Geheim geliebt – verzweifelt verhasst

Wie es sich anfühlt, berauscht zu sein, und was die kleinen Rauschgeister alles aus uns herausholen: Das beschreibt der Gewinnertext des diesjährigen «Bund»-Essaypreises.

Eine Szene auf dem Vorplatz der Reitschule.

Eine Szene auf dem Vorplatz der Reitschule.

(Bild: Tobias Anliker)

Gerne würde ich behaupten, ich bräuchte euch nicht, euch kleinen Geister, die manche so gerne um sich wissen. Ich suchte die Befreiung meiner Gedanken anderswo, zum Beispiel auf Reisen, kilometerlangen Radfahrten durch ausgetrocknete Hügel. Ich erinnere mich an den Sommer in Korsika, an einen Campingplatz hoch über dem Lac de Calacuccia. Ich und mein kleines Zelt, ein ausklappbarer Campingstuhl und in meinem Rücken der Sonnenuntergang und von der Hitze des Tages erschöpfte Paare und Familien an Plastiktischen vor ihren Campern sitzend.

Gedämpfte Gesprächsfetzen, die mein Gefühl von Leere und Einsamkeit verstärkten. Ich weiss noch, wie ich mit staubigen Füssen zur Reception ging, einem winzigen Holzhäuschen mit einem Tisch und einem surrenden Kühlschrank darin, und mir dort ein kaltes Bier kaufte. Und dann sass ich wieder da, der Alkohol auf leeren Magen vertrieb die Einsamkeit und machte Platz für ein Gefühl der Geborgenheit und, vor allem, für die Entfaltung von euch Geistern. Ihr setztet euch um mich herum, ihr flüstertet: Hier würde es deinem Grossvater gefallen. Woher plötzlich der Gedanke an meinen Grossvater kam, ich weiss es nicht, doch in diesem Moment dachte ich, wenn er noch einmal eine Reise machen könnte, ich wünschte ihm diesen Ort, diese Aussicht auf den See und das Gebirge, dieses Zirpen der Zikaden im Schatten der Kiefern.

Längst habt ihr eure Geduld verloren und werdet selbstgerecht, überheblich und zynisch. Und das ist der Moment, da ich euch zu fürchten beginne.

Ihr seid mir auch lieb, denn ihr habt die Fähigkeit, Alltagsgedanken vollkommen bedeutungslos erscheinen zu lassen. Ich gehe gerne nach Feierabend auf ein Bier raus, geniesse das Beisammensein mit meinen Freunden und das Reden. Oftmals drehen sich die Gespräche zu Beginn um den Arbeitstag, die anstrengende Woche, den Job überhaupt. Die hohen Erwartungen unserer Leistungsgesellschaft, die auf Erfolg aufbauenden Ideale. Für mich eine Stange bitte, anfangs nur ein Prickeln in den Fingerspitzen, ich geh eine rauchen, wer kommt mit, ich geb noch eine Runde aus. Das Prickeln weckt euch auf, euch Geister, denn ihr seid gesellig: Ihr macht es euch zwischen uns bequem, hört zu, widersprecht bald.

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Ihr erweicht unsere gesellschaftskonforme Scheinhaltung, die uns schützt wie eine Rüstung, und beginnt zu hinterfragen. Wir lassen uns davon gerne anstecken. Wir zweifeln am Stellenwert von Leistung und daran, ob achteinhalb Stunden Arbeit mehr Achtung verdienen, als einen Abend lang zusammenzusitzen, ohne dabei einmal auf die Uhr zu schauen. Wir zerreissen jegliche Ideale in der Luft und setzen sie neu zusammen, euphorisch und utopisch. Wir bauen Wehrtürme aus Bierdeckeln und Luftschlösser aus Zigarettenrauch. Wir wischen vor dem nächsten Bier – oder soll es diesmal ein Appenzeller sein? – unsere zertrümmerte Gesellschaft vom Tisch und nähern uns uns selbst, jenem Teil von uns, der sich oft schützend verschliesst gegen die Hektik und Härte der Welt und den ihr Geister so gut kennt. Hier werden wir vorsichtig, hängen Wünschen und Träumen nach oder entdecken gemeinsam neue. Vielleicht schon etwas lallend, aber immer ehrlich.

Und ihr lehnt euch zurück und faltet die Hände über dem Bauch. Nun seid ihr zufrieden, das ist der Ort, an dem es euch gefällt. Doch bald beginnen wir euch zu provozieren: Wir kippen Shotgläser über Kreuz und reichen einen Joint im Kreis. Unsere lauten Gespräche ufern aus und ihr wachst, werdet gross und grösser als wir. Bald kann ich meine Freunde nicht mehr erkennen, nur noch die übergrossen Fratzen von euch Dämonen. Längst habt ihr eure Geduld verloren und werdet selbstgerecht, überheblich und zynisch. Und das ist der Moment, da ich euch zu fürchten beginne.

