«In Federer stecken noch vier weitere Grand-Slam-Titel»

Altmeister Roy Emerson bringt in Gstaad Amateurspielern bei, mit Raffinesse statt roher Gewalt zu spielen.

Roy Emerson unterrichtet auch mit 80 Jahren noch auf dem Tennisplatz in Gstaad.

Roy Emerson unterrichtet auch mit 80 Jahren noch auf dem Tennisplatz in Gstaad. Bild: Adrian Moser

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Roy Emerson, Sie sagten 2013, als Federer in der Krise steckte, er habe bestimmt noch fünf oder sechs gute Jahre vor sich, wenn er nicht «aus jedem Punkt den Zweiten Weltkrieg» mache, sondern öfter ans Netz vorrücke und zwischendurch einige Turniere auslasse.
Das war ziemlich visionär, oder? Ich hätte ihm das gerne gesagt damals, aber er hat mich nicht um Rat gefragt. Nun hat er aber genau das getan auf dieses Jahr hin: Er steht noch näher an der Grundlinie, rückt ans Netz vor, spielt auch die Returns auf der Rückhandseite sehr aggressiv. Wenn sein Service gut läuft und er seine Aufschlagspiele leicht gewinnt, schlägt ihn niemand über fünf Sätze.

Wird Federer demnach das US Open und seinen 20. Grand-Slam-Titel gewinnen?
Man kann unmöglich gegen ihn wetten, auch nicht nach dem komplizierten Auftakt. Es ist gut, musste er diese zwei schwierigen Matches über fünf Sätze bestreiten. Wenn sein Rücken hält und er einen hohen Anteil erster Aufschläge im Feld hat, 75 oder besser 85 Prozent, kann er es schaffen.

Sie sind der einzige Tennisspieler, der im Einzel- und im Doppel-Wettbewerb alle vier Grand-Slam-Titel gewonnen hat. Sind Sie reich geworden durch Ihre Erfolge?
Reich? Wir spielten um Pokale, nicht für Geld. Ich wollte Wimbledon gewinnen und den Davis-Cup für Australien. 1968 wanderte ich mit meiner Familie nach Amerika aus und wurde Profi, aber wirklich reich geworden bin ich nicht. Schauen Sie, ich stehe mit über 80 Jahren hier noch jeden Tag auf dem Platz und gebe Unterricht. Wenn ich einmal kein Racket mehr in der Hand halte, können Sie den Sarg bestellen.

Wir verdienten gar nichts. Es gab nur Beifall und einen Pokal.

Das Preisgeld für das derzeit stattfindende US-Open beträgt 50,4 Millionen Dollar, die Siegerin und der Sieger erhalten je 3,7 Millionen Dollar. Wie hoch war Ihr Preisgeld beim letzten Titel in New York 1964?
Wir verdienten gar nichts, es gab Beifall und einen Pokal, das wars. Nur in Wimbledon erhielten die besten Spieler etwas Geld für die Unterkunft, ungefähr 250 Pfund, aber meist kamen wir privat irgendwo unter.

Wie haben Sie die Reisen und die sonstigen Lebenskosten finanziert?
Damals gab es diese Around-the-World-Tickets für 1200 Australische Pfund, so hielten sich die Kosten bei guter Planung in Grenzen. Wir flogen nicht 48 Wochen pro Jahr um den Globus wie die heutigen Spieler, und wir hatten weder einen persönlichen Coach noch einen Physiotherapeuten, auch keine Manager, Racket-Bespanner und Mental- oder Ernährungsberater.

Bis 1968 spielten Sie Amateur-Tennis. Entstammen Sie einer reichen Familie, dass Sie es sich leisten konnten, nur für Ruhm und Ehre zu spielen?
Nein, meine Eltern betrieben in Blackbutt einen Bauernhof mit gegen 100 Kühen. Aber der Sport war in Australien so populär, dass auf vielen Bauernhöfen Tennisplätze gebaut wurden. Bei uns mussten Bäume gefällt und Termitenhügel planiert werden. So wurden wir zwar mit dem Pferd zur Schule gebracht, hatten aber einen eigenen Tennisplatz daheim. Ich übte schon in jungen Jahren fleissig und wurde dann stark gefördert, unter anderem von Harry Hopman, dem legendären Davis-Cup-Captain.

