Kann man unfriedlich einschlafen?

Die Ask-Force entführt sie heute in das Land der Träume und darüber hinaus.

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Das in Todesanzeigen «immer und immer» wiederkehrende «friedlich einschlafen» störe sie seit langem, schreibt uns Vera Schürch in ihrer E-Mail. «Kann man denn auch unfriedlich einschlafen? Oder gar kriegerisch?», fragt sie und meint: «Besser wäre doch ‹in Frieden›, wenn schon!» Ihr sei klar, dass die Hinterbliebenen im Moment des Verfassens einer Todesanzeige in grosser Trauer seien, schreibt sie. Trotzdem stelle sie ihre «etwas unkonventionelle Frage» in der Hoffnung, die Ask-Force hätte vielleicht eine kluge Antwort.

Wir danken Ihnen für den Vertrauensvorschuss. Aber um es gleich vorwegzunehmen: Wir sind nicht mit Ihnen einverstanden. Genau besehen ist es zwar eigenartig, «Sterben» mit «Einschlafen» gleichzusetzen, aber in vielen Fällen dürfte der Vergleich trotzdem stimmen. Um einschlafen zu können, ist Entspannung nötig. Wer aufgewühlt ist, bleibt wach. Ein Kind schläft erst ein, wenn es sich beruhigt hat. Beim Sterben ist es wohl ähnlich: Am Ende verlassen den Sterbenden die Kräfte.

Vielleicht verstehen wir nicht ganz, wo Sie den Unterschied zwischen «friedlich» und «in Frieden» sehen. Aber es geht hier gar nicht um Finessen. Sinn und Zweck solcher Formulierungen besteht darin, jene, die nicht dabei waren, zu schonen. Von «schonen» ist es nicht weit zu «beschönigen». Stellen Sie sich vor, Frau Schürch, in einer Todesanzeige stünde immer die ganze Wahrheit.

***

Menschen neigen dazu, nicht immer die ganze Wahrheit zu offenbaren. Und nicht immer ist das schlecht. Wenn ein Polizist den Angehörigen sagt, der Verunfallte habe keine Schmerzen mehr erleiden müssen, stimmt das vielleicht nicht ganz. Aber damit schont er sie. Und es muss nicht gleich um Leben und Tod gehen: Wie oft beschönigt man eine Situation, um andere nicht in Unruhe zu versetzen oder gar zu ängstigen?

Das Problem ist nur, dass es zunehmend schwierig wird, die ganze Wahrheit zu verbergen. Früher konnte man der Mutter aus der einzigen Telefonkabine auf dem Zeltplatz heraus noch mitteilen: «Mach dir keine Sorgen, hier ist es ruhig.» Dass eben erst ein Blitz in 100 Meter Entfernung in die Dusche eingeschlagen hatte und mehrere Bäume umgestürzt waren, brauchte sie nicht unbedingt zu wissen.

Heute geht das nicht mehr. Da nützt es der Tochter wenig, wenn sie am Handy beteuert: «Mach dir keine Sorgen, Dad, die Gewitter scheinen an uns vorbeizuziehen.» Der Vater weiss: Es stimmt nicht. Auf dem Smartphone sieht er, wie genau dort, wo seine Kleine in den Ferien weilt, eine giftig-violette Gewitterzelle hockt. Und dass die Webcam des Zeltplatzes ausgefallen ist, macht für ihn die Sache auch nicht besser.

Keine Sorge, wir beantworten fast alle Fragen: askforce@derbund.ch

Erstellt: 17.07.2017, 07:05 Uhr

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