Maradonas Totalabsturz – und trotzdem ist er unantastbar

Er beschämt die ganze Fussballwelt, in Argentinien bleibt «Diego» eine Gottheit. Warum?

Gott spricht mit Gott: Fussballlegende Diego Maradona beim WM-Spiel Argentiniens gegen Nigeria.

Gott spricht mit Gott: Fussballlegende Diego Maradona beim WM-Spiel Argentiniens gegen Nigeria. Bild: Reuters

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Mit einem 2:1 gegen Nigeria qualifiziert sich Argentinien in letzter Sekunde für den WM-Achtelfinal. Doch Schlagzeilen macht kein Spieler auf dem Platz, sondern der berühmteste Fan auf der Tribüne: Diego Maradona. Die Fussballlegende steht im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, verliert während des Spiels immer wieder die Beherrschung und braucht am Schluss gar ärztliche Hilfe, weil sie zusammenbricht.

Zeigt der Welt den Mittelfinger: Maradona nach dem Siegtreffer der Argentinier gegen Nigeria. (Video: Tamedia/SRF)

International sorgt Maradonas Show für negative Reaktionen. Dieses Verhalten sei unter der Würde eines Weltmeisters, meinen viele Kommentatoren. In der Heimat hingegen gibt es kaum Kritik. Diego habe das Spiel so emotional erlebt wie alle Argentinier, relativiert die auflagenstarke Zeitung «Perfil». Weitaus wichtiger sei die Meldung, dass es dem 57-Jährigen wieder gut gehe. «Zum Glück war es nur ein kurzer Schreck», schreibt «La Nación», die Maradona sogar als einen Star der WM in Russland bezeichnet.

Weltklasse im Fussball – und in Skandalen

In Argentinien kann sich Maradona alles erlauben. Er darf Drogen nehmen und dafür gesperrt werden, er darf einen ausserehelichen Sohn zeugen und ihn verleugnen, er darf mit einem Luftgewehr auf Journalisten schiessen, er darf die Kampagne des höchst umstrittenen Nicolás Maduro für die Präsidentschaftswahlen in Venezuela unterstützen oder sich wie gestern vor einem Milliardenpublikum lächerlich machen – das mindert die Verehrung, die ihm in seiner Heimat entgegengebracht wird, nur unwesentlich.

Jede einzelne seiner unzähligen Verfehlungen hätte in einem anderen Land gereicht, um seinen den Ruf nachhaltig zu zerstören. Nicht so in Argentinien. Maradona hat immer wieder für Skandale gesorgt, doch sein Heldenstatus in der Heimat ist nie ins Wanken geraten. Wie ist das möglich?

«Er ist die argentinische Variante des amerikanischen Traums.»Daniel Acuchi, Journalist und Maradona-Experte

Die fussballverrückten Argentinier verehren ihren «Diego» in erster Linie, weil er das Land 1986 zum WM-Titel geführt hat. Aber es steckt noch viel mehr hinter dem Personenkult. Maradona wird auch geliebt, weil er von unten kommt und es nach ganz oben geschafft hat. Er wuchs unter ärmlichen Verhältnissen im Elendsviertel Villa Fiorito an der Peripherie von Buenos Aires auf, wurde allen Hindernissen zum Trotz Profi und holte schliesslich den wichtigsten Pokal im Weltfussball. «Er ist das Symbol der argentinischen Variante des amerikanischen Traums», sagte einst Daniel Acuchi, Journalist der Tageszeitung «La Nación».

Maradona spielte nicht nur erfolgreich und unwiderstehlich am Ball, sondern opferte sich auch für die Nationalmannschaft auf – etwas, das Lionel Messi immer vorgehalten wird. Die Leidenschaft, mit der Maradona jeweils für die Albiceleste auflief, berührte die Argentinier genauso wie seine überragende Spielweise.

Verlieh einer ganzen Nation Flügel: Diego Maradona 1986 mit dem WM-Pokal. (Bild: Keystone)

In den 80er-Jahren gab Maradona dem Land mit seinen Auftritten das Gefühl nationaler Grösse. Für einmal war Argentinien dem ewigen Rivalen Brasilien überlegen. «Maradona ist grösser als Pele», singen die Fans im Stadion noch heute, wenn sie sich an den Sieg über die Seleção im WM-Achtelfinal 1990 erinnern.

Unvergessen ist auch die Leistung Maradonas gegen England vier Jahre zuvor. Mit der «Hand Gottes» und einem Dribbling über den halben Platz (das die Fifa zum «Tor des Jahrhunderts» kürte) entschied er den WM-Viertelfinal im Alleingang – und rächte sich so für die militärische Niederlage auf den Falklandinseln, die Argentinien 1982 gegen die Engländer erlitten hatte. Maradonas Heldenstatus hat also auch eine politische Dimension.

Fussballgott mit eigener Kirche

Bei den meisten Fans löst Maradona deshalb ein seltsames Phänomen aus: Sie wollen seine Fehler nicht sehen, nur das Gute in ihm. Dass der ehemalige Fussballstar im Privatleben tief gestürzt ist, blenden viele Argentinier aus – oder sie nehmen es als Anlass, seine Nehmerqualitäten hervorzuheben. «Diego verkörpert die argentinische Seele wie kein anderer», sagt Victor Hugo Morales einmal, der Sportreporter, der Maradona 1986 mit zum Gott machte. Er strauchle, stehe am Rand des Abgrundes und raffe sich trotzdem immer wieder auf.

In der Heimat wird Diego Armando Maradona als Heiliger verehrt. Die 10, seine Rückennummer, wollten die Fans zwischenzeitlich als argentinisches Kulturgut schützen lassen. Im Jahr 38 n.D. (nach Diego), gründeten seine treuesten Anhänger die maradonianische Kirche. Es war der 30. Oktober 1998, Maradonas 38. Geburtstag.

Wer in Argentinien den Mut hat, Maradona öffentlich infrage zu stellen, begibt sich auf dünnes Eis.

Heute hat die Iglesia Maradoniana zwischen 150’000 und 250’000 Anhänger weltweit. Diese feiern ihr Weihnachtsfest an Diegos Geburtstag, bezeichnen seine Autobiografie als ihre Bibel und lassen sich von der Kirche auf einem Fussballfeld vermählen. «Ich glaube an Diego, den allmächtigen Fussballspieler, Schöpfer von Magie und Passion», beten die Gläubigen gemeinsam.

Diego Armando Maradona ist in Argentinien Gott. Als er nach dem Spiel gegen Nigeria wie Jesus die Arme ausbreitete und gen Himmel blickte, liess ihn die Sonne erleuchten. Ein Zeichen des Himmels? In seiner Heimat sehen das viele so und sie meinen es nur halbwegs zum Spass.

Wer in Argentinien den Mut hat, Maradona öffentlich infrage zu stellen, begibt sich auf dünnes Eis. Kritik an seiner Person gilt als Blasphemie. Das wissen auch die grossen Zeitungen. Wer will schon die Leser vergraulen, ja den Zorn einer ganzen Nation auf sich ziehen, auch wenn Maradona wieder einmal über die Stränge geschlagen hat?

Niemand sägt am Fundament des eigenen Idols. Wenn Diego Fehler macht, wird das oft mit seiner schwierigen Herkunft erklärt oder als harmlos eingestuft. Was er dem Land als Fussballer gegeben hat: Das ist alles, was für die Argentinier zählt – und wohl ewig halten wird. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.06.2018, 14:58 Uhr

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