Oft genug habt ihr mich während meiner Kindheit begleitet. Nicht eigentlich mich, sondern meinen Vater, aber was spielt das schon für eine Rolle, ihr wart allgegenwärtig. Ich habe euch kommen sehen, noch bevor mein Vater euch selbst wahrgenommen hat. In seinen gereizten Reaktionen, seinem unsteten Blick, ich sah euch in seinem Nacken sitzen und versuchte euch aufzuhalten. Eine Weile mochte mir das gelingen, aber irgendwann wart ihr immer stärker, stärker als ich, stärker als mein Vater. Denn ihr seid mächtig, und ihr könnt uns leicht verführen.

Zu Beginn mag es ein Spiel sein, ein Entwischen in eure Geborgenheit versprechenden Arme, später eine Flucht in den Trost eurer verlogenen Versprechen. Immer öfter, immer länger, irgendwann lasst ihr uns – oder wir euch? – nicht mehr los. Ihr behauptet, in eurer Umarmung gäbe es keine Probleme. Ihr verharmlost diese Momente der Zweisamkeit, während der wir für die Aussenwelt abwesend, unerreichbar sind.

Und wenn wir uns dann doch Vorwürfe machen, am nächsten Morgen vielleicht, sobald wir uns verschwommen an Wut und Tränen gegen unsere Taubheit erinnern, dann seid ihr immer für uns da. Ihr verurteilt uns nicht, als Einzige. Ihr nehmt uns an, nehmt uns auf, nehmt uns gefangen.

In einem Moment der Ernüchterung wird mir bewusst, wie obszön und rücksichtslos unsere Gespräche geworden sind, und ich verlasse die Bar. Langsam schlendere ich über das Pflaster der Altstadt, geniesse meinen zugleich euphorischen und melancholischen Schwebezustand, die Kälte nehme ich kaum wahr. In einem Hauseingang kann ich den dunklen Umriss einer kauernden oder schlafenden Gestalt erahnen. Wenig weiter stehen vor den zahlreichen Kellerbars Leute in Gruppen beisammen, und ihr huscht zwischen ihnen umher, gebt ihnen Mut und Zuversicht für diesen Abend, diese Nacht.

Ich frage mich, warum wir euch brauchen, euch sicheren Häfen, euch zuverlässigen Zufluchtsorte? Um zu vergessen? Um zu vergessen, verdrängen, dass wir nicht glücklich sind? Wir sehen die Menschen, all die Menschen, taub und blind an uns vorbeigehen. Jene, die scheinbar alles haben, vorbei an uns, denen nichts geblieben ist, keine Fürsorge, keine Bleibe, keine Wärme, wo wir möglicherweise nicht mehr bräuchten als einen Moment der Beachtung.

Oder wollen wir vergessen, wie taub wir gegenüber der Welt und ihren Missverhältnissen geworden sind, wie blind gegenüber den Ungerechtigkeiten, auf denen unser Reichtum aufbaut? Verdrängen, wie ermüdend es ist, vermeintlich alles zu haben und doch nicht glücklich zu sein; Und wie erschöpft wir sind, wir funktionierenden Zahnrädchen der Wirtschaft, von denen nie jemand sagt, wir seien kaputt.

Brauchen wir eure Hilfe, all das zu vergessen, um uns schliesslich und endlich daran zu erinnern, was einst unsere Wünsche und Träume waren?

Ihr habt mich klein und ernst gemacht, damals, als Kind. Ich habe nicht vor euch flüchten können, denn das hätte bedeutet, auch vor meinem Vater zu flüchten. Ich habe also versucht, mich vor euch zu schützen, und dazu musste ich euch kennen lernen. Bald wusste ich, zu welcher Tageszeit ihr euch gerne zeigtet, dass ihr nach einem Streit als Trost da wart wie auch nach einem Erfolg als Belohnung. Ich wusste, wann ich mich am besten mit Freunden traf, um euch zu entgehen. Ich genoss vorbehaltlos die Momente, in denen ihr nicht da wart, und versuchte, nicht daran zu denken, dass ihr wiederkehren würdet. Ich glaubte meinem Vater, wenn er mir versprach, ihr würdet für immer verschwinden, und ertrug die Enttäuschung des nächsten Rausches immer besser.

