«Manchmal bereue ich es, dass ich auf Arabisch singe»

Emel Mathlouthi war die Stimme der Jasmin-Revolution in Tunesien. Heute lebt sie im Exil und mag diese Lieder nicht mehr singen.

«Ich will nicht Geschichte sein, ich will weitergehen», sagt Emel Mathlouthi.

«Ich will nicht Geschichte sein, ich will weitergehen», sagt Emel Mathlouthi. Bild: Sabina Bobst

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Haare ins Gesicht, Haare aus dem Gesicht, und jetzt dasselbe noch einmal vor anderem Hintergrund: Emel Mathlouthi ist unermüdlich, wenn es darum geht, sich vor der Kamera als Popsängerin in Szene zu setzen. Sie kann das, es macht ihr Spass. Gleichzeitig hat man den Eindruck, dass sie sich damit auch befreien will von jenem Image als politische Sängerin, mit dem sie bekannt geworden ist: Die Bilder ihrer Auftritte in Tunesien im Winter 2010/11, als die Jasmin-Revolution begann, gingen um die Welt. Und damit auch ihre Songs «Kelmti horra» («Mein Wort ist frei») und «Ya tounes ya meskina» («Armes Tunesien»), mit denen sie den Soundtrack zum Arabischen Frühling geliefert hat. Inzwischen hat Emel Mathlouthi ein zweites Album herausgebracht, einen Amerikaner geheiratet, eine Tochter bekommen. Und die 35-jährige Sängerin spricht sehr viel lieber über ihre musikalischen Pläne als über ihre Vergangenheit.

Gleich zwei Ihrer Songs wurden zu Hymnen des Arabischen Frühlings. Singen Sie diese Songs heute noch gerne?
Ich glaube, es reicht jetzt! Es ist gar nicht einfach, die Balance zu finden. Einerseits ist es wichtig, sich zu engagieren, gesellschaftlich, politisch. Aber andererseits stelle ich fest, dass ich immer wieder auf das Vergangene festgelegt werde. Dann merke ich, dass ich nicht dieselben Möglichkeiten habe wie europäische oder amerikanische Kolleginnen. Ich kann nicht einfach Musikerin sein, ich bin die Musikerin aus Tunesien, die Sängerin dieser Songs.

Sie sind und bleiben die «Stimme der Revolution».
Das war meine Geschichte, die ist kein Fake, die ist real. Und natürlich ist sie enorm wichtig für mich. Aber wenn man heranwächst, hat man verschiedene Seiten in seinem Buch. Mich bringen vor allem die Medien immer wieder zurück an den Anfang des Buchs.

Inzwischen leben Sie in den USA. Da wäre Ihr «Kelmti horra» über die Redefreiheit doch durchaus auch aktuell?
Es gibt in den USA schon Entwicklungen, über die sich mittlerweile viele Leute Sorgen machen. Die Menschlichkeit ist bedroht. Aber vielleicht führt das ja zu einem Aufwachen.

Noch eine Revolution, bei der Sie dabei wären?
Wer weiss . . .

Fühlen Sie sich zu Hause in Amerika?
Ich mag vieles dort. Wenn man nicht in den USA lebt, hat man Vorurteile, die nicht unbedingt der Realität entsprechen. Es ist ein wunderschönes Land, sehr weit und sehr inspirierend. Ich mag die Energien, die ich dort spüre. Für mich ist es der ideale Ort, um mich neu zu erfinden.

Es war nie leicht. Ich musste immer um alles kämpfen.

Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten?
Das nun nicht gerade! Es ist nicht leicht, und es war nie leicht. Ich musste immer um alles kämpfen. Im Moment gebe ich etwa 55 Konzerte pro Jahr, 15 Konzerte mehr wären gut. Am häufigsten trete ich in Europa auf, weil ich in den USA keinen Agenten mehr habe – die haben dort nicht an mich geglaubt. In Amerika muss man entweder sehr exotisch sein oder dann sehr kommerziell. Aber elektronische Musik machen und arabisch singen, das geht dort nicht. So etwas lässt sich im Markt nicht platzieren.

Also singen Sie künftig auf Englisch?
Ich habe ja ganz am Anfang meiner Karriere auf Englisch gesungen. Manchmal bereue ich es, dass ich danach auf Arabisch gewechselt habe. Freunde hatten mir dazu geraten, weil sie fanden, meine Stimme klinge tiefgründiger so. Das stimmt ja, nicht nur bei mir; jede Sängerin dieser Welt klingt echter, wenn sie in ihrer eigenen Sprache singt. Björk ist am besten auf Isländisch, obwohl sie meist auf Englisch singt. Shakira ist auf Spanisch viel stärker als auf Englisch.