Wie verdienten Sie während der Amateurzeit Ihren Lebensunterhalt?
Ich arbeitete für Slazenger, den Produzenten von Tennisbällen und -kleidern, und für Philipp Morris.

Ein Tennisstar, der Werbung für Zigaretten macht?
Ja, während 15 Jahren versuchte ich, die Leute zum Marlboro-Rauchen zu überzeugen, das war damals nicht verpönt. Manuel Santana, Arthur Ashe, Rafael Osuna – all diese Champions standen bei Philip Morris auf der Lohnliste. Joe Cullmann, der mächtige Boss von Philip Morris, war ein Tennisfanatiker und prägte den Sport als Sponsor vieler Turniere. Ende der 1960er-Jahre war er sogar Vorsitzender des US Open.

Warum wurden Sie erst im Alter von 32 Jahren Profi?
Es war ähnlich wie im Golf: Wir Amateure belächelten in den Sechzigerjahren jene ein wenig, die für Geld spielten, uns war es wichtiger, um grosse Titel zu spielen. Erst im Frühling 1968 wurden die professionellen Spieler zu den wichtigsten Turnieren zugelassen. Manchmal vermisse ich diese sportliche Einstellung bei den heutigen Profis. Die Stars spielen kaum mehr Davis-Cup, weil der Länderwettkampf kein grosses Geld einbringt. Jeder schaut für sich, kaum einer fragt sich, was er seinem Land zurückgeben kann. Bei vielen jungen Spielern hat man nicht mehr das Gefühl, dass sie aus Leidenschaft Tennis spielen. Sie sind ein Projekt, ein Unternehmen mit Angestellten und Renditeerwartungen.

Auch Roger Federer hat den Davis-Cup immer wieder ausgelassen.
Das ist schade, aber bei ihm habe ich Verständnis dafür. Er ist ein unglaublicher Botschafter für unseren Sport, und es ist phantastisch, dass er nun, mit 36 Jahren, das vielleicht beste Tennis seines Lebens spielt.

Ein älterer Mann in Tennistenü tritt an den Tisch und sagt zu Emerson: «Mein Service ist eine Katastrophe, sogar meine Frau returniert ihn ohne Probleme. Wie hart muss ich den Schläger bespannen, damit das besser wird?» Emerson antwortet: «Ich schenke Ihnen eines meiner Rackets, vielleicht hilft das.» Der Mann strahlt und murmelt beim Weggehen, er wolle nicht sterben, ohne noch ein paar Asse geschlagen zu haben. Emerson lacht und sagt: «85-jährig und immer noch auf der Suche nach einem guten Aufschlag.»

Sie veranstalten seit 43 Jahren Tenniswochen auf der Anlage des Hotel Gstaad Palace. Wie kam es dazu in den 1970er-Jahren?
Ich habe mich schon 1956, als ich erstmals hier spielte, in Gstaad verliebt, in diese Tennisanlage, wo der Zug pfeift, wenn du gerade den Ball hochwirfst zum Aufschlag, aber auch ins Dorf und das Hotel Palace. Während meiner Aktivzeit kam ich nach Gstaad, wann immer es ging, das Turnier galt ja damals als inoffizielle Revanche für Wimbledon. Als Rod Laver und ich zurücktraten, begannen wir, Tennis-Camps in den USA zu organisieren, was mit viel Stress verbunden war. Da erinnerte ich mich an die entspannten Aufenthalte in Gstaad und schlug Hoteldirektor Ernst Andrea Scherz vor, exklusive Tenniswochen für Amateure auf den Anlagen des Palace anzubieten. Die Idee wurde so gut aufgenommen, dass ich seit 1974 jedes Jahr sechs bis acht Wochen durchführe. Ich habe das einmal ausgerechnet: Ungefähr 12 Jahre meines Lebens habe ich im Zimmer 111 des Gstaad Palace verbracht.