Wie offenherzig und lustig ihr sein könnt, habe ich erst viel später begriffen. Dass es an eurer Seite viel einfacher ist, zu der eigenen Meinung zu stehen oder sie zu überdenken, über sich selbst zu lachen oder einander zu verstehen und zu verzeihen. Meine Selbstzweifel lösen sich für Augenblicke auf und lassen ein Gefühl der Zufriedenheit mit mir selbst zu – oder ist es vielmehr eine Art Versöhnung? Ihr macht mich sensibel und empfindsam für meine Welt, die ich gerne mal so viel bunter, verkehrt, verschwommen und verdreht sehe. Sie scheint mir nicht länger kaputt, möglicherweise hat sie einige brennende Kratzer und offene Wunden, doch sie ist genauso wenig geschlagen, wie wir uns selbst geben. Und zugleich schrumpft sie zusammen, verdichtet sich auf jenes kleine Stück Welt, von dem ich Teil bin und das ich berühren, kneten, verformen kann. Ich habe begonnen, diese Leichtigkeit zu geniessen, das Gefühl, meine inneren Mauern lösten sich auf und meine Grenzen würden verwischt und verschoben. Losgelöst von Zeit und Raum, eigentlich unmöglich.

Der letzte Zug ist längst abgefahren, und bis zum ersten dauert es noch eine Weile. Ich bin weder müde noch erschöpft, sondern empfindsam und hungrig nach Leben. Aus einer der Bars dringt Musik, ein dumpfer Bass und darüber die jazzige Melodie eines Saxofons. Dann eine Stimme, tief und rauchig, die mich die Treppe hinunter in ein dunstiges Gewölbe lockt. Es gibt nur wenig Platz, die Tische sind an die Wand geschoben worden und die Stühle darauf gestapelt, auf dem Tresen reihen sich Weingläser und Bierflaschen. Als Bühne dienen einige zusammengeschobene Holzpaletten.

Die Stimme, die ich für die eines Mannes gehalten hatte, gehört einer Frau. Sie hat dunkle Locken, ist füllig und hat eine schöne, selbstverständliche Ausstrahlung. Die Leute wippen, tanzen, wirbeln, vor wie hinter der Bar. Einen Moment lang frage ich mich, ob das seltsam ist, einfach so hier reinzukommen, ganz allein. Aber wir sind nicht allein, wir sind umgeben von euch Geistern, ihr bringt uns zusammen, Arm in Arm. Bald rede und tanze ich mit zwei Frauen, als würden wir uns seit jeher kennen. Ich schliesse die Augen und bewege mich zum eindringlichen Rhythmus der Musik. Ihr flüstert eine Sehnsucht in mir wach, die ich nicht benennen kann, die aber danach schreit, erforscht und gelebt zu werden. Einen Moment lang bin ich vollkommen gedankenlos, und da hebe ich ab, bin ganz fern von allem und der Welt doch so verbunden, dass ich das sichere und tröstliche Gefühl habe, alles, was gerade jetzt geschieht, sei schon hundertfach geschehen und werde sich immer aufs Neue wiederholen, bis in alle Ewigkeit.

Manchmal frage ich mich, ob das Heraufbeschwören von euch Geistern letztlich eine Flucht vor uns ist oder vielmehr eine Reise zu uns selbst.

Die Abhängigkeit von euch Geistern mochte schleichend gekommen sein, lange unbemerkt oder ignoriert. Sich von ihr zu befreien, war weitaus schwieriger. Mein Vater hat lange dafür gebraucht, zahllose Versuche, ein ewiges Aufbäumen und Scheitern. Sie haben meine Familie erschüttert, denn entgegen unseren Hoffnungen und Erwartungen hat eure Abwesenheit alles anders, jedoch nichts einfacher gemacht. Wir hatten uns mit eurem Dasein abgefunden und euch in unsere Pläne und Entscheidungen mit einbezogen: Wir hatten uns an euch gewöhnt. Ich lernte meinen Vater von einer neuen Seite kennen und entwickelte eine tiefere Beziehung zu ihm. Mit der Zeit lernte ich ihm zu vertrauen, ich begann ihn zu verstehen und auch, wie viel Respekt er verdient. Inzwischen hat er euch, wenn nicht vertrieben, so doch gezähmt. Denn verschwunden seid ihr nicht, werdet ihr nie sein, sagt er und weiss es. Noch immer kitzelt ihr ihn, flüstert ihm ins Ohr, versucht ihn zu verführen. Aber er hat gelernt, sich euch zu widersetzen, traut euren heuchlerischen Versprechen längst nicht mehr. Er weiss, dass ihr für Augenblicke trösten und auffangen könnt, er weiss aber auch und vor allem, dass ihr für immer erschüttern und zerstören könnt.