Wann haben Sie Ihre Stimme entdeckt?
Ich habe schon als Kind gemerkt, dass ich leicht viele Lieder lernen konnte und die richtigen Töne traf. Aber die Kraft des Singens, die habe ich erst mit der Zeit so richtig entdeckt. In dem Haus, in dem wir lebten, hatte es drei Stockwerke; wenn meine Eltern nicht da waren, habe ich mich jeweils oben an die Treppe gestellt und gesungen – dort war die Akustik am besten. Meine Nachbarn haben das gehört und irgendwann meinen Eltern verraten, dass ich singe. Das fand ich wirklich schlimm, das war mein Geheimnis.

War Musik denn verpönt bei Ihnen zu Hause?
Nein, vor allem mein Vater liebt Musik, er hat mit uns viel Klassik gehört – Beethoven, Mozart, Vivaldi. Er hat auch wirklich gute Jazz- und Blues-Platten. Gearbeitet hat er als Geschichtslehrer, meine Mutter war Primarlehrerin, und sie wollten beide, dass wir eine gute Bildung bekamen. Da gehörte Musik eben einfach dazu, genau wie Literatur. Wir haben enorm viel gelesen, auf Arabisch und Französisch, auch viele Übersetzungen von englischen Büchern. Aber dass ich die Musik zum Beruf machen würde, das hatten meine Eltern wirklich nicht vorgesehen. Sie waren nicht begeistert.

Hatte das auch stilistische Gründe? Sie sangen zunächst in einer Metal-Band.
Das haben meine Eltern gar nicht gross mitbekommen; mit dieser Welt hatten sie nichts zu tun. Sie haben erst 2006 erstmals ein Konzert von mir besucht, da war ich bereits mit meinen eigenen Songs unterwegs und nicht mehr so laut. Aber für mich war die Metal-Zeit wichtig: Wir gaben damals viele Konzerte an der Uni, die wirklich gut waren. Ich hatte Erfolg. Dass eine Sängerin so laut singt, das war etwas Besonderes. Und auch sonst war ich als Frau eine ungewohnte Erscheinung in dieser Szene; die Metal-Welt ist eine Männerwelt. Aber mich hat der Kontrast gereizt: schöne Stimme, aggressive Begleitung.

Warum sind Sie später dennoch leiser geworden?
Irgendwann beschloss ich, dass ich meine eigenen Songs schreiben will. Ich wollte nicht mehr Teil einer Band sein, nie mehr – sondern mein eigenes Ding machen. Ich habe mir dann selbst beigebracht, Gitarre zu spielen, habe viele Covers gesungen, anderen zugehört. Und so meinen eigenen Stil entwickelt.

War das eine künstlerische oder eine politische Entscheidung?
Beides. Es ging mir schon auch um eine feministische Haltung. Ich wollte von niemandem abhängig sein.

Gleichzeitig haben Sie sich sprachlich und melodisch der arabischen Tradition angenähert.
Nein, meine Art zu singen, ist nicht traditionell. Ich habe meine eigene Art entwickelt, und die ist sehr anders als jene der arabischen Volksmusik. Aber es ist einfach so: Wenn ich auf Arabisch singe, ergibt das einen bestimmten Sound. Die Sprache bestimmt die Musik. Auch darum will ich jetzt wieder öfter auf Englisch singen. Nicht nur, um mehr Publikum zu erreichen oder aus der arabischen Nische herauszukommen – sondern auch, um musikalisch mehr Möglichkeiten zu haben.

Sie haben Tunesien 2008 verlassen – warum?
Es gab dort keine Möglichkeiten, etwas zu entwickeln, nicht nur politisch, sondern auch musikalisch. Wir haben keine Strukturen, keine Musikindustrie, und ich konnte längst nicht so viel auftreten, wie ich gewollt hätte. Meine Lieder durften am Radio nicht gespielt werden. Also musste ich gehen, und ich ging nach Paris wie fast alle Tunesier, die auswandern. Wir können Französisch, es ist der leichteste Weg für uns – wobei «leicht» immer relativ ist. Ich hatte ein Stipendium für sechs Monate. Danach habe ich die Zeit immer mehr ausgedehnt.

Hätten Sie damals gedacht, dass Ihre Musik in Tunesien so wichtig werden würde?
Ich war überzeugt von der Kraft der Musik und von der Dringlichkeit, gewisse Dinge zu vertreten. Ich habe mich lebendig und notwendig gefühlt in jener Zeit, und ich wäre wirklich frustriert gewesen, wenn meine Musik nicht angekommen wäre. Wobei: Manchmal bin ich tatsächlich frustriert, weil eben nicht alle Songs ankamen, sondern vor allem zwei.

