«Vielen fehlt der Mut, die Komfortzone zu verlassen»

Auf einem 2000 Kilometer langen Kajak-Velo-Trip stiessen die Mentaltrainer Rüdiger Böhm und Dominic Kläyan ihre eigenen Grenzen.

Schleusenumgehung: Rüdiger Böhm (links) und Dominic Kläy.

Schleusenumgehung: Rüdiger Böhm (links) und Dominic Kläy. Bild: Michele Di Fede (zvg)

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Beide sind Coaches. Sie zeigen Klienten, wie man sich mental stärkt, sich Ziele setzt und sie erreicht. Und dass Hindernisse kein Grund sind, aufzugeben. Rüdiger Böhm und Dominic Kläy fanden, es wäre gut, selbst einmal an Grenzen zu stossen. Es ist aber nicht so, dass die beiden zuvor nur Buchweisheiten gepredigt hätten. So hatte der 48-jährige Böhm einen schweren Schicksalsschlag zu verkraften. Der studierte Sportwissenschaftler und leidenschaftliche Bewegungsmensch verunfallte: Ein Lastwagen überfuhr beide Beine, sodass sie amputiert werden mussten.

Doch er gab nicht auf. Fortan tat Böhm alles mit den kräftigen Armen, nahm an Triathlon-Wettkämpfen teil, wo er den Schwimmpart übernahm. Er erwarb sich die höchste Fussballtrainerlizenz, arbeitete mit Junioren in Karlsruhe und danach beim FC Thun. Im Jahr 2013 schliesslich sagte sich Böhm: «Nun ist es gut mit Fussball.»

Der 32-jährige Kläy war technischer Projektleiter und Kunstflugpilot. In der Aviatik wird Sicherheit grossgeschrieben, denn: «Bei einem Problem kann man nicht wie im Auto rechts ranfahren.» Ein Pilot checke alles und versuche, Risiken vorherzusehen. Böhm funktioniere anders, sagt Kläy: Er gehe in eine Situation mit dem Grundvertrauen, sie meistern zu können, auch bei Unvorhergesehenem. So wars, als sie die Idee einer Kajaktour entwickelten – als Beweis auch dafür, dass körperlich Gesunde und Handicapierte ein Projekt realisieren können.

An eine Tour von Thun nach Bern dachten sie zuerst, doch wurde daraus eine Reise von der Aareschlucht bei Meiringen bis nach Rotterdam an der Nordsee. Kläy bereitete sich akribisch vor, studierte Karten, übte die Eskimorolle, die es einem Kajakfahrer ermöglicht, sich im Wildwasser nach einer Drehung wieder aufzurichten, übte die Paddeltechnik. Böhm liess die Dinge auf sich zukommen, sagt Kläy. Böhm relativiert: Kajak sei er früher schon gefahren, zudem habe er ausgiebig testen müssen, ob er mit oder ohne Prothesen sicherer im Kajak sitze.

Sie liessen sich durchschleusen - mit riesigen Kähnen oder allein in ihren Nussschalen.

Schon bei der berüchtigten Uttigenwelle kam es zum Malheur, und kurz darauf wieder. Beide mussten sehen, wie sie aus den Fluten herausfänden. Bei Worblaufen jagte es Kläy «den Nuggi hinaus». Er bekam Fieber und musste einen Tag Bettruhe einschalten. Böhm setzte die Fahrt fort. Im Wohlensee wollte er aus Sicherheitsgründen dem Ufer entlangfahren, doch fuhr er mitten im See – wegen der schöneren Bilder. Ein Team begleitete das Duo: Kameraleute, ein Fotograf, ein Begleitauto. Böhm sagt, das rettende Wohlenseeufer hätte er auch von der Seemitte aus erreicht.

Bei der Mündung in den Rhein lasen sie auf einem Schild: 930 Kilometer – bis Rotterdam. Zwar wussten sie das, doch schluckten sie dennoch leer. Stundenlang paddelten sie nebeneinander und hatten Zeit zum Reden. «Wenn ich zu singen begann, liess er sich 200 Meter zurückfallen», sagt Kläy lachend. Oft genossen sie auch einfach die Stille. Böhm, der gebürtige Hesse, sagt: «Man kann nicht immer babble.» Bei Staustufen liessen sie sich durchschleusen, gemeinsam mit langen Kähnen oder allein in ihren Nussschalen. «Eigentlich ist es nicht zulässig», sagt Kläy, aber die Schleusenwärter hätten stets ein Auge zugedrückt. Nach einem strengen Abschnitt lagen die Männer jeweils wie tote Fliegen am Ufer. Sie durchfuhren idyllische Naturlandschaften und übel stinkende Industriezonen.

Unterwegs gewannen sie verschiedene Erkenntnisse. Etwa die, dass man Dinge loslassen muss, die nicht beeinflussbar sind. Und dass sich die meisten Sorgen, die einen niederdrücken, als grundlos erweisen. «Es ist gut, sich Ziele zu setzen und nicht aufzugeben», sagen die Coaches. Doch hie und da sei eine Pause richtig. So hätten auch sie eines Tages beschlossen, für heute mit Paddeln aufzuhören. «Am Tag darauf waren die Bedingungen besser, und es lief leichter.» Auch im Büro müsse man «den Griffel einmal niederlegen» und an die frische Luft gehen, sagt Böhm, «egal, was die anderen denken».

Eine indiskrete Frage: Was passiert auf dem Kajak, wenn man mal muss? Böhm sagt, er habe eine Flasche mitgeführt. Kläy wies diese Methode zuerst von sich – und nahm dann ebenfalls eine mit. Das häufige Aus- und Einwassern unterwegs wurde auch ihm mit der Zeit zu mühsam. (Der Bund)

Erstellt: 30.04.2018, 06:29 Uhr

2 Männer, 2 Beine, 2000 Kilometer

Zwei Männer haben im Sommer 2017 eine XXL-Kajaktour unternommen – von der Aareschlucht bei Meiringen bis nach Rotterdam. Und dann per Velo zurück. Insgesamt legten sie über 2000 Kilometer zurück.

Das Projekt erscheint unmöglich, denn Rüdiger Böhm, der ältere, hat bei einem Unfall beide Beine verloren. Doch nicht nur der durchtrainierte Böhm stiess auf der Tour an die Grenzen seiner Kräfte, auch sein jüngerer Kompagnon Dominic Kläy hatte zeitweise hart zu beissen.

Doch die zwei Motivations- und Mentaltrainer schafften es – und erlebten am eigenen Leib, was sie ihren Klienten jeweils als Tipp fürs Leben mitgeben: Ziele setzen, nicht aufgeben, den eigenen Stärken und Fähigkeiten vertrauen.

Der Dokfilmer Jan Mühlethaler hat die beiden begleitet, ebenso der Fotograf Michele Di Fede. Nun wird der einstündige Film in Bern gezeigt.

«Down the River» ist weit mehr als die Dokumentation eines sportlichen Rekords: ein Plädoyer für mehr Inklusion, für mehr gemeinsames Leben von Behinderten und Nichtbehinderten. (mdü)

«Follow the River»: 6./7./10./12. Mai, Cinématte Bern, jeweils 17 Uhr.

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