Bitte Vorsicht, Herr Z. hört mit

Der Testesser wagt sich an ein scharfes Curry-Gericht und belauscht das Quartierleben in den Hochhäusern von Berns Osten.

Scharfes Curry und Quartierleben zwischen Hochhäusern gibt es im Quartierrestaurant Wittigkofen.

Scharfes Curry und Quartierleben zwischen Hochhäusern gibt es im Quartierrestaurant Wittigkofen. Bild: mdü

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Was soll man machen? Der Testesser ist hungrig, die beste Begleiterin von allen ist nicht da – und auch sonst keine in der Nähe. Also marschiert er ganz allein los und steuert bei eisiger Kälte das Zentrum Wittigkofen inmitten der Hochhäuser an. Das Quartier-Restaurant Wittigkofen ist zwar nicht voll, doch wird an einigen Tischen bereits fröhlich gegessen.

Vorne ist das Lokal recht nüchtern. Deshalb begibt sich der Testesser nach hinten, wo die Tische zwischen den dunkelroten Wänden mit weissem Papier gedeckt sind und gefaltete grüne Servietten einen Hauch von Chic verströmen. Ein tamilischer Kellner aus dem Team, das auf der Webseite abgebildet, aber nicht «benamst» ist, zündet die Kerze an, richtig passend zum Dreikönigstag. Der Testesser bekommt ein Buch, in dem alles verzeichnet ist, was das Haus bietet, und das ist eine Menge. Einiges dürfte da aus dem Tiefkühler kommen, vermutet der Gast. Bei den Tagesmenüs – davon gibts drei – ist das wohl anders. Spaghetti Frutti di mare mit Salat wären für Fr. 17.50 zu haben, eine Pizza mit Thunfisch und Salat für Fr. 18.50. Das «Pangasius-Filet Piccatta» (!) mit Spaghetti – eine etwas unorthodoxe Interpretation des Mailänder Gerichts – schlüge mit Fr. 19.50 zu Buche.

Dem Testesser fällt auf, dass die Karte mit den A-la-carte-Gerichten in fast perfektem Deutsch abgefasst ist. Nur bei einem stutzt er: «Pouletbrust Hawaii – überbacken mit verschiedenen Salaten». Das Beispiel zeigt wieder einmal, welche Bedeutung ein Komma (nach überbacken) haben kann. Doch genug der Beckmessereien. Wenn dieses Lokal von Mitarbeitern aus Sri Lanka geführt wird, dann will der Testesser kein paniertes Schweinsschnitzel (Fr. 20.50), kein Rindssteak mit Kräuterbutter und Croquetten (Fr. 29.50) und keine Tortellini mit Tomatensauce (Fr. 16.50), sondern eines der Currygerichte. Das dauert, wie der Kellner erklärt, 15 bis 20 Minuten. Deshalb bestellt der Gast vorab einen grünen Menüsalat (Fr. 6.–), dazu wird ein Körbchen Brot gereicht.

Der Testesser entscheidet sich für das pikante Lamm-Curry mit Basmatireis und Appalam (Fr. 28.50). Letzteres ist ein hauchdünner Fladen aus Linsenmehl. Der «Riesenchip» wird den Teller wie ein Baldachin überdecken, doch noch wartet der Testesser auf das Gericht. Zeit also, die Umgebung etwas in sich aufzusaugen. Hier im hinteren Säli hört man fast nur die Stimme eines älteren Herrn, der seinem ebenfalls im reiferen Alter stehenden Tischgenossen Heldentaten aus dem Leben schildert. Da er offenbar das Hörgerät vergessen oder ausgeschaltet hat, spricht er so laut, dass dem Gespräch alle folgen können. Irgendwann kommt er auf eine Person namens Z. zu sprechen: Der Z. habe dieses und jenes gemacht. Plötzlich dreht sich der Mann im Rücken des Sprechers auf dem Stuhl um und sagt: «Jetzt musst du aber aufpassen, was du sagst, denn der Z. sitzt hier.» Die anderen Gäste können sich ein Grinsen nicht verkneifen, und an einem weiteren Tisch kommentiert ein Pärchen hörbar: «Fast wie in der ‹Muppet Show›». Ab da reduziert der Erzähler die Lautstärke etwas.

Nach 20 Minuten kommt der Teller mit dem erwähnten «Baldachin». Serviert wird das Lammfleisch an der pikanten roten Curry-Sauce mit Reis. Am Tellerrand ist ein neckisches Plastikspiesschen mit Ananasstückchen und einer Dosenkirsche platziert. Eilends bestellt der Testesser Mineralwasser nach, obwohl der sri-lankische Koch vermutlich findet, er bereite das Gericht den Schweizer Gaumen zuliebe geradezu verboten milde zu. Das Essen schmeckt gut, die kleine Wartezeit hat sich gelohnt. Was es wohl in Sri Lanka für Süssspeisen gibt? Gar keine, zumindest hier und heute – nur die Glacekarte, wie der Kellner mit Bedauern erklärt. Also isst der Testesser zur Feier des Tages ein kleines, aber feines Zwetschgensorbet aus dem Nestlé-Konzern mit einem Schuss Prune (Fr. 7.90). Schliesslich ist es an diesem schönen Wintertag draussen immer noch saukalt.

(Der Bund)

Erstellt: 07.01.2017, 10:14 Uhr

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Karte: Pasta, Pizza, Schweizer Standardküche mit Abstechern nach Asien. Von Oktober bis Weihnachten gibt es an Samstagabenden ein asiatisches Büffet (Fr. 32.–).

Preise: Mittagsmenüs Fr. 17.50 bis 19.50; à la carte durchschnittlich, die meisten Gerichte kosten zwischen 20 und 30 Franken.

Kundschaft: Quartierbewohner, welche einmal auswärts essen wollen, ohne weit gehen zu müssen, oder die nach dem Einkaufen im Zentrum einen Kaffee trinken.

Öffnungszeiten: montags bis samstags, sonntags geschlossen.

Adresse: Restaurant Wittigkofen, Jupiterstrasse 15, 3015 Bern; Telefon 031 941 13 14; E-Mail: restaurant-wittigkofen@hotmail.com;

Webseite: restaurant-wittigkofen.jimdo.com.

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