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«Sigi»

Fussballgott Grädel stellt eine Dramentheorie auf.

Grädel sitzt in der Küche und schält eine Orange. Seine Frau kann viel besser Orangen schälen, sie hält dann jeweils zwei lange Riemen in der Hand, und fertig ist das Wunderwerk. Grädel dagegen hat eine Unzahl von Schalenteilchen vor sich, als wären es die vielen Gedankenteilchen, die das Theaterstück «Sigi» (im Herbst uraufgeführt) zum Jahresende nochmals zusammensetzten.

Sigi stand also in dieser Loge hoch oben in St.-Jakob-Park. Im Hintergrund schwenkten die Anhänger in der Muttenzer Kurve ihre rot-blauen Fahnen, und Sigi sagte in breitem Baseldytsch ins Mikrofon, dass YB auch mit weniger Millionen Zweiter werden könne und dass das strategische Ziel, Basel zu gefährden, verfehlt worden sei. Urs Sigi Siegenthaler – muss man wissen – ist Fussball-Weltmeister mit Deutschland und hat als DFB-Chef-Analyst Distanz zu den Dingen. In dieser Szene übertrieb er es nach bernischem Geschmack aber ein wenig mit der Distanz. Der Ort schien auch nicht gerade von den Göttern ausgewählt. Sigi sagte später – nach seinem überraschend frühen Tod im Theaterstück –, dass es «eine Sensationsberichterstattung» gewesen sei, die mit der Wirklichkeit nichts zu tun gehabt habe. Mediale Lynchjustiz im rasanten Online-Zeitalter. Ein modernes Drama postfaktischen Charakters (war die Aussage von Sigi eigentlich falsch?). Entschied das blau-rote Dekor als Subtext oder die verklärte Liebe zum entlassenen Sportchef Fredy Bickel, dass die Hauptfigur sich im Stück gar nicht entfalten konnte? Oder was war es genau? Die Liebe zum Drama, das Wegscheuchen eines Fremden? Rassismus, was?

Grädel isst einen weiteren Orangenschnitz mit Andacht, greift aber in einem Anflug von Unbewusstheit zu seinem Handy, ruft einen soziologisch gebildeten Kollegen an und fragt ihn ohne Floskeln der Begrüssung: «Was ist eigentlich ein Drama?» Nach einer kurzen Pause des Nachdenkens brummelt dass Theorie-Genie, dass Stoff und Charaktere in einem Drama mit Notwendigkeit aus einer spezifischen sozialen Welt hervorträten, es wiese oft auf soziale Missstände hin. Oft ist der geschätzte Kollege unerträglich mit seinem Hang, sich im Denken zu verlieren, aber manchmal, Potzblitz! Das Vitamin C beginnt in Grädels Organismus zu wirken. Grädel fühlt sich jetzt hellwach, gesund sowieso, und sagt zu seiner Frau: «Ein Drama ist doch auch, wenn Dinge, die nicht zusammengehören, miteinander verbunden sind, oder Dinge nicht verbunden sind, die eigentlich zusammengehören. Das ist doch ein Drama, oder?» Seine Frau blickt scharf auf die Orangenteilchen und sagt noch schärfer: «Ein Drama ist, wie du eine Orange schälst.»

Früher ging Grädel ins Theater. Er gab seinen Regenmantel der Garderobiere und Trinkgeld obendrein und diskutierte Aufgeführtes ausführlich und leidenschaftlich. Mittlerweile reichen Grädel Alltagsszenen und die Vorgänge beim BSC Young Boys. Das Stück «Sigi» war in diesem Jahr von herausragender Qualität – skurril, gesellschaftskritisch, prägnant, nicht ohne Humor, aus einer spezifischen sozialen Welt. Grädel vergibt alle fünf möglichen Sterne.

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