Bei allem Respekt: Sie sind letztes Jahr 80 geworden und bewegen sich nicht mehr ganz geschmeidig. Die Rackets sind komplett anders als zur Zeit Ihrer Erfolge. Was können Sie jüngeren Spielern beibringen?
Ich bringe die Teilnehmer nicht in die Wimbledon-Qualifikation, aber ich verbessere ihr Spiel. Meine Knie haben ihr Verfallsdatum erreicht, das stimmt, aber die Hand ist stark, und wichtiger als beides ist das gute Auge. Ich liebe es, wenn Leute sich verbessern, und die Teilnehmer zwischen 16 und 100 Jahren sind fast ausnahmslos zufrieden. Es gab in all den Jahren nur drei Wochen, in denen mehr Neulinge dabei waren als Stammkunden. Und ich mache das ja nicht allein, sondern arbeite mit einer international zusammengestellten Trainercrew zusammen.

Wie sehr hat die Entwicklung der Rackets den Tennissport verändert?
Die Entwicklung hin zu grösserer Fläche und Polyestersaiten hat speziell dem Frauentennis einen Schub verliehen. Generell wird mit viel mehr Kraft und Tempo, aber deutlich weniger Raffinesse gespielt. Früher dominierte Serve-and-Volley, die Spieler rückten nach dem Aufschlag direkt ans Netz vor. Heute bekriegen sich 95 Prozent der Spieler mit voller Wucht von der Grundlinie aus und versuchen, dem Ball möglichst viel Top-Spin, also Vorwärtsdrall, mitzugeben.

Gerade das Beispiel Federer zeigt, dass man mit offensivem Spiel noch immer erfolgreich sein kann.
Ja, aber es braucht Talent und vor allem Zeit, ein solches Spiel zu entwickeln. Die jungen Spieler stehen heute unter einem solchen Erfolgsdruck, dass die Bereitschaft fehlt, ein komplettes Spiel zu entwickeln und die eine oder andere Niederlage mehr in Kauf zu nehmen. Also hauen alle Jungen von der Grundlinie aus auf die Bälle, was das Zeug hält, und wenn sie mal ans Netz vorrücken müssen, haben sie keine Ahnung, wie sie sich dort verhalten sollen. Ich nenne das die «Sydney or the bush»-Taktik, mal geht es auf, oft mit voller Fahrt ins Verderben.

Welche Spielphilosophie vermitteln Sie Ihren Schülern?
Ich bringe ihnen bei, den Ball sprechen zu lassen, mit flüssigen Bewegungen und flinken Füssen ein Gemälde auf den Platz zu malen. Grossartige Hände sind der rohen Kraft im Tennis immer überlegen. Es gibt nichts Erhabeneres, als das Tempo des Gegners zu nutzen, um ihn auszuspielen. Aber bringen Sie mal einem jungen Spieler bei, dass es besser wäre, bei gegnerischem Aufschlag den Ball mit einer kurzen Ausholbewegung sicher zu retournieren, statt wie ein Verrückter draufzuhalten und drei von vier Mal den Fehler zu machen.

Das ist Ihr wichtigster Ratschlag für Nachwuchsspieler?
Nein, die wichtigste Botschaft lautet: Verpass nicht deinen ersten Aufschlag. Es mag nett sein, den Ball mit über 200 Stundenkilometern übers Netz zu donnern, aber wichtiger ist, einen hohen Anteil im Feld zu haben und so permanent im Vorteil zu sein bei eigenem Service. Ein zweiter Punkt ist, dass es vielen jüngeren Spielern an mentaler Reife fehlt. 85 Prozent entscheidet sich beim Tennis im Kopf. Gute Grundschläge und einen Matchplan haben alle, aber nur wenige können ihre Strategie anpassen. Das hat auch damit zu tun, dass den jungen Spielern so früh alles abgenommen wird. Wir beobachteten unsere Gegner selber, mussten Strategien suchen, Niederlagen verdauen. Heute kümmert sich ein Heer von Betreuungspersonen um all diese Dinge, was den Druck erhöht und die Widerstandsfähigkeit vieler Spieler schwächt.

