So steht es um die WM-Favoriten

Der Countdown läuft, sind die Grossen bereit? Das Kader, die Form und die Vergangenheit der Topteams im Vergleich.

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SpanienÜberall Weltklasse

Das Kader: Überall Weltklasse. Julen Lopetegui hat Spieler von Real Madrid, Barcelona, aber auch von englischen Topclubs nominiert. Die Spanier sind mit dem Durchschnittsalter von 28,5 Jahren eines der erfahrensten Teams. Feine Techniker wie Andrés Iniesta mischen sich mit Abräumern wie Sergio Ramos. Andere Teams haben stärkere Stürmer als Iago Aspas und Diego Costa, das Mittelfeld macht das aber wett.

Die Form: Die unmittelbare Vorbereitung war resultatmässig nicht ideal. Die Spanier testeten gegen die Schweizer (1:1), dominierten da aber genauso wie gegen Tunesien (1:0). Dass sie auch mehr als ein Tor schiessen kann, zeigte «La Furia Roja» im März, als sie Argentinien mit 6:1 zerzauste.

Die Vergangenheit: Die Spanier passten und dribbelten sich 2010 in Südafrika zum Titel. Vier Jahre später kam mit dem Vorrunden-Aus die Ernüchterung. Damals fiel die Defensive beim 1:5 gegen Holland und beim 0:2 gegen Chile komplett auseinander. Und auch die EM 2016 mit der Achtelfinal-Niederlage gegen Italien war nicht das, was man erwarten konnte. Die Mission zur Wiedergutmachung kann starten.

Die Stärken: Goalie de Gea, die Erfahrung, die Flexibilität.

Die Schwächen: Wenn überhaupt, dann die Position des Mittelstürmers.

Fazit: Die Gruppe mit Portugal, Marokko und dem Iran muss auch mit allfälligen Startschwierigkeiten machbar sein. Danach wartet ein Gegner der schwächeren Gruppe A (Russland, Saudiarabien, Ägypten, Uruguay). Spanien steht praktisch schon im Viertelfinal – und ist danach Anwärter Nummer 1 auf den WM-Titel.

DeutschlandDie Turniermannschaft

Das Kader: Trainer Jogi Löw kann in Deutschland aus einem scheinbar unendlichen Pool aus Spielern schöpfen, er bietet eine geschlossene Einheit auf, die so manchen Trainer vor Neid erblassen lässt. Löw kann es sich leisten, die WM-Helden von 2014, Mario Götze und André Schürrle, und eines der grössten deutschen Talente, Leroy Sané, zu Hause zu lassen. Ein Fragezeichen steht hinter Manuel Neuer. Der Goalie verpasste praktisch die ganze Saison verletzt, reist aber trotzdem als Nummer 1 nach Russland.

Die Form: Mässig. Die letzten Testspiele sprechen nicht für die Deutschen. Wer aber zurückdenkt, der weiss: Besser war sie auch 2014 nicht. In der Vorbereitungsphase vor der Endrunde reichte es für Deutschland gegen Polen (0:0) und Kamerun (2:2) nur zu Unentschieden. Kein Grund zur Sorge also. Dennoch könnte ein Thema die Stimmung drücken, unser Nachbar reist nach dem Treffen der Mittelfeldspieler Mesut Özil und Ilkay Gündogan mit dem türkischen Präsidenten Erdogan mit unruhigen Vorzeichen zur WM, Gündogan wurde im Testspiel gegen Saudiarabien gar ausgepfiffen.

Die Vergangenheit: Die ultimative Turniermannschaft: So kennt man Deutschland seit den Anfängen der Weltmeisterschaften, vier Titel liefern den eindeutigen Beweis. Dazu eine überragende Bilanz bei den letzten vier Austragungen: 2002: Final. 2006: Halbfinal. 2010: Halbfinal. 2014: Sieger. Alles andere als ein erneuter Vorstoss in diese Regionen wäre eine Enttäuschung.

