Der Vermittler im Schweizer Multikulti-Team

Er ist nur Ersatzspieler. Doch wenn einer Brücken zwischen den Gruppen in der Nati schlagen kann, dann Gelson Fernandes, der Sozialkompetente.

Sprachgenie und gute Seele im Schweizer Team: Gelson Fernandes. Video: Tamedia/SDA
Thomas Schifferle@tagesanzeiger

Deutsch kann er. Italienisch beherrscht er, Englisch, Spanisch, Französisch auch. Und weil er von den Kapverden kommt, der kleinen Inselgruppe vor Westafrika, führt er in seinem Repertoire auch Portugiesisch und Kreolisch. Bei der Würdigung von Gelson Fernandes’ Sprachtalent besteht nur eine Gefahr: dass man eine Sprache vergisst.

Sieben also sind es, sieben, in denen er sich fliessend ausdrücken kann. In einer achten hat er wenigstens ein paar Brocken auf Lager, wegen des Kroaten Nico Kovac, der in der abgelaufenen Bundesligasaison sein Trainer bei Eintracht Frankfurt war. Er weiss aber nicht, ob es anständige Wörter sind.

Wenn einer das Multikulti dieses Schweizer Nationalteams verkörpert, dann ist er das, Fernandes. Und wenn einer Brücken schlagen kann zwischen Gruppen, ist auch er das. Und brauchts einen, der mit seinem sonnigen Gemüt erheitern kann, kommt er einem ganz bestimmt nicht als Letzter in den Sinn.

36-mal dabei, ohne zu spielen

Seit August 2007 gehört er zum Nationalteam. Länger als er sind im aktuellen Kader nur Valon Behrami, Johan Djourou, Blerim Dzemaili und Stephan Lichtsteiner dabei. Er kommt auf insgesamt 67 Einsätze, was eine respektable Zahl ist. Es könnten noch viele mehr sein, wenn er nicht so oft einfach nur aufgeboten worden wäre, ohne zu spielen. Das kam 36-mal vor. Sechs Jahre liegt es zurück, dass er über 90 Minuten spielte.


Die Schweizer Nati im Training

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Kommt er heute zur Besammlung des Nationalteams, muss er davon ausgehen, im Mittelfeld hinter Behrami und Xhaka anzustehen. «Davon ausgehen? Das ist Fakt», korrigiert er.

Fernandes hat gelernt, dass es ihn in jedem Moment brauchen kann. Darum trainiert er mit dem gleichen Ernst wie die Stammkräfte, weil man nie wisse, was passiere: Die ersten zwei Spiele vielleicht nichts, aber im dritten «wirst du ins kalte Wasser geworfen». Und wenn er dann nicht bereit sei, mache er nur ­alles kaputt: die Mannschaft, sich selbst, das Land.

«Ich kann nicht sagen: Ich bin stolz, Ersatzspieler zu sein», sagt er, «aber ich muss damit umgehen. Das ist die Nationalmannschaft, nicht 4. oder 5. Liga. Wir sind alle glücklich, diesen Beruf zu machen. Und wenn du das auf dem höchsten Niveau tun kannst, ist das ein Geschenk des Lebens.»

Er hat auf seine Art einen Platz gefunden im Kreis der nationalen Elite. Ihn als Gute-Laune-Bär zu bezeichnen, würde den Diensten, die er hier erweist, nicht gerecht werden. Fernandes ist mehr. Er ist ein Chef neben dem Platz. Köbi Kuhn bot ihn immer auf, wenn er nicht verletzt war. Ottmar Hitzfeld verliess sich auf seine Einsatzbereitschaft. Auch Vladimir Petkovic hat seinen Wert für die Gruppe erkannt, seine soziale Kompetenz, für die anderen da zu sein, wenn er gebraucht wird. Fernandes ist ein ­gutes Beispiel dafür, dass nicht nur die elf zählen, die auf dem Platz stehen, sondern auch jene dahinter.