Reden wir noch von der Rivalität zwischen Roger Federer und Rafael Nadal. Federer gewann während Jahren keinen wichtigen Match mehr gegen Nadal. Wie war es möglich, dass er ihn im Januar nach halbjähriger Auszeit im Final des Australian Open schlug und anschliessend noch zwei Mal in Turnieren der zweithöchsten Kategorie?
Im Final in Melbourne kam ihm entgegen, dass der Platz schneller war als in anderen Jahren. Sonst hat sich alles im Kopf entschieden. Weil Federer vor dem 5. Satz den Platz verliess, um sich behandeln zu lassen, sass Nadal auf seiner Bank und hatte Zeit zum Nachdenken. Er versuchte danach, etwas sicherer zu spielen, vor allem als Federer nach Breakrückstand zurückkam. Federer dagegen zog seine Schläge ohne jedes Zögern durch und triumphierte. Dies hatte enorme Auswirkungen auf sein Selbstvertrauen bis heute. Wenn er die Rückhand so offensiv spielt, kann ihn Nadal nicht mehr so leicht verwunden mit seinen hohen Vorhandbällen.

Was trauen Sie Federer noch zu? In Federer stecken noch vier weitere Grand-Slam-Titel. Wenn er gesund bleibt, ist er in Wimbledon auch in den nächsten Jahren zu favorisieren. Aber niemand weiss, wie lange sein Körper das mitmacht. Man braucht enorm schnelle Beine, um die Rückhand im Aufstieg zu spielen und das Netz gut abzudecken.

Als Rechtshänder hätte Nadal kein grosses Turnier gewonnen.

Halten Sie Federer für den besten Spieler, der je ein Racket in die Hand genommen hat?
Ich mag diese Frage nicht, man kann die Epochen nicht vergleichen. Sicher ist er ein sehr kompletter Spieler. Er inspiriert rund um den Globus Menschen, hat ein enormes Talent, arbeitet hart, ist ein grosser Sportsmann und auch mental sehr stark. Wenn du den TV einschaltest im 4. Satz, kannst du von seinem Gesicht nicht ablesen, ob er klar führt oder zurückliegt. Er zeigt seinen Gegnern nichts, wirkt unerschütterlich. Gegen Nadal, den ich für seinen unbändigen Kampfgeist bewundere, hat er aber eine negative Bilanz, vor allem, weil dieser mit seiner Vorhand so zerstörerisch ist. Ich habe grossen Respekt für Nadal, der wegen seines durchschnittlichen Aufschlags fast alle Punkte ausspielen muss. Man muss aber auch sagen: Als Rechtshänder hätte Nadal kein Grand-Slam-Turnier gewonnen.

Und wer war in Ihrer Ära der Grösste?
Gegen Rod Laver und Pancho Gonzales habe ich einige schmerzhafte Niederlagen einstecken müssen. Aber waren sie besser als Ken Rosewall, der keine überragende Waffe, aber ein immenses Schlagrepertoire hatte? Rosewall stand 1954 im Wimbledon-Final und 20 Jahre später, als die ganze Welt nach Wimbledon schaute, nochmals. Er verlor beide Spiele, aber er gewann noch als 43-Jähriger Turniere und war für mich eine enorme Inspiration. (Der Bund)

Erstellt: 02.09.2017, 08:04 Uhr

Roy Emerson

Der 80-jährige Australier Roy Emerson ist mit 12-Einzel- und 16-Doppel-Titeln auf Grand-Slam-Stufe sowie 8 Davis-Cup-Titeln einer der erfolgreichsten Spieler der Tennisgeschichte. Seine grössten Erfolge fallen allerdings in die Zeit, als Profis bei grossen Turnieren nicht spielberechtigt waren.
Emerson, der mit seiner Frau Joy in Kalifornien lebt, verbringt seit 1974 jährlich mehrere Wochen im Hotel Gstaad Palace, wo er Tenniswochen für Amateurspieler anbietet. Er erteilt dort nicht nur Ratschläge, sondern greift selber noch täglich zum Racket. Das Turnier in Gstaad gewann Emerson fünf Mal, im Jahr 2000 wurde der Hauptplatz nach dem Australier benannt. (mmw)

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