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Time-out mit Isabelle PulverGefangen auf dem Balkon

Extrem-Radfahrerin Isabelle Pulver (49) trainiert und trainiert, stundenlang, nächtelang – und kam zwei Monate lang doch nicht richtig vom Fleck.

Endlich sind Ausfahrten wieder möglich: Isabelle Pulver bereitet sich auf zwei 24-Stunden-Rennen vor.
Endlich sind Ausfahrten wieder möglich: Isabelle Pulver bereitet sich auf zwei 24-Stunden-Rennen vor.
Foto: Raphael Moser

«Ob das viele Training Sinn ergibt? Diese Frage stelle ich mir nie. Klar, ich muss damit rechnen, dass es 2020 im Ultracycling keinen einzigen Wettkampf geben wird. Aber je mehr ich mich damit befasse, desto schwieriger wird mein Alltag. Es gibt nur eines: weitermachen. Mit Überzeugung! Zweifel liegen nicht drin, sonst halte ich mein Pensum mental nicht durch.

Geplant sind im August und im Oktober zwei 24-Stunden-Rennen in Dänemark und in Borrego Springs. In der kalifornischen Wüste kann es über 40 Grad warm, in der Nacht aber richtig kalt werden. Vor zwei Wochen trainierte ich zehn Stunden lang, ich startete erst um 22 Uhr nach einem intensiven Arbeitstag – es ging darum, das Fahren bei grosser Müdigkeit zu simulieren.

Es ist schön, kann ich wieder draussen trainieren. Im März und im April fuhr ich immer daheim in Ittigen auf dem Balkon. Dieser ist zwar nur ein paar Quadratmeter gross, aber für die Rolle ist genug Platz. Während des Fahrens schaute ich Krimis oder Thriller, ich brauchte etwas Spannung, um nach sechs, sieben Stunden nicht einzuschlafen. Dank der Tacx-App musste ich nicht planlos drauflos strampeln: Ich lud bestimmte Streckenprofile hoch, etwa den Rundkurs von Borrego Springs, konnte so die exakte Route abfahren. Auf vorgefertigten Strecken war es sogar möglich, mich mit anderen Athleten in Echtzeit zu messen.

«Viele Patienten hatten riesige Angst und Mühe, sich mit der Situation zu arrangieren. Nach zwei-, dreimal Husten liessen sie sich bereits vom Arzt durchchecken.»

Isabelle Pulver

Auf der Strasse zu fahren, war keine Option. Es wäre unverantwortlich gewesen, mich dem Risiko auszusetzen – bei einem Unfall hätte ich das stark beanspruchte Gesundheitswesen unnötigerweise belastet. Andere verhielten sich nicht so, in der Ultracycling-Szene kam das nicht gut an. In den sozialen Medien machten wir uns für Heimtrainings stark, via App fuhren wir virtuell miteinander, sogar Konkurrenten aus den USA waren dabei. Wegen der Zeitverschiebung fanden diese Trainings morgens um 3 Uhr statt. Zum Glück beschwerten sich die Nachbarn nicht.

Die Sponsorensuche im Ultracycling ist kompliziert, wegen des Coronavirus hat sie sich nochmals erschwert. Die Sportart ist nicht telegen, wer findet es schon spannend, sich so etwas stundenlang anzusehen? Glücklicherweise sind meine langjährigen Partner nicht abgesprungen.

Wobei ich nicht Profi bin und mein Geld als Physiotherapeutin verdiene. In der Stiftung Rossfeld in Bern arbeite ich mit körperlich behinderten Menschen, über 80 Prozent sind Corona-Risiko-Patienten. Viele Leute hatten riesige Angst und Mühe, sich mit der Situation zu arrangieren. Nach zwei-, dreimal Husten liessen sie sich bereits vom Arzt durchchecken. Mit der Zeit hat sich die Lage beruhigt. Und ich bin dankbar dafür, hat sich niemand angesteckt.»