Der Brief von Brasilien

Dafür gibt es diese Episode von 2014 in Brasilien. Er setzte einen Brief auf und schrieb darin sinngemäss, diese WM sei die grosse Chance für sie alle, etwas zu erreichen und spezielle Erfahrungen zu sammeln. Aber es bestehe auch die Gefahr, dass alles nach nur drei Spielen vorbei sei, wenn sie die Aufgabe nicht ernst nehmen würden. Diesen Brief verteilte er seinen Teamkollegen vor einem Nachtessen. Die Schweiz verpasste den Viertelfinal nur knapp, Fernandes selbst war in dreien der vier Spiele Ersatz.

Gelson Fernandes: Einer, der Brücken schlägt. Foto: Laurent Gilliéron (Keystone)

Als Gilbert Gress sein Trainer bei Sion war, nannte er ihn «France Football». Gress wollte so ausdrücken, von welchem Wissensdurst der junge Mann von damals 18, 19 Jahren war. Die Mitspieler rieten ihm, Scout zu werden. Und ­warum das alles? «Nur weil ich den Fussball so liebe», sagt er. Noch heute ist er ein Lexikon.

Im Wallis hat er seine Schweizer Wurzeln. 5 war er, als er mit seiner Mutter hierherkam. Sein Vater war schon früher von den Kapverden ausgewandert, um seiner Familie ein besseres ­Leben zu ermöglichen. Er war Kuhhirte, Bodenleger und Schlosser, bevor er Platzwart im Tourbillon wurde. Der kleine Gelson entdeckte für sich den Fussball, und als er nicht mehr so klein war, wollte er Profifussballer werden. Mit 16 musste er sich in beiden Knien die Menisken operieren lassen. Während der Rehabilitation erkannte er, dass er noch mehr unternehmen musste, um die Karriere zu machen, von der er träumte.

Fernandes ist wie eine Batterie, die nie leer wird. Er rennt und rennt, und wenn er einmal nicht rennen würde, hätte er ein schlechtes Gewissen, und darum ist er immer weiter unterwegs. Das sieht manchmal flatterhaft aus, aber das ist sein Spiel. Ob er nie müde werde in einer Partie, wurde er einmal gefragt: «Nein, und wenn doch, würde ich mit dem Fussball aufhören.»

Er hat für seinen Beruf in vielen Städten gelebt: in Sitten, Manchester, St. Etienne, Verona, Leicester, Udine, Lissabon, Freiburg, Rennes und zuletzt Frankfurt. Eigentlich dachte er daran, nach nur einer Saison und trotz eines weiterlaufenden Vertrags nach Reims zu wechseln. Das wäre wenigstens einmal eine neue Stadt gewesen, aber nun will er doch unter dem neuen Trainer Adi Hüt­ter in Frankfurt weitermachen.

«Nicht zu viel quatschen»

Er kam an der EM 2008 dreimal zum Einsatz, dreimal auch an der WM 2010, wo er sein legendäres Stolpertor zum Sieg gegen Spanien erzielte, einmal in Brasilien und dreimal während insgesamt 56 Minuten an der EM in Frankreich. Nun also ist er in Russland. Er weiss: «Kleinigkeiten können viel ausmachen. Wir müssen alles machen, damit das Glück zu uns kommt. Wir müssen bereit sein, an die Grenze zu gehen oder darüber hinaus.» Das sind die Standardformulierungen, die man von Sportlern kennt. Falsch sind sie aber nicht.

Video – Das Tor gegen Spanien

Das Schweizer Highlight der WM 2010: Gelson Fernandes lässt Sascha Ruefer ausflippen. Video: Tamedia

Fernandes erzählt vom langen Weg, den diese Mannschaft gegangen sei, von der schwierigen Phase vor der letzten EM, von ihrer Reife, ihrem Potenzial. Und wenn er vom Potenzial redet, erinnert er sich an 2010. Damals spielte er auf der Seite, «heute haben wir dafür Shaqiri, Zuber, Drmic und Embolo zur Auswahl, das sagt doch alles».

An diesem Donnerstag in Toljatti will er noch eine Botschaft platzieren: «Wir müssen Gas geben, im Spiel und im Training, wir müssen uns gut erholen, spielen, kämpfen, laufen, spielen, erholen, essen. So müssen wir das machen, um erfolgreich zu sein. Wir müssen ehrlich sein: Wir dürfen nicht zu viel quatschen.» Und gibt weitere Interviews in Deutsch, Französisch und Italienisch.

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