Justiz reloaded

Mord und Totschlag bei Grädel? Dürrenmatt macht es möglich.

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Es ist lange her, dass Grädel diesen Dürrenmatt gelesen hat, den er neulich wieder suchte, irgendwann muss er in einer Bananenkiste und daraufhin in einer Brockenstube gelandet sein. Schade, aber da hat Grädel halt auf Wikipedia nachgelesen, was in diesem Krimi eigentlich geschah, bei dieser schauerlichen Episode, in der Kantonsrat Dr. Isaak Kohler auf offener Strasse den Professor Winter erschiesst und danach am Tatort auf seine Festnahme wartet. Eine klare Angelegenheit, aber nicht bei Dürrenmatt!

In einem normalen Justizsystem gibt es unter dieser Voraussetzung ja nicht viele Optionen: Der Täter wird auf der Stelle abgeführt, in den Käfig geworfen, darf sich einen Verteidiger nehmen und dann vor Gericht antraben. Das läuft auch für den vormals ehrenwerten Herrn Kohler nicht anders, er kriegt in einem Schauprozess eine 20-jährige Haftstrafe. Weil er es sich leisten kann, beauftragt er nach dem Schuldspruch einen jungen Anwalt, den Fall neu aufzurollen und nachzuweisen, dass der Verurteilte eben doch nicht der Täter war. Item, der feine Dr. Kohler wird tatsächlich freigesprochen und ein ehemaliger Meister im Pistolenschiessen, welcher zuvor bereits Selbstmord begangen hatte, posthum zum Täter erklärt.

***

Damit aber noch nicht genug des Dramas: Der mit grossem Gerechtigkeitssinn ausgestattete Anwalt will mit der Erschiessung von Kohler und anschliessend von sich selbst Gerechtigkeit schaffen. Dieser Plan scheitert, und es stellt sich heraus, dass der Mord an Professor Winter für Kohler «nur ein Puzzleteil in einem komplex angelegten und durchdachten persönlichen Rachefeldzug war, in dem er geschickt menschliche Schwächen und die Grenzen des modernen Justizapparats ausnutzte», wie Grädel im schnöden Wikipedia statt auf Papier nachlesen musste, weil eben – die Bananenkiste.

Schade, aber vielleicht gibt es das Werk ja auch für wenig Geld als praktisches gelb-schwarzes Reclam-Heftli für die Jackentasche in einer Buchhandlung. Ende letzter Woche wurde ja auf allen Kanälen von einem berichtet, der einem anderen vor laufender Kamera mehrere Ohrfeigen und einen Fusstritt verpasst hatte, und es wurde eifrig darüber spekuliert, welche Strafe dem Übeltäter da wohl drohen würde. Deswegen hat sich Grädel überhaupt erst an das Werk vom alten Fritz erinnert. Und nächste Woche geht es an dieser Stelle wieder um Fussball statt um alte Schunken, versprochen! (Der Bund)

Erstellt: 28.09.2017, 06:43 Uhr

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