Die Stärken: Das Kader, die Erfahrung, der Teamgeist, vielleicht Manuel Neuer.

Die Schwächen: Die Anfeindungen von eigenen Fans, vielleicht Manuel Neuer.

Das Fazit: Die Unruhen um Özil und Gündogan könnten die bekannten deutschen Tugenden beeinflussen, eher zumindest als die Testspiele gegen Österreich und Saudiarabien. Der Titelverteidiger gehört neben Spanien und Brasilien zu den grössten Favoriten.

BrasilienWenn Neymar glänzt. . .

Das Kader: Jeder Spieler der brasilianischen Startelf spielt bei einem europäischen Topverein. Alle Positionen sind sehr stark besetzt, vor allem im Mittelfeld und in der Offensive. Die Mannschaft ist die zweitälteste an der WM und dementsprechend erfahren. Mit Neymar ragt ein Ausnahmekönner heraus.

Die Form: Seit September 2016 hat die Seleçao nur ein Spiel verloren, durch die WM-Qualifikation spazierten die Brasilianer. Wer in der Vorbereitung Kroatien und Österreich souverän schlägt, darf ernst genommen werden. In einem Test im März gewann Brasilien auch gegen Deutschland 1:0.

Die Vergangenheit: Zu verlieren haben die Brasilianer nach der 1:7-Blamage gegen Deutschland bei der Heim-WM vor vier Jahren nur wenig. Und steht der Rekordweltmeister erst einmal im Final, spricht die Statistik für ihn: fünf von sechs Finals gewann Brasilien.

Die Stärken: Neymar, der Wille zur Wiedergutmachung, die offensive Qualität.

Die Schwächen: Die Ersatzbank, die Abhängigkeit von Neymar.

Das Fazit: Mit einem herausragenden Neymar ist der 6. WM-Titel für Brasilien möglich. Fehlt er wie beim 1:7 gegen Deutschland 2014, dann wird es trotz Firmino, Coutinho, Costa & Co. schwierig.

FrankreichDie jungen Wilden

Das Kader: Das wohl stärkste aller WM-Teilnehmer, zumindest wenn man die individuelle Klasse der Spieler beachtet. Es ist gespickt mit Topstars und kommenden Kandidaten für den Titel des Weltfussballers. Das veranschaulicht nichts besser, als ein Blick auf die Spieler, die Trainer Didier Deschamps nicht mitnimmt oder verletzt sind: Es fehlen zum Beispiel Adrien Rabiot, Anthony Martial, Kingsley Coman, Karim Benzema und Alexandre Lacazette. Spieler, die jeder andere Trainer wohl gerne in seinem Kader hätte.

Die Form: Noch bis Samstag schien es eindeutig: Die Form stimmt. Die Franzosen schlugen die WM-abwesenden Iren und Italiener 2:0 und 3:1. Am Samstag dann der Dämpfer: 1:1 gegen die USA. Trotzdem: Die Gruppengegner Australien, Peru und Dänemark werden an der WM wohl nur Sparringspartner für grössere Aufgaben sein.

Die Vergangenheit: Sie spricht nur bedingt für die Franzosen, denn sie ist ein stetes Auf und Ab. Da war der Titel 1998, da war der Final 2006. Aber da waren auch die unrühmlichen Kapitel, das Aus als Titelverteidiger 2002 in der Gruppenphase oder der Streik bei der WM 2010. Welches Gesicht zeigen die Franzosen dieses Mal?

Die Stärken: Das Kader, die offensive Power, die Unberechenbarkeit.

Die Schwächen: Viele Individualisten, die Unerfahrenheit, die Verspieltheit.

Das Fazit: Erinnerungen werden wach an die WM 2010: Viele Top-Spieler (aktuell vielleicht zu viele?), aber es fehlt der unbändige Siegeswille und Teamgeist der Deutschen: Frankreich wird wohl an sich selbst scheitern.