Die haben Sie gesungen am Tag, als die Revolution begann.
Ich war damals für einige Konzerte nach Tunesien zurückgekehrt. Eines fand statt wenige Stunden nachdem sich der Obsthändler Mohamed Bouazizi öffentlich verbrannt hatte – sein Tod gilt ja als Beginn der Revolution. Ich wurde bestürmt, an diesem Tag keine politischen Lieder zu singen. Ich habe mich natürlich nicht daran gehalten. Dadurch werde ich immer irgendwie in Verbindung sein mit der Revolution; meine Songs haben einen Platz in der Geschichte. Das ist eine grosse Ehre für mich. Aber ich will nicht Geschichte sein, ich will weitergehen!

Spielt Tunesien dabei noch eine Rolle für Sie?
Ich reise schon immer wieder hin. Meine Geschwister sind über die ganze Welt verteilt, aber meine Eltern leben noch dort. Und auch als Musikerin möchte ich dort präsent bleiben. Kürzlich bin ich an einem grossen Festival in Karthago aufgetreten, das war wichtig für mich. Weil ich den Kontakt zu meinem Publikum wieder neu knüpfen konnte. Und weil ich zeigen konnte, dass ich auch in einem grossen Rahmen überzeugen kann.

Die Europäerin in mir ist heute über Tunesien schockiert.

Wie erleben Sie Tunesien heute?
Wenn ich dort bin, ist die Europäerin in mir teilweise schockiert – über die Armut, über die Ungleichheiten. Gleichzeitig sehe ich aber auch sehr viel Schönes, Menschliches, auch viel Kreativität. Ich wünschte mir, dass die Menschen dort alle eine gute Zukunft hätten. Aber es sieht nicht unbedingt danach aus.

Und was wünschen Sie sich, wie stellen Sie sich Ihre eigene Zukunft vor?
Ich weiss, was ich musikalisch tun will, aber ich weiss noch nicht genau, wie. Es ist, wie wenn man eine Vision hat, die noch nicht ganz scharf ist – aber man weiss, alle Elemente sind da.

Die Vision wäre ein drittes Album?
Ja. Ich habe viel Material angesammelt; manche Songs sind fast fertig, andere existieren immerhin schon als Idee. Und diesmal werde ich keine Zeit dafür verschwenden, um Leute zu finden, die mir helfen, mir selbst zu vertrauen. Diesmal starte ich, indem ich mir selbst vertraue.

Wie wird das klingen?
Bei meinem letzten Album haben wir noch sehr viel mit akustischen tunesischen Instrumenten gemacht. Diesmal will ich selbst das Instrument sein. Und damit meine ich nicht nur die Stimme, ich meine den ganzen Sound. Vielleicht entwickle ich einen eigenen Synthesizer.

Elektronik war immer wichtig für Ihre Musik. Wie weit machen Sie die selber?
Fürs letzte Album ging ich zum Teil in Studios, aber das meiste entsteht zu Hause. Ich habe keine teuren Maschinen, aber ich mag es, meinen eigenen Sound zu machen, meine eigenen Samples zu entwickeln aus Dingen, die Klangpotenzial haben. Auch live will ich meine Möglichkeiten erweitern: Meine Interpretationen werden immer theatralischer.

Einmal haben Sie Ihre inzwischen dreijährige Tochter mit auf die Bühne mitgebracht.
Ja, sie wollte mich einfach nicht loslassen, also habe ich sie mitgenommen. Sie ist dann ein bisschen erschrocken, als sie plötzlich auf der Bühne stand.

Wird sie es einmal leichter haben als Sie?
Das ist eine schwierige Frage. Ich glaube, die Welt wird nicht einfacher. Vieles wird hässlicher. Man müsste Möglichkeiten finden, um dem technologischen Wahnsinn zu entwischen. Ich hoffe, die nächste Generation schafft das besser als wir. (Der Bund)

Erstellt: 23.09.2017, 08:11 Uhr

Emel Mathlouthi

Emel Mathlouthi wurde 1982 in Tunis geboren und wanderte später nach Paris aus; heute lebt sie mit ihrer Familie in New York. Während des Arabischen Frühlings wurde sie gefeiert als «Stimme der Revolution». Zuerst unterstützte sie die Revolution in Tunesien, später von Frankreich aus. Im Januar 2012 veröffentlichte sie ihr erstes Studio-Album «Kelmti Horra» (arabisch für «Mein Wort ist frei»). Im Februar 2017 erschien das zweite Album «Ensen» (arabisch für Mensch). (suk)

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