Manchmal frage ich mich, ob das Heraufbeschwören von euch Geistern letztlich eine Flucht vor uns ist oder vielmehr eine Reise zu uns selbst. Distanzieren wir uns gegenüber der Welt oder öffnen wir uns ihr?

Wenn ich an unsere Gesichter denke, unsere Alltagsgesichter, an all die unerzählten Geschichten hinter ausdruckslosen Lippen, kann ich mir schlecht vorstellen, wie wir unsere Welt, so wie wir sie aufgebaut haben, ohne euch ertragen würden. Ihr seid so sanft wie hart, einfühlsam wie taub, gleichgültig wie aufbrausend. Ihr könnt unsere glänzenden Rüstungen aufbrechen und unsere tiefsten Empfindungen hervorlocken. Ihr könnt uns ebenso dazu bringen, mitzufühlen wie zu schlagen, zu verzweifeln wie zu ertragen.

Ich glaube nicht, dass ihr in Bierdosen oder Weinflaschen steckt, in zerknitterten Zigarettenpackungen oder knisternden Joints, in den Aluminiumverpackungen von Pillen oder den Kanülen von Spritzen. Vielmehr glaube ich, dass ihr in uns selbst zu Hause seid, dass ihr möglicherweise etwas schüchtern seid und wir euch manchmal hervorlocken müssen. Aber seid ihr nicht immer da, vorsichtig verborgen, als Teil von uns selbst?

Gegen Morgen sitze ich im Bahnhof auf einer Metallbank und warte auf den ersten Zug. Das Perron ist verlassen, die Luft feucht und kalt. Der Mülleimer neben mir quillt über, und der Boden ist gefleckt von helleren und dunkleren Flecken flachgedrückter Kaugummis. Die Ansage für den nächsten abfahrenden Zug hallt blechern durch die Halle. Meine Füsse schmerzen, und mein Gesicht fühlt sich geschwollen an. Die vergangene Nacht kommt mir unwirklich vor, doch als der Zug mit einem schmerzhaften Quietschen einfährt und einige wenige Leute aussteigen, verschlafene Pendler, deren Geschichten hinter verschlossenen Lippen ich nicht kenne; als ich als Einzige einsteige und der Zug ruckelnd das Grau des Bahnhofs verlässt; als ich zwischen den Stromleitungen und schmutzigen Fassaden der Häuser an der Bahnhofstrasse die hellen Wolkenränder des beginnenden Tages erahnen kann, fühlt sich diese Unwirklichkeit echter und fassbarer an als alles Sichtbare.

Gerne würde ich manchmal behaupten, ich bräuchte euch nicht, euch kleinen Geister, aber die Wahrheit ist: Zuweilen weiss auch ich euch gerne um mich. Ich erinnere mich an einen Abend kurz vor Weihnachten, an unsere Küchenecke neben dem warmen Holzofen. Die knarzenden Korbstühle um den runden Bistrotisch, mein Grossvater, der in einem von ihnen sass, die Beine überschlagen, die Mütze schief auf dem Kopf. Ich weiss noch, wie meine Mutter Weisswein einschenkte, während mein Grossvater zum unzähligen Mal von einem Dieb erzählte, der ihm sein Portemonnaie, seine Hose, seinen Gartenzwerg gestohlen habe.

Meine Mutter wiederholte mit abnehmender Geduld und zunehmender Verzweiflung, niemand, niemand würde ihm irgendetwas stehlen, und diesen Dieb gebe es nur in seinem Kopf. Doch, bestimmt, ganz bestimmt. Mein Grossvater liess sich für einige Sekunden überzeugen, ehe er dieselbe Geschichte aufs Neue erzählte, und ich trank eigentlich nur mit, um die Hilflosigkeit gegenüber seiner zunehmenden Demenz ertragen zu können. Ihr setztet euch langsam zu uns, ihr habt nicht viel gesagt, aber ich glaube, ihr habt die Kopfkobolde meines Grossvaters bekämpft. Denn irgendwann schienen seine rastlos kreisenden Gedanken zur Ruhe zu kommen. Er lehnte sich zurück und sagte, wie sehr er diese Ecke hier liebe, und dann begann er von seiner Reise nach Griechenland zu erzählen. Wie er die Insel zuerst mit einem Freund bereist habe, später mit seiner Frau und schliesslich auch mit meiner Mutter und ihrem Bruder, die Abenteuer dieser mehrwöchigen Entdeckungsfahrten.

Ich weiss nicht, wie viel dieser Geschichten Erinnerungen und wie viel davon Wünsche oder Träume waren, aber ist das überhaupt von Bedeutung? In diesem Moment war mein Grossvater bei uns, und das dank euch, ihr geheim Geliebten, verzweifelt Verhassten, ihr Verführer, Entführer und Erlöser zugleich.

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