Pussy-Riot-Verhörvideo sorgt für Entrüstung

Ein Video zeigt angeblich, wie die Aktivisten nach dem WM-Platzsturm befragt werden. Dabei macht ein Polizist eine ungeheuerliche Anspielung.

Die politische Flitzeraktion: Aktivisten von Pussy Riot stürmen beim WM-Final in Moskau den Platz. (Video: SRF/Tamedia)
Yannick Wiget@yannickw3

«Ich würde nie im Leben in Russland aufs Spielfeld rennen. Die vier werden ab Montag in Sibirien Steine klopfen. Und das für ganz lange Zeit», sagte Sascha Ruefer, als während des WM-Finals drei Frauen und ein Mann den Rasen stürmten und für einen Unterbruch sorgten. Da ahnte der SRF-Moderator noch nicht, wie recht er haben könnte. Denn bei den vermeintlichen Flitzern handelte es sich nicht um gewöhnliche Fans, sondern um Aktivistinnen und Aktivisten der Punkband Pussy Riot, die sich als Polizisten verkleidet hatten.

Die kremlkritische Gruppe bekannte sich auf Facebook kurze Zeit später zur politischen Aktion, die sie mit mehreren Forderungen verknüpfte: Sie verlangte unter anderem die Freilassung aller politischen Gefangenen in Russland, ein Ende von Festnahmen bei friedlichen Protesten und unbegründeten Inhaftierungen sowie die Ermöglichung von politischem Wettbewerb im Land.

Mit ihrer Aktion schafften es die Pussy-Riot-Aktivisten, am Glanz der Vorzeige-WM von Kremlchef Wladimir Putin und der Fifa zu kratzen. Deren Präsident Gianni Infantino bezeichnete die Weltmeisterschaft nach dem Final als «extremen Erfolg». Putin sagte, Russland könne stolz sein. Viele ausländische Fans hätten nun Russland kennen gelernt und ihre Meinung über das Land geändert. «Auch das ist ein wichtiges Ergebnis der WM», sagte Putin.

Schon die Flitzeraktion hat dieses Bild getrübt und wieder an die politischen Probleme erinnert, die in Russland herrschen. Ein noch grösserer Imageschaden könnte allerdings ein Video verursachen, das derzeit im Internet kursiert. Es zeigt angeblich das Polizeiverhör von zwei der Aktivisten nach dem Vorfall. Das Video ist noch nicht von unabhängiger Stelle verifiziert, wurde aber von verschiedenen regierungskritischen Seiten geteilt. Unter anderem auch vom bekannten Kremlkritiker Alexei Nawalny.

Das Video vom Verhör, bei dem die Pussy-Riot-Mitglieder auch bedroht wurden. Video: Tamedia/Twitter

Dem regierungskritischen Portal Meduza.io zufolge fragt darin ein Verhörer, von dem nur die Arme zu sehen sind, wo die Aktivisten ihre Uniformen herhätten. «Ausgeliehen», antwortet einer der Festgenommenen. Der Verhörer reagiert verärgert: «Ausgeliehen? Manchmal bedauere ich es, dass wir nicht das Jahr 37 haben. Manchmal bedauere ich es einfach.»

1937 war die Zeit des sogenannten Grossen Terrors unter Sowjetdiktator Josef Stalin. Die Phase war geprägt von Massenfestnahmen und Deportationen. Hunderttausende Menschen waren betroffen. Viele wurden erschossen oder kamen in Arbeitslager (Gulag), zum Beispiel nach Sibirien. Die Aussagen im Verhör sorgten deshalb für Empörung bei vielen Internetnutzern.


«Russen haben keine Angst, ihre Regierung zu kritisieren»Yves Rossier, Schweizer Botschafter in Moskau, über die Öffnung des russischen Volkes dank der Fussball-WM, Russlands Bürde mit der Geschichte und sein Treffen mit Putin. (Abo+)


Die Moskauer Behörden halten sich weitgehend bedeckt zu dem Fall. Das Innenministerium bestätigte Nachrichtenagenturen zufolge die Festnahme von drei Frauen und einem Mann. Später teilte die Polizei mit, gegen die Personen werde wegen unrechtmässiger Beschaffung von Uniformen und des Verstosses gegen die Vorschriften für Zuschauer bei Sportveranstaltungen ermittelt. Sie habe Verwaltungsstrafen von bis zu 200'000 Rubel (etwa 3000 Franken) oder 160 Stunden gemeinnütziger Arbeit für die Flitzer beantragt.

In Russland herrscht Gesetzlosigkeit: Drei Mitglieder von Pussy Riot lesen vor dem Platzsturm im WM-Finale eine Erklärung vor. (Video: AFP/Tamedia)

In einem Video, das drei Mitglieder von Pussy Riot vor der Flitzeraktion zeigt, wird Russland als gesetzloser Staat bezeichnet. Es würden Straftaten erfunden und es komme zu willkürlichen Verhaftungen, kritisieren die Aktivistinnen. Die Polizei könne jederzeit und ohne Grund in dein Leben treten. «Die WM hat gezeigt, wie Polizisten in Russland auch sein könnten. Doch wie wird es nach der WM sein?», fragt eine der Frauen.

Kritiker haben immer wieder betont, dass die friedlichen Bilder ausländischer Fans und die Lockerheit der Polizei und Behörden im Umgang mit ausgelassenen Feiern auf den Strassen nur vorübergehende Erscheinungen seien. Nach der Weltmeisterschaft sei dies wieder vorbei, schätzen viele. So auch ORF-Korrespondentin Carola Schneider. «Diese Toleranz, welche die russischen Behörden gezeigt haben, wird natürlich nicht anhalten», sagte sie gegenüber SRF. Es seien ja keine Gesetze geändert worden. Ab jetzt ist es demnach wieder verboten, auf der Strasse ein Bier zu öffnen oder sich in grösseren Gruppen zu versammeln.

«Es wird in einem starken Kater enden. In ein paar Tagen werden die Russen es merken.»Kremlkritikerin

«Es herrscht eine untypische Freiheitsstimmung auf den Strassen, aber es ist klar, dass alles vorbei sein wird. Es wird in einem starken Kater enden. In ein paar Tagen werden die Russen es merken», sagte eine Teilnehmerin der Demonstration für Oleg Sentsow dem Deutschlandfunk. Der ukrainische Filmregisseur wurde während der WM festgenommen und wegen angeblichem Terrorverdacht zu 20 Jahren Straflager am Polarkreis verurteilt. Menschenrechtsorganisationen sprechen von einem Schauprozess, der an die Stalinzeit erinnere.

In der Öffentlichkeit wurde der Prozess bislang kaum wahrgenommen. Auch über die Verhaftung von Swetlana Gannuschkina, Trägerin des alternativen Nobelpreises, verlor die Fifa während der WM kein kritisches Wort. Regisseur Sentsow ringt derweil um sein Leben. Seit 63 Tagen hungert er, um die Freilassung von über 70 ukrainischen politischen Gefangenen zu erreichen, die in Russland inhaftiert sind.

Tages-Anzeiger

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