Zweiten Pass abgeben? Verband mit brisanter Idee

Wegen Doppeladler-Jubel: Der Verbandschef möchte für die Nati keine Doppelbürger mehr ausbilden. Das Interview.

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Welche Bilanz ziehen Sie nach dem Aus im Achtelfinal gegen Schweden?
Langfristig betrachtet, sehe ich uns immer noch auf dem Weg vorwärts. Aber der letzte Eindruck bleibt haften. Und der tut weh. Vor vier Jahren war es ein heroisches Ausscheiden gegen Argentinien, vor zwei Jahren war es ein Drama. Und jetzt war es einfach nicht gut.

Wie erklären Sie sich den blutleeren Auftritt am Achtelfinal?
Ich betrachte ihn nicht als blutleer. Aber der Funke ist nicht gesprungen. Das ärgert mich natürlich. Ich bin zwar nicht für das Sportliche verantwortlich. Aber ich tue in meiner Funktion alles, damit wir an diesem einen Moment bereit sind. Und es war schon offensichtlich, dass irgendetwas nicht gestimmt hat.


Video: Die Nati-Spieler sind zurück

So wurde die Nationalmannschaft in Kloten empfangen. Video: Fabian Sangines


Was denn?
Da ich kein Fussballtechniker bin, bitte ich um Nachsicht, dass ich das mit Blick auf den Platz nicht genau weiss. Falls es so sein sollte, dass der emotionale Höhepunkt im Serbien-Spiel gewesen wäre, dann wäre das etwas, das auch auf mich als Koordinator abfällt. Da muss ich mich fragen: Was haben wir falsch gemacht?

Genau so sah es von aussen aus: Der Energiehaushalt war gegen Serbien am höchsten, danach ist er rapide abgesunken.
Wir neigen im Moment dazu, zu sagen, dass wir in der Qualifikation, in der Barrage und in den WM-Gruppenspielen sehr hochtourig gefahren sind. Und dass wir im Grunde genommen nicht mehr verdient haben, als diesen Achtelfinal. Das ist für mich im Moment die plausiblere These, als dass in Spiel zwei irgendetwas verloren gegangen ist. Das bedeutet aber nicht, dass Ihre Variante nichts an sich hätte. Aber da braucht es noch ein paar Gespräche mehr.

Mit wem werden Sie die führen?
Zuerst einmal mit dem Präsidenten ­Peter Gilliéron, dann mit meinem Umfeld. Und vermutlich sehr zeitnah mit dem Trainer.

Unter Vladimir Petkovic hat das Team Fortschritte gemacht. Aber für das wichtigste Spiel der Kampagne waren die Spieler nicht bereit.
Ich denke nicht, dass es an der Motivation gefehlt hat. Aber wir haben die Umstellung nicht geschafft. In der Gruppenphase ist ein anderer Fussball gefragt als in der Qualifikation. Und in der K.-o.-Phase noch einmal ein anderer. Wir ­haben gezeigt, dass wir beim letzten Schritt noch nicht gut genug sind. Ich tippe auf Übermotivation. Was die emotionale Komponente betrifft, sind wir meiner Meinung nach am obersten Limit gelaufen.


Bilder: Das Nationalteam wird in Kloten empfangen


Was bedeutet das für Ihre Planung der nächsten Kampagne? Hätten Sie mit dem Team das sehr zurückgezogene Lager im Lada-Resort verlassen müssen für eine Wolga-Schifffahrt oder etwas Ähnliches, um den Trott des Alltags zu durchbrechen?
Wir haben mit Vladimir Petkovic zwei Abende vor dem Spiel darüber gesprochen. Ich hatte das Gefühl, irgendetwas müsse noch gehen, aber ich wusste nicht genau was. Er war derselben Meinung. Wir haben uns alles überlegt: Ob wir einen künstlichen Knatsch vom Zaun reissen sollen. Oder ob wir schauen müssten, dass die Spieler total abschalten. Aber es ist uns nichts in den Sinn gekommen, das nicht ein zu grosses Risiko beinhaltet hätte. Und das ist wirklich ­etwas, das wir verbessern müssen.

