Geigen gegen Wahrheit

1942 fliehen zwei jüdische Jungen aus Paris. Die Geschichte hinter «Un sac de billes» ist wahr, aber fragwürdig erzählt.

Der jüdische Coiffeur will seine Familie vor den Nazis retten.

Der jüdische Coiffeur will seine Familie vor den Nazis retten.

Ganz schön tollkühn, diese beiden jüdischen Jungen: Im Februar 1942 stellen sich Joseph und Maurice Joffo so vor das Schaufenster des väterlichen Coiffeursalons in Paris, dass sie den Hinweis, dies sei ein jüdisches Geschäft, verdecken. Und prompt lassen sich zwei SS-Offiziere von dem nicht arischen Friseur den Nacken ausputzen. Doch nach Einführung des Judensterns beschliesst Vater Joffo (Patrick Bruel), die Familie ­müsse in die (noch) freie Zone flüchten.
Reisten alle gemeinsam, wäre dies aber zu gefährlich. Also müssen sich der 11-jährige Joseph (Dorian Le Clech) und der 13-jährige Maurice (Batyste Fleurial) allein auf den Weg machen. In Nizza soll sich die Familie dann wiederfinden. Doch wem können die Buben unterwegs trauen? Niemandem, sagt der Vater. Und unter keinen Umständen dürfen sie zugeben, Juden zu sein.
«Un sac de billes» ist bereits die zweite Verfilmung des 1973 erschienenen autobiografischen Bestsellers von Joseph Joffo. Regie führt der Kanadier Christian Duguay, der sich vor allem mit Fernsehserien einen Namen gemacht hat. Die Geschichte ist berührend, und die Darsteller (darunter Elsa Zylberstein als Mutter Joffo) sind alle ausgezeichnet. Aber statt auf sie zu vertrauen, setzt Duguay die schwelgerische Musik von Armand Amar furchtbar aufdringlich ein. Und zum Schluss greift er zum plumpsten aller Mittel – einer stummen Sequenz in Zeitlupe –, um darauf die Geigen umso schamloser aufrauschen zu lassen. Vielleicht hat sich ja alles tatsächlich so abgespielt, vielleicht hat Joseph sich nach der Befreiung Frankreichs wirklich so heroisch verhalten, wie Duguay es uns zeigt. Doch der Wahl seiner filmischen Mittel wegen glauben wir ihm nicht.

In diversen Kinos

Tages-Anzeiger

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