Schweizer Nati an Turnieren – immer wieder diese Dramen!

Ein ganzes Land hofft auf den Coup des Teams, dann kommt wieder Unruhe auf. Die Doppeladler-Affäre und ihre Vorgänger.

Fast jedes Mal, wenn die Nati an eine EM oder WM fährt, gibts Wirbel.

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Es sah doch alles so gut aus: Endlich ist die Schweizer Nati wieder eine eingeschworene Truppe. Endlich hat sie das Potenzial, es mal in den Viertelfinal eines grossen Turniers zu schaffen. Und jetzt das: Granit Xhaka und Xherdan Shaqiri droht eine Sperre, weil sie im Spiel gegen Serbien den albanischen Doppeladler-Jubel zeigten. Die Fussball-Schweiz bangt und wartet gespannt auf das Urteil der Fifa, das wohl noch heute Abend gefällt wird.

Selbst wenn es keine Strafe geben sollte, ist das Ganze ein Drama für die Nati. Anstatt sich in Ruhe auf das nächste und entscheidende Gruppenspiel gegen Costa Rica vorbereiten zu können, wird sie von dieser Diskussion abgelenkt. Es ist zu befürchten, dass die Doppeladler-Affäre zum Knackpunkt dieser WM werden könnte.

Es wäre nicht das erste Mal, dass die Schweizer Nati an einer Endrunde eine Tragödie erlebt – im Gegenteil: Seit 1994 kam es bei praktisch jedem internationalen Turnier zu einem Drama. Eine Auswahl:

1994: Fuss der Nation

Fehlte der Nati an allen Ecken und Enden: Der verletzte Alain Sutter nach dem Ausscheiden gegen Spanien. (Bild: Keystone)

Alain Sutter bricht sich im Startspiel gegen die USA schon nach 20 Minuten den kleinen Zeh, als ihm ein Gegenspieler auf den Fuss tritt. Für die weiteren Gruppenspiele wird er fitgespritzt, beisst auf die Zähne – und führt die Schweiz zum grandiosen 4:1-Sieg gegen Rumänien und in den Achtelfinal. Doch die Verletzung verschlimmert sich.

Vor dem Achtelfinal gegen Spanien lässt sich Sutter eine Spritze setzen. «Als die Nadel eingestochen wurde, hatte ich irre Schmerzen. Es fühlte sich an, als ob die Nadel ins Fleisch, direkt durch den Knochen ging und dann auf der anderen Seite wieder rauskam», erzählte er später. Sutter will sich aufwärmen, kann aber kaum gehen und muss einsehen, dass er nicht spielen kann. Die Nati geht ohne ihren Mittelfeldstar gegen Spanien sang- und klanglos mit 0:3 unter und scheidet aus.

2004: Spuckattacke

Entlarvendes Bild: Alex Frei bespuckt an der EM seinen englischen Gegenspieler Steven Gerrard. (Bild: Keystone)

Im zweiten Gruppenspiel der EM in Portugal ist die Nati bereits unter Druck. Gegen den vermeintlich schwächsten Gegner Kroatien hat es zum Auftakt nur zu einem torlosen Unentschieden gereicht. Jetzt muss sie gegen England punkten, um die Chance aufs Weiterkommen zu wahren.

Auf dem Platz stellen die Schweizer schnell fest, dass sie den Engländern klar unterlegen sind. Nach einer Stunde fliegt Bernd Haas mit Gelb-Rot vom Platz, am Schluss steht es 0:3. Für den Skandal sorgt aber Stürmer Alex Frei. Unbeachtet vom Schiedsrichter, spuckt er seinem englischen Gegenspieler Steven Gerrard («Tschärrerd», wie der Schweizer Verbandspräsident Ralph Zloczower sagt) in den Nacken.

Frei bestreitet die Tat zunächst. Doch Bilder, die das Schweizer (!) Fernsehen veröffentlicht, überführen ihn der Lüge. Der beste Schweizer Stürmer wird von der Uefa für drei Spiele gesperrt. Seine Mannschaft scheidet nach einer weiteren Niederlage gegen Frankreich frühzeitig aus dem Turnier aus.

