner Naturschutzgebiete gelockt wie nie zuvor. Wieso das problematisch ist.

Selhofenzopfen: Die beiden Ranger Iris Baumgartner und Stefan Steuri beim Eingang zum Sehlhofenzopfen an der Aare.
Selhofenzopfen: Die beiden Ranger Iris Baumgartner und Stefan Steuri beim Eingang zum Sehlhofenzopfen an der Aare.
Foto: Ruben Wyttenbach

Der Selhofenzopfen ist für Menschen grösstenteils Sperrzone. Denn das Naturschutzgebiet in der Nähe vom Flughafen Belpmoos dient seltenen Vogelarten als Brutstätte. Deshalb lösen zwei Fahrräder, die am Holzzaun angelehnt sind, bei Stefan Steuri und Iris Baumgartner Argwohn aus.

Die beiden Ranger, die über das Naturschutzgebiet wachen, haben einen Verdacht geschöpft. «Da hat wohl jemand das Schutzgebiet betreten», sind sie sich einig und ziehen sich orange Westen über. «Das tun wir, um offiziell auszusehen», sagt Steuri und lacht. Mehrmals hätten Personen schon vom anderen Aareufer hinübergerufen, dass hier ein Betretverbot gelte.

Die beiden Ranger (orange Westen) geleiten das junge Pärchen aus dem Naturschutzgebiet.
Die beiden Ranger (orange Westen) geleiten das junge Pärchen aus dem Naturschutzgebiet.
Foto: Ruben Wyttenbach

Die Ranger steigen über den Zaun und verschwinden im Grünen. Zehn Minuten später kehren sie mit einem jungen Pärchen zurück. Dieses zeigt Reue: «Wir wussten, dass wir nicht hier sein dürften.» Doch seien für das geplante Nachtessen viele Grillstellen bereits besetzt gewesen. «Wir respektieren die Natur, wussten aber nicht, was für Auswirkungen unser Betreten hat.»

«Das hätte auch ins Auge gehen können.»

Abteilung Naturförderung vom Amt für Landwirtschaft und Natur des Kantons Bern.

Solche Szenarien waren in den vergangenen Monaten keine Einzelfälle. Durch den Lockdown ist es zu einem regelrechten Ansturm auf die 240 Naturschutzgebiete des Kantons gekommen. «Wir stellen deutlich mehr Besucherinnen und Besucher fest», meldet die Abteilung Naturförderung vom Amt für Landwirtschaft und Natur des Kantons Bern. Dies mache sich besonders in den Schutzgebieten nahe von grösseren Städten und Agglomerationen bemerkbar.

Mehrere Tafeln weisen auf die Regeln in Naturschutzgebieten hin.
Mehrere Tafeln weisen auf die Regeln in Naturschutzgebieten hin.
Foto: Ruben Wyttenbach

Eine der grössten Gefahren dabei ist das Feuer. «Durch mehr Besuchende ist es auch zu mehr illegalen Grillpartys gekommen», teilt die Abteilung Naturförderung mit. Ein «krasser Fall» wurde im Schutzgebiet Fanel am Neuenburgersee festgestellt. «Dort wurde im knochentrockenen Schilf ein Feuer entfacht. Das hätte auch ins Auge gehen können.»

Bötler stören die Idylle

Zurück im Selhofenzopfen: Ranger Steuri sieht durch mehr Besuchende nicht nur die Flora, sondern auch die Fauna in Gefahr. Konkret geht es um die Bodenbrüter. Das sind Vogelarten, die ihre Nestmulde am Boden bauen und diese bei einer Störung sofort verlassen. «Ihre Eier sind wie Kieselsteine gefärbt und somit fast nicht zu sehen», erklärt der Ranger. Deshalb darf im Selhofenzopfen der Kieselsteinweg nicht verlassen werden. Ein solches Betretverbot gilt übrigens bei nicht einmal einem Prozent der Fläche in Berner Naturschutzgebieten.

Der Ranger Stefan Steuri  lehnt sich an den Holzzaun, der das Naturschutzgebiet Selhofenzopfen umgibt.
Der Ranger Stefan Steuri lehnt sich an den Holzzaun, der das Naturschutzgebiet Selhofenzopfen umgibt.
Foto: Ruben Wyttenbach

Doch nicht nur zu Fuss stören Menschen die idyllische Natur im Selhofenzopfen. Auch auf dem Wasser häufen sich die Probleme. «Alljährlich steigt die Anzahl Aarebötler, die auf der Insel anlegen und dort oft grillieren», sagt Rangerin Baumgartner. Bei Verfehlungen verteilen die Ranger im Selhofenzopfen allerdings keine Strafzettel, obwohl sie das dürften. «Wir sind keine Polizisten», sagt Steuri. Das sei mit dem Amt für Landwirtschaft und Natur so abgesprochen. Die Ranger wollen in erster Linie sensibilisieren, warum hier Verbote gelten.

Nur kurzer Bruterfolg

Im Selhofenzopfen patrouillieren die Ranger seit der Renaturierung, die zusammen mit dem Hochwasserschutz 2015 erfolgte. «Allein für die Natur wäre das Geld nicht gesprochen worden», sagt Steuri. «Anfangs sind viele schockiert gewesen, wie viel gebaggert und herausgerissen wurde.» Nun sehe man aber eine positive Entwicklung in der Pflanzen- und Tierwelt.

Die Rangerin Iris Baumgartner ist für Naturdokumentationen mit einer Kamera und einem Fernglas ausgerüstet.
Die Rangerin Iris Baumgartner ist für Naturdokumentationen mit einer Kamera und einem Fernglas ausgerüstet.
Foto: Ruben Wyttenbach

Ein aktuelles Beispiel: Dieses Jahr wurden Jungvögel des Flussregenpfeifers gesichtet. Diese Art sei seit der Begradigung der Aare im 19. Jahrhundert erst in den letzten Jahren wieder aufgetaucht. Leider war der Bruterfolg nur von kurzer Dauer. «Wahrscheinlich fielen sie der zugewanderten Mittelmeermöwe zum Opfer», sagt Baumgartner.

Freude über Badi-Öffnungen

Ranger sind im Kanton Bern eine eher neuere Erscheinung. Erst seit zwölf Jahren wachen sie über die kantonalen Naturschutzgebiete. In Bern teilen sich rund zehn Personen diese Arbeit in unterschiedlichen Pensen von 20 bis 100 Prozent. Es sind Aufgaben, die einen breiten geografischen Radius abdecken. So behüten Steuri und Baumgartner nicht nur den Selhofenzopfen, sondern auch Gebiete am Moossee in Schönbühl oder im Kanderdelta am Thunersee. Finanziert werden die Ranger von Bund, Kanton, Naturparks sowie Gemeinden und Schutzverbänden. Die Aufgaben der Ranger hören aber nicht bei der Sensibilisierung der Besuchenden auf. Sie sind auch für die Instandhaltung der Infrastruktur und der Beschilderung verantwortlich.

Zudem bieten sie Exkursionen an und führen Statistik. In dieser werden alle gesichteten Tiere aufgelistet. Doch auch die menschlichen Vergehen finden in der Statistik Platz. Der hohe Zulauf während des Lockdown machte die Ranger zwar glücklich. Aber: «Ebenso haben wir uns über die Öffnung der Badis gefreut», sagt Steuri. So werde der Ansturm im Sommer sicher nicht mehr so enorm sein.

Blick in die Natur vom Selhofenzopfen mit dem Fluss Gürbe im Vordergrund.
Blick in die Natur vom Selhofenzopfen mit dem Fluss Gürbe im Vordergrund.
Foto: Ruben Wyttenbach