Mehl, Nostalgie und Gin

Als es noch keine EU gab, bescherten die Grenzen einem allerhand Abenteuer.

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Beschäftigen tut es einen ja schon, was die Briten am Donnerstag entscheiden. Nicht unbedingt wegen der Folgen eines möglichen Brexit für die Schweiz, sondern weil wieder einmal die Stunde der Nostalgie schlägt: Was war da nur, als es noch keine EU gab und Grenzen einem allerhand Abenteuer bescherten? Als wir zum Beispiel in den Achtzigerjahren einen Zentner Mehl in die Schweiz mitnehmen wollten, einen grossen, weissen Sack mit noch weisserem Mehl?

Eigentlich waren wir nach Italien gereist, um direkt beim Weinbauern Wein für eine Wohlfahrt-Pizzeria zu holen. Ein netter Weinhändler hatte ein Kontingent zur Verfügung gestellt. Die Papiere waren in Ordnung, der Weinbauer kochte für uns und schenkte dazu einen Wein ein, den wir uns nicht leisten konnten.

Der Weinbauer war ein Perfektionist: Wenn sein Wein zu Pizzas serviert werden sollte, so müssten wir unbedingt auch noch einen Sack Mehl mitnehmen. Und zwar tipo zero zero (00), das sei nämlich das feinste und beste Mehl. Er telefonierte kurz vor Mitternacht, und am anderen Morgen lag auf den Weinkartons noch ein Mehlsack.

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Am Zoll zeigten wir die Ausfuhrpapiere für den Wein, doch der Zöllner interessierte sich nicht dafür, er deutete vielmehr auf den Mehlsack und verlangte die Papiere fürs Mehl. Wir schauten ihn verständnislos an, erklärten und erklärten, er aber schüttelte nur den Kopf. Ohne documenti keine Ausfuhr. Wir führten seine Sturheit auf das kalte Wetter und den Schnee zurück, kehrten um und versuchten es an einem anderen Grenzübergang. Vergeblich.

Auch die nächsten drei Zollstationen liessen das Mehl nicht durch. Es zu verschenken, überlegten wir uns nur kurz. Auch wir waren stur und wollten jetzt einfach dieses beste aller Mehle. Die Zöllner liessen sich nicht mit Weinflaschen bestechen, das Geld wurde langsam knapp, Kreditkarte hatten wir noch keine und die Absteigen, die wir uns leisten konnten, wurden immer schäbiger.

Und die zufälligen Begegnungen immer zwielichtiger. Ein Mann wollte uns überreden, eine antike Statue einem Händler in Basel zu bringen. Er selber hatte dafür keine Zeit, dafür aber etwas Geld, das er uns unbedingt geben wollte. Eine alte Frau sagte, das Mehl sei verflucht, wir sollten aufpassen, und schlug das Kreuz.

Es schneite immer heftiger, was uns dazu verführte, in ein gottverlassenes Tal hinaufzufahren. Auf der Passhöhe, kurz vor dem Zoll, läuteten wir mitten in der Nacht Beppo und seine Frau heraus. Beppo war Neapolitaner, warum es ihn hierher verschlagen hatte, ist eine andere Geschichte. Aber Beppo strahlte, die kleine Pension war eigentlich zu, der letzte Gast seit Wochen weg, und seine Frau wollte sich seine Geschichten nicht mehr anhören.

Wir aber schon, Beppo mochte unseren Wein, und bevor wir in die klamme Bettwäsche krochen, wussten wir, warum Beppo eine so grosse Narbe am Hals hatte und lispelte. Am nächsten Morgen setzte er sich ans Steuer unseres Ford Transit, winkte vergnügt dem Zöllner zu, und als er nach der Grenze ausstieg, schauten wir ihm lange im Rückspiegel nach und waren ein wenig traurig.

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Mit zero zero war dann die Pizza wirklich besser, und wir reden heute noch davon, Beppo endlich wieder einmal heimzusuchen, nicht nur, um zu erfahren, wie die Geschichte mit dem Kaminfeger, der den Mafiaboss reingelegt hatte, ausgegangen ist. Aber mit der Nostalgie ist es so eine Sache. Sie kann einen so trunken und unberechenbar machen, dass sie eigentlich in den Giftschrank gehört. Gin ist da eine prima Alternative. Das wissen die Briten garantiert.

Der Bund

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