Hierro träumt davon, ein Zidane zu werden

Spaniens Ersatzcoach verströmt die Aura eines Kommandanten. Schon heute muss er sich gegen Portugal (ab 20 Uhr bei uns im Liveticker) bewähren.

Als Teammanager angereist, inzwischen zum Nationalcoach befördert: Fernando Hierro bei einem Training in Krasnodar.

Als Teammanager angereist, inzwischen zum Nationalcoach befördert: Fernando Hierro bei einem Training in Krasnodar.

(Bild: Reuters)

Fernando Hierro war auch schon mal ein Unverstandener. Im Spätherbst seiner Laufbahn, als beim englischen Premier-League-Club Bolton Wanderers anheuerte. Sam Allardyce war dort damals Trainer und hielt Hierro zurück, wenn dieser das tun wollte, was er bei Real ­Madrid am besten gekonnt hatte: gleich einem Feldherrn mit imperialem Gang aus der Abwehr in Richtung Mittelfeld zu stolzieren, um die beste Passoption zu erkunden. «Du sollst den Ball lang schlagen!», rief Allardyce und liess Hierro ratlos zurück. Dafür hatte er ihn nach Bolton gelockt? Um blindlings den Ball nach vorne zu dreschen?

Nun kam der 50-Jährige zu einem Job, für den er auf ganz andere Weise nicht gemacht zu sein schien: In Spaniens Startpartie in Sotschi gegen Portugal ist Hierro, der als Teammanager zur WM reiste, erstmals Nationalcoach. Als Nachfolger von Julen Lopetegui, dem in Russland gekündigt wurde. Noch am Sonntag hatte Hierro in einem Radiointerview gesagt, dass er es nicht ­anstrebe, Nationalcoach zu werden. ­Lopeteguis Vertragsverlängerung lag ja keine drei Wochen zurück.

Doch dann überschlugen sich die Ereignisse. Real Madrid verhandelte hinter dem Rücken aller mit Lopetegui, dieser willigte ein, Real Madrid kündigte seine Verpflichtung pünktlich zur nächsten Saison an – also direkt nach der WM –, und der nichts­ ahnende spanische Verband war ­düpiert. Luis Rubiales, der neue Präsident, entliess Lopetegui fristlos.

Video: Verbandspräsident Rubiales äussert sich

Wie spielen? «Gute Frage»

Anstatt die in einer Auflösungsklausel vertraglich festgeschriebenen zwei Millionen Euro Ablösesumme einzustreichen, wird der Verband den 2016 verpflichteten und noch ungeschlagenen Lopetegui nun wohl auszahlen müssen. Am Donnerstag setzte Real Madrid noch einen drauf: Der Rekordmeister präsentierte Lopetegui in Madrid, nahezu parallel zu Hierros WM-Pressekonferenz in Sotschi. Dabei kritisierte Real-Präsident Florentino Perez die Entlassung als «ungerecht» und «unverhältnismässig».

All das dürfte jenes Gefühl in Spanien verstärken, das die Zeitung «El País» so zusammenfasste: Lopetegui zu entlassen «war nicht die schlechteste und vielleicht sogar die beste Lösung». Eine, in die Hierro sofort einstimmte: «Ich hätte mir nicht verziehen, in dieser Lage Nein zu sagen.» Übersetzt heisst Hierro: Eisen.

Der Mann aus Malaga wirkte bei seiner Präsentation in neuer Rolle gelassen, obwohl er als Trainer ein unbeschriebenes Blatt ist. Er war in der Saison 2014/15 Assistent des Italieners Carlo Ancelotti bei Real Madrid, 2016 trainierte er das zweitklassige Real Oviedo. «Wie meine Mannschaften spielen? Gute Frage», sagte er: «Ich wünschte, dass sie gut spielen, dass sie wettbewerbshart sind, den Ball an sich reissen, ihre Qualität zeigen.» Er tastete nicht nach Worten, sondern sprach voller Überzeugung, denn: «Mit den Künstlern, die mir zur Verfügung stehen, bin ich vom Leben begeistert.» Viel ändern kann er eh nicht mehr: «Wir können in zwei Tagen nicht umwerfen, was wir in zwei Jahren aufgebaut haben.»

Schon alles gesehen

Mit Hierro kehrt ein Führungsstil zurück, der den Spaniern zu Erfolgen verholfen hat. Beim Nationalteam war er stets ein moderierender Manager, der die Ruhe daraus schöpfte, dass er schon alles gesehen hat, was der Fussball zu bieten hatte. Er war 14 Saisons bei Real Madrid und wurde – zusammen mit dem damaligen Trainer und späteren Weltmeistercoach Vicente Del Bosque – von Präsident Florentino Perez vom Hof gejagt. Er war bei vier Weltmeisterschaften als Spieler dabei (1990/94/98/02) und schon von 2007 bis 2011 Sportdirektor des Verbandes. Also zur Zeit, da Spanien seine ersten EM- und WM-Titel gewann.

Albert Celades, der U-21-Nachwuchstrainer, war ebenfalls als Lopetegui-­Ersatz im Gespräch gewesen. Doch jetzt, da sich die Nationalmannschaft in einen reissenden Strom gestürzt sieht, war für ein jungenhaftes Gesicht wie seines nicht der richtige Augenblick. Die ­Situation erforderte, sich einem Mann anzuvertrauen, der die Aura eines Kommandanten verströmt und zu dem Leader wie Pique oder Ramos seit Kindheitstagen aufschauen. Jetzt geht es darum, ein erschüttertes Team zu einen.

Rund um die Entlassung Lopeteguis hatten sich in der Mannschaft Gräben aufgetan. Die Nachricht seines bevorstehenden Wechsels war zu den sechs ­Nationalspielern Reals durchgesickert; schnell verbreitete sie sich im WM-Quartier in Krasnodar. Sie rief gemischte ­Reaktionen hervor, noch ehe Rubiales sie erfuhr. Der Verbandschef weilte in Moskau und wirkte dort wie ein machtloser Exilpräsident. Als Lopeteguis verrückter Wechsel auch dem Rest der Welt bekannt wurde und Hierro eingesetzt war, bestellte er Julian Calero als Assistenten nach Russland und bat Carlos Marchena, Weltmeister 2010, die Rolle von Hierro als Mittler zwischen Mannschaft und Verband zu übernehmen.

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Zu verlieren hat er nichts

Vor allem aber rief Hierro die Mannschaft zusammen. «Ich kann aller Welt in die Augen schauen. Ich habe getan, was ich tun musste», sagte er. Und einen kleinen Traum hat er auch: so erfolgreich zu sein wie sein einstiger Vorgänger als Trainerassistent bei Real Madrid, Zinédine Zidane, der später Chefcoach wurde. Der Franzose wurde vor wenigen Tagen mit Real zum dritten Mal Champions-League-Sieger, ehe er dort blitzartig den Dienst quittierte und die Turbulenzen erst auslöste.

«Wenn mir jemand sagen sollte, dass ich der Zidane der Selección werde, würde ich sofort unterschreiben», sagt Hierro. Zu verlieren hat er nichts, ein Fehlschlag würde dem Chaos angelastet, das Lopetegui und Real ausgelöst haben.

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