EnglandFrisch, heiss, unberechenbar

Das Kader: Das nennt man Heimatliebe: Gareth Southgate hat 23 Spieler aus der Premier League aufgeboten. Das Team ist mit 26 Jahren im Schnitt sehr jung, in der Nationalmannschaft eher unerfahren. Aber eben auch frisch, heiss, unberechenbar.

Die Form: Die Engländer holten sich mit Siegen gegen Nigeria und Costa Rica Selbstvertrauen. Brilliert haben sie aber nicht. Und: Seit März 2017 testeten die Briten gegen Deutschland, Frankreich, nochmals Deutschland, Brasilien und Italien. Keines der Duelle konnte man gewinnen.

Die Vergangenheit: An den letzten Grossanlässen enttäuschte England. Es kann nur besser werden als 2014, als die Three Lions in der Gruppenphase ausschieden. Und dann gibt es da noch den Penaltyfluch: 6 von 7 Elfmeterschiessen an Endrunden hat England verloren. Hätte es das Wembley-Tor 1966 nicht gegeben, die Engländer würden wohl noch heute als ewige Verlierer gelten.

Die Stärken: Die jungen Wilden, die furiose Offensive, Harry Kane.

Die Schwächen: Die Goalieposition, die Unerfahrenheit, die Schwächen im Penaltyschiessen.

Das Fazit: Wenn die Engländer mit Killerinstinkt auftreten, können sie sich in einen Rausch spielen. Der Titel wäre aber eine Überraschung.

ArgentinienEin Messi reicht nicht

Das Kader: Was für eine Offensive! Lionel Messi, Gonzalo Higuaín, Angel Di María, Paulo Dybala, Sergio Agüero, viel mehr geht nicht. Aber bei Argentinien ist das Problem ein altbekanntes, es liegt hinter dem Supersturm. Denn da hat kaum ein Spieler Weltklasseformat. Das gilt sowohl für das Mittelfeld, wo die besten Tage von Javier Mascherano und Lucas Biglia wohl vorbei sind, und vor allem für die Abwehr, wo lediglich Manchester Citys Nicolás Otamendi heraussticht.

Die Form: Schlecht. Argentinien hat wohl die unglücklichste Vorbereitungsphase aller Topteams absolviert. Die Spiele gegen Nicaragua und Israel wurden abgesagt, seit Saisonende testete Argentinien genau einmal: gegen Haiti (4:0), nicht annähernd vergleichbar mit dem, was bei der WM auf die Albiceleste zukommt: Island, Kroatien und Nigeria. Drei Teams mit Potenzial zur Überraschungsmannschaft. Das letzte Testspiel gegen eine Mannschaft auf hohem Niveau: eine 1:6-Niederlage gegen Spanien im März.

Die Vergangenheit: In Argentinien lechzen sie nach drei verlorenen Endspielen in Folge (WM 2014, Copa América 2015 und 2016) nach dem ersten Weltmeistertitel seit der Ära Maradona. Es ist nicht so, dass Argentinien in den letzten Jahren gar keine Chance hatte. Aber es scheiterte stets am selben Gegner: Deutschland (2006 und 2010 im Viertelfinal, 2014 im Final).

Die Stärken: Lionel Messi, die offensive Power.

Die Schwächen: Die Defensive, die schwache Vorbereitung, die Abhängigkeit von Lionel Messi.

Das Fazit: Argentinien braucht nicht nur einen Messi in Topform, auch die anderen Offensiven müssen mitziehen, um die Schwächen in der Defensive wettzumachen. Reichen wird es wohl nicht, Messi wird auch 2018 ohne grossen Titel bleiben in der Nationalmannschaft.

Und jetzt sind sie gefragt. Wer wird Weltmeister? Stimmen Sie ab und diskutieren Sie in den Kommentaren mit.

mro/te

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