«Man erlebt die Weite und fühlt sich sehr klein»

Die Umweltforscherin Amy Valach aus Bremgarten hat sich bei ihrer Arbeit in die scheinbar öde Eislandschaft der Antarktis verliebt.

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Derzeit zieht es viele in den Süden: Sonne, Sand, Strand und Glace sind gefragt. Die Sehnsüchte der 29-jährigen Amy Valach sind anders: Die unendliche Weite der Antarktis hat es ihr angetan. Die britisch-schweizerische Umweltforscherin aus Bremgarten lebte während 14 Monaten in der britischen Forschungsstation Halley, benannt nach dem Mathematiker und Astronomen Edmond Halley (1656–1742). Auf Fotos wirkt die Station wie eine Kolonne Elefanten: Behälter auf Stelzen, die auf Skiern ruhen, denn zuweilen muss die Station verschoben werden.

«Im Eis bildete sich ein Spalt, der täglich einen halben Kilometer länger wurde.» Man wisse nicht, in welche Richtung er sich bewege: «Er könnte die Station gefährden.» Es sei aber nicht der spektakuläre Riss, der soeben durch die Medien ging (Der «Bund» berichtete). Für Valach ist die Antarktis kein gefährlicher Ort, auch kein langweiliger. «Raue natürliche Schönheit hat mich schon immer angezogen.» Das könne eine Felswand in den Alpen sein oder der mit Eis überzogene Kontinent am Südpol.

«Raue natürliche Schönheit hat mich schon immer angezogen.»Amy Valach

Wenn bei uns Sommer ist, herrscht dort fast rund um die Uhr Nacht. Nur von 12 bis 13 Uhr könne man ohne Stirnlampen hinausgehen – aber gut verpackt: Daunenhosen, Daunenjacke, Brille, Gesichtsmaske. Leider habe sie den 2015 gemessenen Kälterekord von minus 56,2 Grad Celsius nicht miterlebt, auch nicht die Minus-50-Grad-Marke, sagt sie bedauernd: «nur» minus 48,4 Grad Celsius. Bei minus 40 könne man stundenlang draussen sein, aufpassen müsse man, wenn ein starker Wind blase, da er einen rasch auskühle. Und ohne Handschuhe ein Metallgeländer anzufassen, sei unklug: «Das erzeugt eine Art Kälteverbrennung.»

Was macht man den lieben langen Tag oder die liebe lange Nacht? Die Arbeitszeiten seien lang, um die 15 Stunden. Wobei es eine Präsenzzeit sei, nicht wie in einem Büro. «Ständig gibt es etwas zu tun.» Einen Wetterballon losschicken, Daten ablesen, eine Probe ins 1,5 Kilometer entfernte Labor bringen, Werte in eine Excel-Tabelle eintragen. Ursprung der Station war eine Holzhütte im Jahr 1956. Das Wertvolle der Messungen liegt vor allem darin, dass sie unterbruchsfrei seit Jahrzehnten erhoben werden, sodass selbst kleinste Abweichungen registriert werden.

Das Ozonloch wurde 1985 hier entdeckt. Ob die Arbeit weitergeht, ist fraglich. Vermutlich wird die Station im Winter nicht mehr besetzt sein – «eine Tragödie für die Langzeitmessungen», sagt Valach, die als erste und vielleicht einzige Schweizer Frau dort überwinterte. Heute dreht sich die Diskussion um die Klimaerwärmung. Würde die Antarktis – dreimal so gross wie Australien – völlig abschmelzen, stiege der Meeresspiegel weltweit um 60 Meter.

***

Valach kommt ins Schwärmen, wenn sie von der Antarktis erzählt. Trotz fehlender Blumenwiesen herrsche dort weder farbliche Eintönigkeit noch Ödnis, man entdecke eine breite Palette von Blautönen. «Mit der Zeit lernt man immer besser, sie zu unterscheiden.» Auch die Wolkenformen böten viel Abwechslung, die Farbe des Himmels oder die Aurora Australis, das Pendant zum Nordlicht. Begeistert ist sie auch von der Begegnung mit einer 10'000-köpfigen Pinguin-Kolonie, die 35 Kilometer von der Station entfernt lebt. Die Tiere hätten auf dem Eis keine Feinde und watschelten den Menschen darum neugierig und treuherzig hinterher. «Sie sind schwerfällig und lustig.» Einige Männchen hätten für das exotische zweibeinige Wesen einen Balztanz vollführt. «Als sie merkten, dass dies keine Wirkung erzielt, gingen sie zur Seite, und der nächste versuchte es.»

Fällt einem die Decke der Station nicht auf den Kopf? «Man muss sich zusammenraufen», sagt Valach, bisher habe sie Glück gehabt. Ob Generatorenmechaniker, Funker, Köchin oder Elektriker: Alle im Team hätten gut funktioniert. Was macht man in der Freizeit? Einmal habe sie für einen Oktoberfest-abend gekocht. Billard werde gespielt oder Pingpong. Einmal im Monat habe sie übers Internettelefon ihre Eltern angerufen. Ins Smartphone zu starren, sei nicht zu empfehlen: «Die Verbindung baut sich quälend langsam auf.» (Der Bund)

Erstellt: 17.07.2017, 07:04 Uhr

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