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Millionenverluste wegen CoronaGeht der Laufnation Schweiz die Luft aus?

Über 150 Anlässe abgesagt, ein Minus von bisher 10 Millionen: Die Corona-Krise bringt die Laufveranstalter in Not. Vom Bund kann trotzdem kaum einer profitieren.

Hecheln und Japsen am Aargauerstalden: So war es in den vergangenen Jahren, nun fand der GP Bern nur virtuell statt.
Hecheln und Japsen am Aargauerstalden: So war es in den vergangenen Jahren, nun fand der GP Bern nur virtuell statt.
Foto: Keystone

Mit rund 550 Veranstaltungen im Jahr und über 500’000 Läuferinnen und Läufern gehört die Schweiz gemessen an der Einwohnerzahl zu den Top-6-Nationen der Welt. «Wenn sie nicht gar das grösste Läuferland überhaupt ist», sagt Heinz Schild, der jüngst den Ehrendoktortitel der Universität Bern für seine Verdienste um den Laufsport erhielt. Tatsächlich sind in diesen Wochen so viele Joggerinnen und Jogger unterwegs wie kaum je zuvor, doch das täuscht über eines hinweg: dass die Laufnation Schweiz stillsteht. Seit Februar und Beginn der Ausbreitung des Coronavirus heisst es wöchentlich mehrmals: abgesagt, abgesagt, verschoben, abgesagt. Können im Fussball ohne die Masse auf der Tribüne noch Geisterspiele stattfinden, gibt es im Running ohne Masse nicht einmal Geisterläufe – und damit auch keine Einnahmen. Analyse einer Szene, die im Zuge der Krise in kürzester Zeit in finanzielle Schieflage geraten ist.

Die Vielfalt: Von ehrenamtlich bis professionell

Der Luzerner Reto Schorno ist Präsident der Swiss Runners, der Vereinigung der grössten Laufveranstaltungen der Schweiz, und er ist Veranstalter des Luzerner Stadtlaufs sowie des Swiss City Marathon Lucerne. Seine Rechnung ist verheerend: «Seit Februar mussten bereits über 150 Läufe abgesagt werden, das hat rund eine Viertelmillion Läuferinnen und Läufer betroffen. Bei einem durchschnittlichen Startgeld von 40 Franken sind dem Laufsport bisher rund 10 Millionen Franken verloren gegangen. Findet 2020 gar nichts mehr statt, können es bis zu 20 Millionen werden.»

Die Veranstalterszene ist vielfältig und sehr heterogen, was den Vergleich der Events und ihrer Budgets, Kosten und Ausfälle erschwert: Sie reicht von ehrenamtlich arbeitenden Sportclubs, die Kleinanlässe mit wenigen Hundert Läufern organisieren, über halb professionell geführte Vereine mit Festangestellten bis zu ganz professionellen Veranstaltungsfirmen, deren Haupttätigkeit die Durchführung von Laufveranstaltungen ist. Schorno sagt, die kleineren Anlässe lebten eher von den Startgeldern, die grossen eher von den Sponsorengeldern, «die machen rund 40 bis 60 Prozent der Budgets aus». Weil die Bemühungen um mehr TV-Präsenz kaum fruchten, sind die Sponsorenbeträge mit jenen im Fussball, Eishockey oder Ski nicht zu vergleichen.

Die Veranstalter: Sie hoffen auf Einmaligkeit

Schorno, dessen Firma den Luzerner Stadtlauf mit über 13’000 Klassierten durchführt, weist mit der Absage ein Minus von rund 150’000 Franken aus, für vier Mitarbeitende hat er Kurzarbeit beantragt. In einem E-Mail ans Bundesamt für Sport und einem Brief an den Bundesrat hat er die Notsituation geschildert. Das Baspo hat im März 50 Millionen Franken Hilfe in Form von A-fonds-perdu-Beträgen für den Breitensport gesprochen. Anspruch hat Schorno dennoch kaum. «Eigentlich muss man zahlungsunfähig sein, damit man einen Betrag einfordern kann», sagt er ernüchtert. Aber: Nach nur einer Event-Absage seien das wohl die wenigsten. «Sie leben von der Reserve, die meist aber nicht annähernd so gross ist wie der Ausfall.»

Genau so ergeht es dem Verein Grand Prix Bern, wie Matthias Aebischer, der OK-Präsident des grössten Laufs der Deutschschweiz mit über 30’000 Startenden, dieser Zeitung nach der Absage im März erläuterte. Man habe bereits eine halbe Million Franken investiert, der Verein verfüge zwar über Rückstellungen, aber nicht in diesem Ausmass. Man habe jedoch den Ehrgeiz, «keine Bundesgelder zu beanspruchen», da man jährlich schon von Stadt und Kanton unterstützt werde.

