«Ich muss als Rapperin nicht sympathisch sein»

Die 15-jährige Bernerin Estelle Plüss rappt nicht, um berühmt zu werden. Spass an der Musik und Authentizität sind ihr wichtiger.

Estelle Plüss fühlt sich in der Berner Lorraine zu Hause.

Estelle Plüss fühlt sich in der Berner Lorraine zu Hause. Bild: Franziska Scheidegger

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Zwei junge Frauen schieben scheinbar planlos einen Migros-Einkaufswagen voller Krimskrams der grünen Aare entlang. Sie albern herum, essen Pizza und telefonieren – dabei werden sie von einer Kamera begleitet. «Es ist nicht perfekt», sagt Estelle Plüss über ihr neustes Musikvideo «Mönsch». Aber das müsse es auch nicht sein. Estelle Plüss alias «best-elle» spricht selbstbewusst, als hätte sie schon Dutzende Interviews gegeben. Ihre Antworten gibt sie, ohne lange zu überlegen, taff und unbeschönigt. Das Reden scheint ihr leicht zu fallen, beim Schreiben ihrer Lieder tue sie sich allerdings oft schwer. Die 15-jährige Bernerin singt ihre Texte aber nicht. Sie rappt – und zwar auf Mundart.

best-elle ft. Chloé – Mönsch

Mit dem Rappen begonnen hat Estelle mit elf Jahren im Hiphop-Center an der Wankdorffeldstrasse in Bern. Dort gehe sie aber schon seit Längerem nicht mehr hin, denn der christliche Hintergrund des Centers passe nicht zu ihr. Sie habe mit Religion nichts am Hut. «Ich wollte keinen Stempel der Kirche aufgedrückt bekommen.» Auf den Rap gekommen ist Plüss durch ihren älteren Bruder. Er habe ihr Lieder von Bushido und Sido vorgeführt, die beide auf Hochdeutsch rappen. Zwar hätten die beiden einen guten Stil und ein hohes Sprechtempo, was beim Rap sehr angesehen sei. «Aber ihre Musik gefiel mir überhaupt nicht», sagt Plüss. Dann habe sie Schweizer Rap wie den des profilierten Rappers Tommy Vercetti gehört und daran Gefallen gefunden.

Es muss aber nicht immer Rap sein. In ihrer Freizeit geht Estelle Plüss gerne spazieren, trifft Freunde und diskutiert mit ihnen. Ihr gefallen durchaus auch andere Musikstile wie Rock oder Pop. Wenn ein Lied sie im Innersten berühre, dann sei es ein gutes Lied. Früher habe sie vor allem «Liebesliedli» gesungen, das sei das Einfachste. «Aus Ratlosigkeit entstehen Liebeslieder.» Ihr Neuling «Mönsch» sei politischer als die alten Lieder, der Text salopp und ehrlich.

«Du bisch e Mönsch – fang afa dänke, gloub nid aues, zeig Widerstand», rappt die Berner Gymnasiastin darin. «Ich kann so auf eine kanalisierte Art meine Wut hinauslassen.» Das Lied fordert dazu auf, als eigenständiger Mensch in die Welt hinauszublicken und ein politisches System zu hinterfragen. Um ein Zeichen gegen gesellschaftliche Probleme wie Sexismus und Rassismus zu setzen, gehe sie auch auf die Strasse.

Erniedrigung der Frau, Rassismus und Gewalt sind aber genau die Themen, mit denen die Rap-Szene in Verbindung gebracht wird. «Ich befürworte den frauenfeindlichen und oft auch homophoben Rap überhaupt nicht», betont Plüss. Man könne aber nicht die ganze Hiphop-Szene in einen Topf werfen. Der Rap über Gewalt entspreche häufig den Tatsachen. Drogen, Kriminalität und Gewalt an Frauen könnten nicht ignoriert werden, nur gehe es eben darum, sich als Künstler nicht damit zu profilieren, sagt Plüss. Ist man als Frau in der Rapszene nicht allein auf weiter Flur? Es gebe tatsächlich nicht viele berühmte Rapperinnen, räumt Plüss ein. Es sei aber nicht ihr Ziel, als Frau in der Rapszene ein Zeichen zu setzen. «Ich muss als Rapperin nicht sympathisch sein.»

Plüss lässt sich durchaus von anderen Künstlerinnen und Künstlern inspirieren. Aber sie ist vorsichtig: «Plötzlich klaut man die Zeilen und hat keine eigenen Ideen mehr.» Inspirieren lässt sich Estelle Plüss nicht nur von Menschen, sondern auch von Orten. Die Stadt Bern spielt in Plüss’ Leben eine zentrale Rolle, auch in ihren Liedern. Vom Wylergut, wo sie wohnt, zieht es sie immer wieder in die Stadt, vorzugsweise in die Lorraine. Sie sei aber alles andere als eine verträumte Künstlerin. Oft zerbreche sie sich den Kopf über einen Text, zerknülle dann das Papier und schreibe manchmal monatelang nichts. «Einfach, weil mir schlicht nichts einfällt.»

Erzwingen wolle sie auf keinen Fall etwas, denn ihre Texte müssten authentisch sein. Zur Authentizität gehöre auch das Berndeutsche. «In Mundart finde ich die richtigen Worte für meine Texte», sagt sie. Natürlich begrenze dies die Reichweite: Mit berndeutschem Rap komme man nicht über die Schweizer Grenzen hinaus. Aber ihr gehe es sowieso nicht unbedingt ums Berühmtwerden, sondern um den Spass. Ist ihr Ziel trotzdem einmal das Gurtenfestival? Nicht unbedingt, sagt Plüss. «Aber bei einer Anfrage würde ich nicht Nein sagen», sagt sie und lacht.

(Der Bund)

Erstellt: 08.01.2018, 06:58 Uhr

Fadengerade und unzimperlich

Der Musikstil Rap, Teil der Musikkulturszene Hiphop, ist ein schneller, rhythmischer Sprechgesang. Dabei werden gereimte Texte gesprochen oder gesungen und mit einem bestimmten Takt vorgetragen. Die Wurzeln des amerikanischen Rap liegen in Afrika und in der Karibik. Die Reime in der Rap-Szene handeln oft von provokanten Themen wie Sex, Gewalt und kriminellen Handlungen.

In den 1980er-Jahren kamen neben den afroamerikanischen männlichen Rappern vermehrt auch weibliche Rap-Bands wie Salt-n-Pepa und weisse Rap-Bands wie die Beastie Boys auf, sie stürmten an die Spitze der Charts. Vor allem der Künstler Eminem erlangte als weisser Rapper in den USA Berühmtheit. Auch ihm wurde vorgeworfen, viele seiner Lieder handelten von Rassismus, Terrorismus und Frauenverachtung.

Um ein Lied aufzunehmen, wird der Beat abgespielt und der Text darüber gesprochen. Estelle Plüss nimmt fertige Beats aus dem Internet, zum Teil von bekannten Künstlerinnen und Künstlern. «Das ist zwar illegal, aber ich bin ja nicht international bekannt», sagt sie. Sie könne es sich nicht leisten, teure Musik einzukaufen.

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