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Ein Kultroman auf der Theaterbühne Fünf Stunden Rausch

Zum Auftakt der Theatersaison bringt Konzert Theater Bern den «Ulysses» auf die Bühne. Eine Monsterproduktion mit genialen Regieeinfällen, die das sprachliche Feuerwerk von James Joyce aber nur bedingt zu vermitteln vermag.

Starker Beginn: Mollys Auge riesengross live auf einer Leinwand beobachtet Molly (Milva Stark) und ihren Gatten «Poldy» (Peter Miklusz) auf der Bühneninsel.
Starker Beginn: Mollys Auge riesengross live auf einer Leinwand beobachtet Molly (Milva Stark) und ihren Gatten «Poldy» (Peter Miklusz) auf der Bühneninsel.
Foto: Annette Boutellier

Es ist ein kühnes Unterfangen, den 1000-seitigen «Ulysses» von James Joyce auf die Bühne zu bringen. Der Roman gilt als modernistisches Jahrhundertwerk, er ist ein Feuerwerk sprachlicher und stilistischer Experimentierfreude und skizziert einen Tag im Leben des jüdischen Jedermanns Leopold Bloom auf der Folie der Irrfahrten des Odysseus. Der Text ist gespickt mit Bezügen und Verweisen, schon im Original ist die Überforderung eingeschrieben. Sie ist auch bei Sebastian Klink Teil des Konzepts.

Mit Film, Video, Schattenspiel, Musik und der Gleichzeitigkeit verschiedener Räume schöpft der multimediale Abend aus dem Vollen.

Der Regisseur hat vor zwei Jahren in Bern Musils «Der Mann ohne Eigenschaften» auf die Bühne gebracht. Mit zwei kurzen Pausen macht er nun aus dem 1922 publizierten Kultroman des Iren eine fast fünfstündige Monsterproduktion, die mit Film, Videoeinspielungen, Schattenspiel, Musik und der Gleichzeitigkeit verschiedener Räume multimedial aus dem Vollen schöpft. Mit diesem «Ulysses» eröffnet Konzert Theater Bern die Theatersaison.

Blick ins Innenleben

Die Aufführung in den Vidmarhallen nimmt den Monolog der Molly Bloom als Rahmen. Es ist der berühmteste und meistzitierte Part des Romans, der Bewusstseinsstrom, in dem Blooms Ehefrau nachts um zwei Uhr an der Seite des heimgekehrten schlafenden Gatten ihren Gedanken freien Lauf lässt. Im Original ist dieser Part das letzte Kapitel, in Klinks Inszenierung ist ein Teil davon zugleich der Auftakt: Mollys Auge riesengross live auf eine Leinwand in der Mitte der Bühne projiziert eröffnet das Stück mit dem Blick in ihr Innenleben. Zeitgleich sieht man Molly am Rand der Bühne. Dort sitzt sie mit dem schlafenden «Poldy» auf einem Bett wie auf einer schwimmenden Insel mit eingerollten Segeln und zieht über ihren Gatten her – über dessen Eifersucht auf ihren Liebhaber Blazes Boylan, über dessen sexuelle Obsessionen, darüber, dass sie lieber ein Bett für sich allein hätte und damit Platz für einen Furz. Der Einstieg gibt den Ton vor: Es ist der menschlich-subjektive Blick auf Höhen und Tiefen, Schönes und Hässliches, die Heldentaten und Irrungen eines gewöhnlichen, kleinen Menschenlebens.

Erinnerungen, Halluzinationen

Die Videoprojektionen von Gesichtern in Grossaufnahme mit der Verdoppelung von realem Spiel und filmischer Wiedergabe, die Verschiebungen des Fokus, wenn etwa Blooms schlafendes Gesicht in den Vordergrund rückt und seine Molly schemenhaft dahinter zu sehen ist, sind ein gelungenes Stilmittel für das Spiel mit Innenwelt und Aussenleben, Wahrnehmung und wechselnden Perspektiven. Denn darum geht es in dem Buch. Vordergründig führt der «Ulysses» durch Dublin mit verschiedenen erkennbaren Stationen wie dem Strand, dem Friedhof, einer Schule, einer Zeitungsredaktion, einem Friedhof oder einem Bordell. Hintergründig ist das Buch eine Reise durch die Gedankenwelt, die Erinnerungen bis hin zu den Halluzinationen – nicht nur von Bloom, auch vom Lehrer Stephen Dedalus, dem zweiten Protagonisten, der zu einer Art Ersatzsohn Blooms wird, sowie der anderen Figuren. «Worüber machte sich das Duumvirat während seiner Wanderung Gedanken?», heisst es, als die beiden gegen Ende auf dem Heimweg zu Blooms Haus an der Eccles Street Number 7 sind. «Über Musik, Literatur, Irland, Dublin, Paris, die Freundschaft, das Weib, die Prostitution, Diät, den Einfluss von Gaslicht oder des Lichtes von Bogen- und Glühlampen auf das Wachstum von in der Nähe befindlichen paraheliotropischen Bäumen, für den Notfall aufgestellte städtische Müllbehälter.»

Etliche Längen

Das Bühnenbild (Gregor Sturm) greift das Motiv der Reise auf: Da gibt es Schiffssegel, eine Sputnikkapsel, aber auch den Warteraum einer Glaskabine und den angedeuteten Dampfer, der sich im Hintergrund über die ganze Bühne spannt. Unter dessen Reling zieht sich ein Band mit Leuchtkästchen in verschiedenen Farben, deren Beleuchtung im Lauf des Abends vor- und zurückspringt, sowie eine grosse Uhr, die auf die genauen Zeitangaben der jeweiligen Kapitel verweist. Denn die Inszenierung wählt eine eigene zeitliche Abfolge, sie fokussiert auf Bloom und beginnt mit der Beerdigung, der er beiwohnt, und damit mit dem Thema Tod. Immer wieder findet sie primär visuell starke Bilder. Daneben gibt es aber auch Längen. Vor allem der zentrale mittlere Teil strapaziert den Spannungsbogen der Überlänge. Spätestens im Kirke-Kapitel, wo Bloom im Bordell landet, stellt sich mit der Feier des Rausches und der multimedialen Techniken Ermüdung ein. Der dritte und letzte Part schlägt dann wieder wohltuend ruhige und neue Bilder an.

Schauspielerisch grossartig

Die Aufführung ist eine grossartige schauspielerische Leistung, vor allem von Peter Miklusz, erst zehn Tage zuvor eingesprungen, in der Rolle des Leopold Bloom sowie Gabriel Schneider unter anderem als Stephen Dedalus oder Milva Stark als Molly und als Bürger. Und dennoch: Die Sprache, eigentliches Hauptthema des «Ulysses» bleibt auf der Strecke. Es ist schlicht unmöglich, über nahezu fünf Stunden dem hohen Tempo zu folgen und auch nur einen Bruchteil der Anspielungen und Wortspielereien zu erfassen. Aber die Zumutung gehört bei diesem Stück dazu.

Konzert Theater Bern, Vidmar 1, nächste Aufführung Donnerstag, 24. September, 19 Uhr; weitere Aufführungen bis 16. Januar 2021.