2006: Penalty-Debakel

War vor seinem Schuss leicht nervös: Marco Streller im Penaltyschiessen 2006 gegen die Ukraine. (Gif: gif.com)

Die Nati spielt eine souveräne Vorrunde, trotzt Frankreich ein Unentschieden ab und gewinnt gegen Südkorea und vor 50’000 Schweizer Fans in Dortmund gegen Togo. Dann kommt der Achtelfinal und ein denkwürdiges beziehungsweise denkbar peinliches Penaltyschiessen.

0:0 steht es nach Verlängerung zwischen der Schweiz und der Ukraine. Es kommt zum Showdown vom Penaltypunkt. Goalie Pascal Zuberbühler – nicht gerade als «Elfmeterkiller» bekannt – hält tatsächlich den ersten Versuch von Schewtschenko. Doch dann versagen nacheinander die Schweizer Streller, Cabanas und Barnetta auf klägliche Art und Weise. Die Nati scheidet wieder mal im Achtelfinal aus. In Erinnerung bleibt vor allem Strellers nervöser «Züngler» vor seinem Fehlschuss.

2008: Knie der Nation

Verlässt verletzt und heulend den Platz: Alex Frei 2008 im EM-Spiel gegen Tschechien. (Bild: Keystone)

«Ich habe in den letzten zwei Tagen viel geweint», sagte Alex Frei am 9. Juni 2008. Schon wieder Frei. Der Schweizer Captain verletzt sich im Startspiel der Heim-EM gegen Tschechien noch vor der Halbzeit und verlässt den Platz schluchzend mithilfe der Betreuer. Die Nati verliert mit 0:1 und befindet sich danach in einer Art Schockstarre. Ohne ihren besten Stürmer schliesst sie die Gruppenphase der EM im eigenen Land auf dem letzten Platz ab.

2010: Sterbender Schwan

Trifft seinen Gegenspieler leicht im Gesicht, dieser fällt theatralisch: Valon Behrami 2010 gegen Chile. (Bild: Keystone)

Zum Start der WM in Südafrika gelingt der Nati der vielleicht grösste Sieg in ihrer Geschichte: Mit destruktivem Fussball, viel Dusel (seien wir ehrlich) und dank eines Stolpertors von Gelson Fernandes gewinnt sie sensationell gegen den späteren Weltmeister Spanien.

Die Freude über den historischen Triumph hält allerdings nur bis zur 31. Minute im zweiten Gruppenspiel, als Valon Behrami nach einer angeblichen Tätlichkeit vom Platz gestellt wird. Sein chilenischer Gegenspieler Arturo Vidal – ja, der Vidal mit dem Spitznamen «Krieger» – mimt nach einem harmlosen Zweikampf den sterbenden Schwan und provoziert so die Rote Karte. Die Schweiz verliert die Partie und scheidet nach einem torlosen Unentschieden gegen Honduras im dritten Spiel aus dem Turnier aus.

2014: Bitterste Niederlage

Ist der Ball drin? Nein, Blerim Dzemaili setzt gegen Argentinien seinen Kopfball an den Pfosten und den «Nachschuss» neben das Tor. (Bild: Keystone)

118 Minuten lang spielt die Nati als krasser Aussenseiter gross auf, hält Argentinien mit seinen Superstars Messi, Higuain und Di Maria in Schach. Doch zwei Minuten vor Schluss trifft Letzterer mit einem platzierten Schuss direkt ins Schweizer Herz. Für die Fans fühlt es sich tatsächlich so an. In der Nachspielzeit der Nachspielzeit wird ihr Puls nochmals auf eine harte Probe gestellt, als der eingewechselte Blerim Dzemaili mit einem Kopfball aus kurzer Distanz nur den Pfosten trifft, der Ball von dort nochmals an das Schienbein des Schweizers prallt und von dort knapp neben das Gehäuse ins Out.

Mehr Drama geht nicht. Nie scheiterte die Nati knapper im Achtelfinal. Es ist wahrscheinlich die bitterste Niederlage an einer WM.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.06.2018, 12:58 Uhr

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