«Man kann nichts machen? – Das sehe ich gar nicht so»

Das Elend der Unwetteropfer in Peru soll nicht vergessen werden. Darum stellt Teolinda Colonia einen Solidaritätsanlass auf die Beine.

Mit indianischer Tracht im Fischermätteli: Teolinda Colonia.

Mit indianischer Tracht im Fischermätteli: Teolinda Colonia. Bild: Franziska Rothenbühler

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So ist das immer auf dieser Welt: Am einen Ort ist es wunderbar, am anderen regiert das nackte Elend. In diesem Zwiespalt steckt auch Teolinda Colonia. Die 45-jährige Naturärztin aus Peru sitzt auf dem Gartensitzplatz im Berner Fischermätteliquartier. Vögel zwitschern, Rosen blühen – Idylle pur. 10'000 Kilometer weit weg, aber für sie ganz nah, spielen sich andere Szenen ab.

In ihrem Heimatland Peru ereigneten sich sintflutartige Regenfälle (siehe Box). In grossen Teilen des südamerikanischen Landes ist die Welt aus den Fugen: Unzählige Häuser sind beschädigt oder gänzlich zerstört, Äcker verwüstet, Strassen unterbrochen. Wer in abgelegenen Dörfern wohnt, zu dem drangen im Frühjahr die Helfer mit ihren Notrationen und Wolldecken gar nicht vor. In gewissen Städten seien die Häuser zu 90 Prozent beschädigt, sagt Colonia. «Es ist eine traurige Situation», sagt sie, nachdem sie – eigens in die landesübliche farbenfrohe Indio-Tracht gekleidet – in die Kamera gelächelt hat. «Da kann man nichts machen?» fragt sie rhetorisch. «Das sehe ich gar nicht so.»

Die drahtige Peruanerin ist eine Frau der Tat. Was sie anpackt, macht sie richtig. Als sie 1992 in die Schweiz kam, um in Freiburg zu studieren, büffelte sie innert dreier Monate so viel Deutsch, dass sie die Zulassungsprüfung bestand. Gerne hätte sie Medizin studiert, was aber nicht ging, weil sie kein Stipendium bekam. Sie studierte andere Fächer, bei denen es möglich war, nebenbei zu arbeiten. So vertiefte sie sich in anthroposophische Naturheilkunde, Psychologie und Ernährungstherapie. «Ich stellte fest, dass die Anthroposophie Parallelen zur Naturheilkunde in meiner Heimat aufweist.»

Wie hat sie die Schweiz nach ihrer Ankunft vor 25 Jahren erlebt? «Einen Kulturschock hatte ich nicht.» Ihr Bruder, ein leidenschaftlicher Bergsteiger und Bergführer, war schon in Europa, sodass sie Bescheid wusste. Zudem sei die Uni Freiburg ein guter Ort gewesen, um sich in die neue Umgebung einzugewöhnen: «Es herrschte ein weltläufiges Klima mit Studierenden aus verschiedensten Ländern.» Etwas irritierend empfand sie, dass manche wegen ihres indianischen Aussehens voreilig annahmen, sie verstehe kein Deutsch. Doch eines will sie festgehalten haben: «Ich habe nie Rassismus gespürt.» Sie habe viele Schweizer Freundinnen und Freunde, die sie immer sehr respektvoll behandelt hätten.

Nun hat die zielstrebige Frau die Festhalle auf dem Expo-Gelände in Bern gemietet – zu einem fairen Preis, wie sie betont, aber doch zu einem Betrag, der den Durchschnittsbürger leer schlucken lässt. Klein-Klein liegt ihr nicht. Der Solidaritätstag soll eine «grosse Kiste» werden, ein Fest nicht nur für die peruanische Community, sondern auch für Schweizer. Sie hat ihr Netzwerk aktiviert, etwa peruanische Köche, die erfolgreich in Europa tätig sind und den kulinarischen Reichtum des Landes auf den Teller bringen.

«Der Anlass ist nicht nur für 
Peruaner, sondern ebenso für Schweizer.»

Noch viel zu wenige Feinschmecker wüssten, wie vielseitig die peruanische Küche sei, die Fische und Meeresfrüchte ebenso umfasst wie die gewöhnungsbedürftigeren Fleischarten Meerschweinchen oder Schlangen. Bekannte DJs werden auflegen, Modeschauen werden stattfinden, angesagte peruanische Bands spielen. «Sie treten alle ohne Gage auf.» Die Zuschauer, hofft sie, werden freiwillig einen Festbändel erwerben – und zusätzliche Beträge spenden.

Colonia macht so etwas nicht zum ersten Mal. Als Peru 2007 Gastland an der BEA war und die damalige zweite Vizepräsidentin Lourdes Mendoza an der Eröffnung ihre Rede auf Deutsch hielt, zog Colonia die Fäden. Sie trägt es mit Fassung, dass sie, die alles arrangiert, oft im Hintergrund bleibt, während andere das Blitzlichtgewitter suchen. Es ist ein wenig so wie mit vielen peruanischen Landsleuten, besonders jenen indianischer Herkunft. Auch sie bleiben oft ausserhalb der Wahrnehmung, obwohl Perus modernisierte Wirtschaft Spargeln exportiert und neuigkeitssüchtigen Konsumenten das Mode-Wundergetreide Quinoa und wertvolle Schätze aus dem Bergbau liefert.

Dieser Aufschwung stimmt einerseits hoffnungsvoll. «Sehr oft hat die lokale Bevölkerung von diesem Wirtschaftswachstum aber gar nichts», sagt Colonia. Doch das ist wieder ein anderes Thema. (Der Bund)

Erstellt: 19.06.2017, 07:27 Uhr

«Dia de Solidaridad»: Fröhliches Fest aus traurigem Anlass

Peru hatte einen traurigen Jahresbeginn. Als Folge des Klimaphänomens El Niño ereigneten sich von Januar bis März Unwetter, Erdrutsche und Überschwemmungen, die Hunderttausende Häuser zerstörten. Es gab rund 100 Tote, etwa 1 Million Menschen sind betroffen. Zwar setzte die Nothilfe bald ein: Trinkwasser, Wolldecken, Notrationen. Doch längerfristig passiere zu wenig, findet die in Bern wohnhafte Peruanerin Teolinda Colonia. Darum organisiert die 45-jährige Naturärztin einen Solidaritätstag («Dia de Solidaridad con el Peru»), an dem sie dank ihres Netzwerks alles zusammentrommelt, was Peru zu bieten hat: eine reiche Kochkunst, Modeschauen, Musikbands und Tanztruppen. Der Erlös soll den Opfern zugute kommen. Vorerst ist der Anlass für Colonia ein finanzielles Risiko. Sie hofft auf viele Besucher, einerseits aus der 18'000-köpfigen peruanischen Community in der Schweiz, aber ebenso sehr auf Schweizerinnen und Schweizer. (mdü)

Solidaritätstag Peru, Bern Expo, Halle 4, Samstag, 24. Juni 2017, 10–2 Uhr; Informationen: teacolonia@hotmail.com oder Telefon 079 604 04 24.

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