Die Angst der Fans beim Elfmeter

Ein Kardiologe fordert die Abschaffung des Penaltyschiessens – denn Fussballschauen kann der Gesundheit schaden.

Der Krimi: Im Achtelfinal gegen Kolumbien gewinnt England erstmals an einer WM ein Penaltyschiessen. Video: SRF
Vincenzo Capodici@V_Capodici

Das WM-Achtelfinale zwischen England und Kolumbien war nichts für Fans mit schwachen Nerven: der Last-Minute-Ausgleich Kolumbiens, die hoch spannende Verlängerung und dann der Elfmeterkrimi, den die Engländer gewannen. Kolumbiens Trainer José Pékerman litt bei jedem Penalty heftig mit. TV-Bilder zeigten, wie sich Pékerman die Hände vor das Gesicht hielt und nicht mehr hinschauen mochte.

Fussball ist manchmal Stress total. Nicht nur für die beteiligten Mannschaften, sondern auch für die Fans im Stadion und die TV-Zuschauer, die sich mitreissen lassen. Schlimmstenfalls kann Fussballschauen der Gesundheit schaden.

Nach dem Penaltydrama zwischen Kolumbien und England forderte Jorge Eduardo Tartaglione die Abschaffung des Elfmeterschiessens – aus Rücksicht auf die Gesundheit der Fussballfans. Tartaglione ist Kardiologe und Präsident der Herzstiftung Argentiniens. Elfmeterschiessen steigere das ohnehin erhöhte Risiko von Herzinfarkten beim Fussballschauen, sagte er der argentinischen Zeitung «El Clarin». Es gebe einen wissenschaftlich klar belegten Zusammenhang zwischen Fussballemotionen und Herz- problemen.

«Viele geben sich der Irrationalität des Fussballs hin.»

Die gesundheitlichen Dramen abseits des Rasens ereignen sich gerade bei Weltmeisterschaften, bei denen viele Menschen einer eigenartigen Überidentifikation mit ihrer Nationalmannschaft verfallen. Sogar vernunftbegabte Personen geben sich der wochenlangen Irrationalität des Fussballs hin. «Es gibt Leute, die denken, Fussball sei eine Frage von Leben und Tod», erklärte einst der legendäre Liverpool-Trainer Bill Shankly (1913–1981). Diese Einstellung möge er aber gar nicht: «Ich kann Ihnen versichern, dass es noch sehr viel ernster ist.»

Kompensation und Projektion

Die gesellschaftliche Bedeutung des Fussballs geht weit über den Sport hinaus. Eine der schönsten Nebensachen der Welt muss für allerlei Kompensationen und Projektionen herhalten. Es kann aber auch pure Freude am Fussball sein. Wenn die Mannschaft, der wir uns verbunden fühlen, spielt, kann dies jedenfalls grossen Stress auslösen. Das ist nicht gut für Fans mit schwachen Herzen.

Auch während der laufenden WM hat es Herztote gegeben. Kurz nach dem Ausscheiden Ägyptens in der Vorrunde erlag ein Experte eines ägyptischen TV-Senders einer Herzattacke. In Kolumbien starben zwei Fans an einem Herzinfarkt während des letzten Vorrundenmatches gegen Senegal nach einem umstrittenen Penaltyentscheid zugunsten der Afrikaner. Nur wenige dieser Fälle tauchen in den Nachrichten auf. Das Ausmass der Herzkrisen während einer WM lässt sich erst im Nachhinein feststellen.

Zahl der Herzinfarktpatienten stieg um 25 Prozent

Für Aufsehen sorgte eine Studie der Ludwig-Maximilians-Universität München zur Fussball-WM 2006. Forscher untersuchten anhand von Notarztprotokollen, wie sich emotionaler Stress auswirkt. Das Resultat: Bei den sieben Spielen der deutschen Nationalmannschaft mussten fast dreimal so viele Patienten wegen akuter Herzprobleme ins Spital wie an anderen Tagen. Ähnliche Ergebnisse hatte eine britische Studie zur WM 1998 geliefert: Allein an dem Tag, an dem die Engländer den Achtelfinal gegen Argentinien im Penaltyschiessen verloren, stieg die Zahl der Herzinfarktpatienten um 25 Prozent.

Immerhin: Menschen mit einem gesunden Herzen sind durch den WM-Stress normalerweise nicht gefährdet. Eher gefährdet sind Menschen mit Vorschäden. Ihnen kann der Fussball tatsächlich auf die Gesundheit schlagen. Gut für das Herz ist es also, wenn die eigene Mannschaft ohne grosse Dramen siegt. Oder wenn sie bereits ausgeschieden ist. Das ist eine positive Nachricht für die Fans der Schweizer Nati.

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