Aus der Laufszene scheint ohnehin noch kein Veranstalter einen Antrag beim Baspo deponiert zu haben. Auch nicht Markus Ryffel, dessen GmbH mit der Organisation von fünf Läufen – darunter der Schweizer Frauenlauf in Bern und der Greifenseelauf in Uster – zu den Schwergewichten und damit momentan auch zu den am meisten Betroffenen zählt. Auch seine Angestellten sind in Kurzarbeit. Der Frauenlauf findet definitiv erst am 13. Juni 2021 wieder statt, die Absage hinterlässt ein Loch von rund 300’000 Franken. Ryffel sagt: «Ohne die Unterstützung der Sponsoren wäre das nicht zu verkraften.» Sie spielten ihre Partnerrolle vorbildlich, Resignation sei keine Option. «In dieser schwierigen Situation zeigt sich, dass ihr Leitmotiv Fairplay glaubwürdig ist, ohne dieses Engagement könnte der Laufsport nicht überleben.»

Für Schorno ist aber auch klar, dass sich mit dem Zehren von den Reserven das Problem in die Zukunft verschiebt. «Diejenigen, die jetzt davon leben, kommen möglicherweise nächstes Jahr in noch grössere Schwierigkeiten.» Jetzt fehlende Sponsoren für die Zukunft zu finden, sei wohl aussichtslos und die Reserven dann auch aufgebraucht.

Die Sponsoren: Verständnisvoll und kulant

Während es bei den Grossen um die Existenz geht, leidet bei den Kleinen die Vereinskasse. Für sie ist der selber organisierte Lauf eine sichere Einnahmequelle. Brigitte Hartmann, Präsidentin des LSV Kloten-Bassersdorf, sagt: «Der Flughafenlauf an Auffahrt bringt uns den Hauptbeitrag ans Vereinsbudget, der entfällt nun.» Klagen mag sie dennoch nicht. Denn man habe das Glück, Teil des Züri-Lauf-Cups zu sein, der von der Zürcher Kantonalbank getragen werde. «Und sie übernimmt alle Kosten, die bereits angefallen sind.» Ronnie Rüeger, Projektleiter Sponsoring der ZKB, bestätigt das und sagt, man habe den Organisatoren sogar geraten, sich nicht beim Baspo zu melden. «Dieses Geld sollen andere bekommen, in Absprache mit dem Kantonalen Sportamt übernehmen wir die Defizite der Läufe.»

Wer als Veranstalter die Sponsoren in seinem Rücken weiss, hat grössere Chancen, die Corona-Krise zu überstehen.
Wer als Veranstalter die Sponsoren in seinem Rücken weiss, hat grössere Chancen, die Corona-Krise zu überstehen.
Foto: Ertappt.ch

Ähnlich grosszügig tönt es bei der Migros, die 14 Events mit nationaler Ausstrahlung unterstützt, aber auch zwei Dutzend regionale Volksläufe. Marcel Schlatter, Mediensprecher des Migros-Genossenschafts-Bundes, sagt, eine Pandemie sei in den Verträgen nicht explizit geregelt, die Absage aufgrund höherer Gewalt oder behördlicher Massnahmen aber schon. «Wir sind aktuell im Austausch mit unseren Sponsoringpartnern. Unser Ziel ist, eine partnerschaftliche Lösung zu finden, die die individuelle Situation berücksichtigt.»

Die Seelentröster: Doch ein wenig Wettkampf-Feeling

Weil das Laufen den fast unüberbietbaren Vorteil hat, dass es sich ab Haustür ausüben lässt, übertrafen sich die Angebote virtueller Rennen und von Ähnlichem in den letzten Wochen geradezu. Für die Laufveranstalter ist dabei die Virace-App die interessanteste: Sie bieten ihre Läufe dort als virtuelle Rennen an, jeder und jede absolviert die Distanz mit Smartphone und Kopfhörer vor der eigenen Haustür. Auslagen haben die Anbieter keine, Einnahmen aber auch nicht. Einzig: Die Kundschaft kann ihrer Leidenschaft frönen, und der Lauf bleibt im Gespräch. So absolvierten am Samstag über 3000 den GP Bern virtuell, auch der Frauen- und Flughafenlauf sind dort unter vielen anderen zu finden.

Andere Wege gehen der Zürich Marathon mit «Züri läuft» und «Weltklasse Zürich» mit dem One Million Run: Während bei «Züri läuft» ein Startgeld fällig wird, aber jeder sein eigenes Rennen und virtuell ein gemeinsames absolviert, ist das Ziel beim One Million Run, dass am 30./31. Mai innerhalb von 48 Stunden eine Million Kilometer zusammenkommen. Dieser Event, organisiert zusammen mit der Schweizer Sporthilfe, hat auch einen karitativen Zweck. Und allen Challenges ist gemeinsam, dass sie ein wenig Wettkampf-Feeling verbreiten wollen.

Und die spezielle Atmosphäre eines richtigen Rennens, das Beissen auf den letzten Metern, die Emotionen im Ziel? Auf sie hoffen trotz aller virtueller Angebote alle. Noch in diesem Jahr.