«Die Vorfälle mit dem Doppeladler haben gezeigt, dass es eine Problematik gibt.»

Dann ist im Serbien-Spiel mit seinen ganzen Emotionen rund um den Doppeladler doch zu viel Energie verloren gegangen?
Ich hatte wirklich nie das Gefühl, dass die Doppeladler-Geschichte intern so gross war. Das Team war überrascht, welche Aufregung deswegen entstanden ist. Ich glaube eher, dass die Dramaturgie des Spiels sehr emotional war. Es stimmt, dass es von aussen Fragezeichen gab, was die Art und Weise betrifft, wie wir mit der Angelegenheit umgegangen sind. Ich bin immer noch sicher, dass wir richtig gehandelt haben, als wir von der Mannschaft alle Ausseneinflüsse ferngehalten haben.

Sie sollen einen Plan haben, wie Spieler mit mehreren Nationalitäten früh an das Schweizer Nationalteam gebunden werden könnten.
Es ist eine Idee, die in mir gewachsen ist. Die Vorfälle mit den Doppeladlern haben gezeigt, dass es eine Problematik gibt. Ich denke, wir könnten sie angehen. Wir schaffen ja auch Probleme, wenn wir die Mehrfachnationalität ermöglichen. Nicht nur auf den Fussball bezogen.

Das heisst, Sie wollen keine Doppelbürger mehr?
Ich frage mich aus einer strategischen Optik, ob die Schweiz ein Interesse daran haben müsste, der aktuellen Regelung einen Riegel zu schieben, die über die Spielberechtigung für eine Nation entscheidet. Heute profitieren wir auch von der Stärke unseres Nationalteams. Aber wenn an einer künftigen WM Bosnien, Kroatien, Albanien und bestimmte afrikanische Länder dabei wären, könnte es sein, dass wir viele Spieler für andere Nationen ausgebildet haben.

Wie wollen Sie das Problem lösen?
Man müsste sich vielleicht fragen: ­Wollen wir Doppelbürger?

Das müsste man dann ja auf Bundesebene regeln.
Oder der Verband könnte sagen, dass die Türen in die Förderprogramme nur jenen Nachwuchsspielern offen stehen, die auf eine Doppelbürgerschaft ver­zichten.

Oder für jene, die sich klar zur Schweiz bekennen?
Wir hören viele Versprechungen. Und dann ist der Spieler 21 und entscheidet sich für ein anderes Land, weil er dort grössere Chancen auf internationale Einsätze sieht. Ich finde es stossend, dass wir da keinen Hebel haben. Ein ­solcher Spieler hat schliesslich einem anderen einen sehr wertvollen, teuren Ausbildungsplatz weggenommen.

Sie würden viel verlangen von einem möglichen künftigen Nationalspieler.
Ja. Aber in den meisten Fällen machen wir den Spielern mit der Doppelnationalität auch keinen Gefallen. Das ist wie bei einem Scheidungskind, das sich zwischen Mutter und Vater entscheiden muss. Es wäre für viele Spieler befreiend, wenn die Entscheidung früher getroffen würde.

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Muss ein Schweizer Nationalspieler auf eine Doppelbürgerschaft verzichten?




Wie weit ist diese Idee gediehen?
Wir möchten mit diesem Vorstoss die Resonanz prüfen. Wenn dann alle der Meinung sind, dass es eine Schnapsidee ist, dann ist das für uns auch okay. Aber wir halten daran fest, dass es bei diesem Thema eine Beruhigung braucht. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.07.2018, 21:58 Uhr

Alex Miescher (50)

Der Solothurner ist seit 2009 General­sekretär des SFV. Er hat Volkswirtschaftslehre studiert und ist ausgebildeter Militärpilot. Als Schwimmer nahm er einst selber an EM und WM teil.

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