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Als Grenzgänger in die EUFür diese Inländer ist die Personenfreizügigkeit eine Chance

Das Abkommen mit der EU ist keine Einbahnstrasse: Eine Zahnärztin und ein Bierbrauer erzählen, warum sie bald nach Deutschland pendeln.

Es gibt auch Grenzgänger mit Wohnsitz Schweiz und Arbeitsort Deutschland: Ein Grenzübergang in Basel.
Es gibt auch Grenzgänger mit Wohnsitz Schweiz und Arbeitsort Deutschland: Ein Grenzübergang in Basel.
Foto: Georgios Kefalas (Keystone)

Louis Gschwend setzt auf Deutschland. Noch müssen einige Formalitäten erledigt werden, doch der diplomierte Braumeister aus St. Gallen ist zuversichtlich, dass er Mitte September seine neue Stelle im Nachbarland antreten kann. Der Job in der Automationsabteilung eines Pharmaunternehmens in Kassel ist auf ein halbes Jahr befristet, seinen Wohnsitz in der Ostschweiz behält Gschwend. Er wird deshalb zum Grenzgänger.

Sein Beispiel zeigt: Es gibt auch Schweizer, die vom freien Zugang zum europäischen Arbeitsmarkt profitieren. Die Debatte zur Abstimmung vom 27. September dreht sich zwar fast ausschliesslich um die Migration in die Schweiz. Doch die Personenfreizügigkeit mit der EU, die die SVP mit ihrer Initiative beenden will, ist keine Einbahnstrasse.

«Vor allem Hochqualifizierte pendeln nach Deutschland.»

Roland Saile, Grenzgängerhilfe Konstanz

Roland Saile aus Konstanz berät Pendler aus Deutschland und der Schweiz, wenn sie Fragen zu Sozialversicherungen oder Steuern im Nachbarland haben. Die Personenfreizügigkeit garantiert Grenzgängern zwar den unbeschränkten Zugang zum Arbeitsmarkt, bürokratische Hürden gibt es weiterhin. Vor allem Hochqualifizierte pendelten nach Deutschland, sagt Saile. «Es sind vielfach Menschen, die dort die Chance haben, ihre Karriere voranzubringen.»

So wie die Zahnärztin N. (Name der Redaktion bekannt). Die junge Frau hat in Serbien studiert und ist mit einem Schweizer verheiratet. Sie will unbedingt auf ihrem Beruf arbeiten, in der Schweiz war das bislang nicht möglich. «Hier wird nur ein Teil meines Studiums anerkannt», sagt N. Sie müsste nochmals für mehrere Jahre an die Universität. Zudem sei es fast unmöglich, einen Studienplatz zu erhalten.

Auf der anderen Seite des Rheins – gleich nach der Grenze – hat N. jedoch eine Praxis gefunden, die sie anstellen möchte. Noch werden in Deutschland ihre Diplome geprüft, aber auch N. hofft, dass sie bald anfangen kann. Angesichts dieser unsicheren Situation wollte sie in diesem Bericht nicht mit Namen genannt werden.

Die Pendlerströme sind sehr ungleich. Seit das Personenfreizügigkeitsabkommen 2002 in Kraft getreten ist, hat sich die Zahl der Grenzgänger aber in beide Richtungen verdoppelt: Über 300’000 Menschen mit Wohnsitz in der EU pendeln heute für eine Stelle in die Schweiz, in die Gegenrichtung sind es wohl mindestens zehnmal weniger. Die aktuellsten Daten des Bundesamtes für Statistik stammen von 2016. Damals pendelten 25’000 Schweizer und hier wohnhafte Ausländer zur Arbeit in die EU.

Für Deutschland konnte die dortige Arbeitsbehörde genauere Angaben machen. Auch hier zeigte sich zunächst ein steigendes Interesse von Personen mit Wohnsitz Schweiz an Stellen in Deutschland – das allerdings zuletzt nachgelassen hat. Um das Jahr 2000 pendelten gut 1000 Personen aus der Schweiz nach Deutschland, auf dem Höhepunkt 2010 waren es gegen 3000. Inzwischen sind es noch etwas mehr als 1600. Den umgekehrten Weg machen derzeit gut 60’000 Personen.

Über Deutschland zurück in die Schweiz

Grenzgänger gab es schon vor der Personenfreizügigkeit. Es galt damals aber ein Inländervorrang, und das Pendeln war nur für Stellen in eng definierten Zonen auf beiden Seiten der Grenze erlaubt. Heute können Grenzgänger Wochenaufenthalter sein. Es reicht, wenn sie einmal pro Woche in die Schweiz zurückkehren, und auch das Pendeln in ein weiter entferntes EU-Land ist möglich.

Braumeister Gschwend hat in den letzten Jahren für eine Schweizer Firma weltweit Produktionsanlagen für Getränkehersteller in Betrieb genommen. Wegen Corona sei die Nachfrage stark eingebrochen, sagt er. Gschwend verlor seine Stelle. Die Pharmabranche hat dagegen von der Pandemie profitiert und zahlt auch in Deutschland gute Löhne. «Durch die höheren Steuern werde ich in Deutschland zwar rund ein Drittel weniger verdienen als in der Schweiz», so Gschwend. Das sei für ihn aber nicht entscheidend. Er hofft, dank dem Abstecher nach Deutschland längerfristig in der Automationsbranche Fuss fassen zu können – in der Schweiz.

Auch N. sagt, der Lohn sei nicht das Wichtigste. Zum Einstieg würde sie in Deutschland als angestellte Zahnärztin kaum mehr verdienen als Dentalassistentinnen in der Schweiz. «Aber fast das ganze Arbeitsleben liegt noch vor mir», sagt N.

N. hat keinen Schweizer Pass und kann deshalb am 27. September nicht abstimmen. Anders Louis Gschwend. Er wird die SVP-Initiative annehmen – obwohl er jetzt von der Personenfreizügigkeit profitiert. Entscheidend sind für Gschwend andere Erfahrungen: «In meinem ursprünglichen Beruf als Bierbrauer ist der Lohndruck durch die Zuwanderung enorm», sagt Gschwend. Dort habe er keine Zukunft mehr gesehen.