Der Meister der Verheissung

Wenn Neymar am Ball ist, hoffen die Brasilianer – und die Schweizer halten den Atem an.

Der Schweizer Ausgleich: Steven Zuber trifft zum 1:1. Video: Tamedia/SRF

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Jetzt hat er ihn ganz alleine für sich. Keiner da, der ihn von seinem liebsten Spielzeug trennen kann. Neymar dreht den Ball in seinen Händen, er streichelt ihn, er gibt ihm einen Kuss. Es ist die 94. Minute in Rostow am Don. 1:1 steht es zwischen Brasilien und der Schweiz. Nur 1:1 aus Sicht des Rekordweltmeisters. Aber jetzt darf Neymar den Ball hinlegen und einen Freistoss treten.

Es sind solche Momente, in denen die brasilianischen Anhänger lauter werden. Und in denen die Schweizer den Atem anhalten. Ist Neymar am Ball, schwingt immer die Möglichkeit mit, dass jetzt, in genau diesem Moment, etwas Aussergewöhnliches, Entscheidendes passieren könnte. ­Neymar da Silva Santos Junior ist ein Meister der Verheissung.

An der Heim-WM vor vier Jahren, da erlagen die Brasilianer so sehr Neymars Verlockungen, dass sie sich nicht mehr erholten, als ihr Held im Viertelfinal ausfiel. Der Auftritt gegen die Schweiz ist ja auch Neymars Rückkehr auf die WM-Bühne, die er zuletzt wie ein Schosshund heulend auf einer merkwürdig sargförmigen Bahre verlassen hat.

Weniger Neymar soll mehr sein

Seither hat ein neuer Trainer die Seleçao übernommen. Und Tite hat seinem Superstar gleich einmal die Captain-Binde weggenommen. Die wird nun bei den Brasilianern von Spieler zu Spieler weitergereicht. «Kein Mensch sollte alleine das Gewicht der Welt auf seinen Schultern tragen. Egal, wie talentiert er ist», meint Tite dazu. Man könnte sich fragen, warum kein Nationaltrainer vor ihm auf die Idee gekommen ist, Neymar etwas Verantwortung zu entziehen, um ihn so noch besser als Freigeistler zur Geltung kommen zu lassen.


Bilder: Die besten Momente des Schweizer Auftritts gegen Brasilien


Vielleicht ist Tite schlicht der Erste, der den Mut dazu hat. Neymar gilt gemeinhin nicht als pflegeleichtester Spieler. Er hat sich zwar die kindliche Freude am Spiel bewahrt. Aber manchmal scheint es, als habe er auch seine Trotzphase noch nicht überstanden. Wagt es ein Mitspieler, selbst einen Elfmeter zu treten, kann er trötzeln wie ein Kind, das in der Badi keine Eiscreme bekommt.

Gegen die Schweiz zeigt sich: Brasiliens Team hat sich leicht emanzipiert. Doch Neymar bleibt Dreh- und Angelpunkt. Zu viert versuchen die Schweizer jeweils, ihn einzuengen. Zehnmal foulen sie ihn, drei Schweizer sehen dafür Gelb: Lichtsteiner, Schär und Behrami. Ihm ist die Bewachung in seinen guten Szenen egal. Mit einer Bewegung aus der Hüfte, mit einem Schlenker aus dem Fussgelenk, mit einem Stubser bloss kann er dem Spiel eine Wendung geben, die anderen Fussballern nie in den Sinn käme.


Video: Neymars Torchance

Der Superstar vergibt die Chance auf den Sieg. Video: Tamedia/SRF


Jetzt liegt der Ball vor Neymar, er dreht ihn zur Mitte – kein Abnehmer. Gleich darauf ist Schluss. Neymar steht an der Linie. Wer mit ihm abklatschen will, muss sich schon zu ihm bemühen. Seine Teamkollegen stehen Schlange. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.06.2018, 23:50 Uhr

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