«Ich habe das Schlimmste und das Beste gesehen»

Antonia Rados arbeitet seit drei Jahrzehnten als Kriegsreporterin. An die Angst hat sie sich bis heute nicht gewöhnt.

Die Reporterin Antonia Rodas lebt zwei Leben: eines in Paris und eines dort, wo Krieg ist.

Die Reporterin Antonia Rodas lebt zwei Leben: eines in Paris und eines dort, wo Krieg ist. Bild: Urs Jaudas

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Antonia Rados, was zog Sie in den Krieg?
Die pure Neugierde. Anfang der Achtzigerjahre wurde an einer Redaktionssitzung beim ORF über Yassir Arafat gesprochen. Man vermutete die PLO hinter einem Attentat. Ich warf ein, dazu müsse doch Arafat befragt werden. Die Antwort des Chefredaktors lautete: «Dann machen Sie es doch.»

Und wie war das Gespräch?
Eine mittlere Katastrophe, weil Arafat sehr aggressiv war und ich sehr unerfahren. Der nahöstliche Umgang mit Journalisten ist für uns ungewöhnlich. Reporter, vor allem einheimische, werden behandelt wie Sklaven der Macht – ein Wunder, dass trotzdem viele dort gute Arbeit leisten.

Sie haben sich in Interviews mit Potentaten wie dem einstigen libyschen Diktator Ghadhafi nicht gescheut, provokante Fragen zu stellen. Was hat das gebracht?
Ich wollte aussprechen, was ist. Ghadhafi habe ich gesagt, er solle zurücktreten. Er fragte mich, warum. Ich sagte ihm, er schiesse auf das eigene Volk. Die Frage ist aber berechtigt, ob man diese Leute zu Wort kommen lassen soll. Hätten Sie Ghadhafi nicht interviewt?

Doch, klar. Aber ich weiss nicht, ob es etwas bringt, Diktatoren zu provozieren.
Reporter sind Zeugen. Deshalb ist es so wichtig, hinzugehen und möglichst allen Akteuren Fragen zu stellen. Nicht jeder ist ein Ghadhafi. Es ist berührend zu erleben, wie glücklich die Menschen in Mosul oder Afghanistan oft sind, wenn jemand auftaucht, der ihnen zuhört.

Gibt es nicht auch Misstrauen?
Doch. Aber Misstrauen erwartet man. Was man nicht erwartet, ist Freude.

Brauchen Sie bei Ihren Einsätzen in Krisengebieten Beschützer?
Das ist die grosse Ausnahme. Wenn man Beschützer hat – gewollt oder ungewollt –, sollten sie einen nicht daran hindern, die journalistische Arbeit zu machen. Ich war letzten Winter mit einer radikalen syrischen Rebellengruppe in Idlib. Ich war natürlich von den Ortskenntnissen dieser Leute abhängig. Aber «embedded» war ich trotzdem nicht. Auch nach Mosul fahre ich meist nur mit meinem Kameramann und einem Fahrer – mehr nicht.

Wie gehen Sie mit der Angst um?
Die ist immer da. Man gewöhnt sich an vieles, aber an die Angst gewöhnt man sich nicht. Wenn ich mehrmals in dasselbe Krisengebiet fahre, fühle ich mich mit der Zeit etwas sicherer. Fahre ich nach Afghanistan, wo ich seit dreissig Jahren immer wieder bin, glaube ich, dass ich da zurechtkomme. Dann passiert irgendetwas, und ich merke, dass ich überhaupt nichts weiss.

Was genau macht denn Angst?
Das Schwierige ist, dass man um die Gewalt weiss, aber nie weiss, wann und wie sie kommt und wen sie treffen wird. Das bringt einen in einen ständigen Schwebezustand der Unsicherheit, den man erst ablegen kann, wenn man das Land wieder verlässt. Der Krieg ist eine extreme Abnützungsarbeit. Man ist nach einer Woche sehr erschöpft. Eine Reportage aus Mosul zum Beispiel ist nicht jeden Tag möglich. Das wäre einfach zu ermüdend. Man muss sich dazwischen einen Tag lang ausruhen.

Sie haben es einmal als Vorteil bezeichnet, dass Reporterin, Kameramann und Fahrer in unterschiedlichen Momenten in Panik gerieten.
Dem ist so. Ich war jüngst mit einem erfahrenen Kameramann in Afghanistan unterwegs, als ein paar Bewaffnete auf das Auto vor uns losstürmten. Und da sagt er: «Oh Gott, ein Kidnapping. Nichts wie weg.» Ich sagte: «Nein, das sind bloss Freunde, die wollen miteinander reden.» Dieselbe Situation hat bei ihm Panik und bei mir nichts ausgelöst. Es hätte aber auch umgekehrt sein können. In solchen Situationen kann einer den anderen beruhigen.

Sie können die Gefahrenlage aber doch im Vorfeld analysieren.
Ja, aber man irrt sich ständig dabei, auch wenn man noch so viel Erfahrung hat. Wer noch nie in einem Krisengebiet war, kann sich das unmöglich vorstellen. Hannah Arendt hat in ihrem Buch «Macht und Gewalt» den Moment beschrieben, wo die Gewalt ausbricht. Da weiss man nicht mehr, was geschieht. Die Logik des Krieges hat nichts mit unserer Realität zu tun. Es ist nicht kommunizierbar, was Angst und Gewalt mit Menschen anstellt. Ich habe das Schlimmste gesehen und das Beste.

Hatten Sie auch Todesangst? Natürlich. Ich habe Dinge getan, für die ich mich rückblickend schäme, zum Beispiel wenn ich meine Mitarbeiter unwissentlich in Gefahr gebracht habe. Stolze Augenblicke gibt es weniger. Reporter sind aber nicht die Hauptdarsteller.

Aber ohne Reporter werden Konflikte nicht bekannt.
Das nützt die Politik gezielt aus, indem sie verhindert, dass Journalisten dort hinkommen, wo sich der Krieg abspielt. Das letzte Mal fuhr ich nach Mosul, weil beim Bombardement eines Wohnhauses durch die Anti-IS-Allianz oder die Amerikaner mutmasslich über hundert Menschen umgekommen sind. Die Zone wurde abgesperrt, damit kein Journalist hinkommt. Es gibt kein einziges Bild von diesem Vorfall. Diese unglaubliche Geschichte fand eigentlich nicht statt.

 Nach jeder Reise sage ich mir, es sei die letzte gewesen. 

Haben Sie nie daran gedacht, lieber über die Präsidentenwahlen in Frankreich zu berichten?
Seit dreissig Jahren sage ich mir nach jeder Reise, es sei die letzte gewesen.

Und warum kehren Sie trotzdem wieder in den Krieg zurück?
Ich sehe in allem auch Politik. Und der Nahe Osten ist politisch sehr interessant. Zudem ist es immer noch leichter, nach Mosul zu kommen als in den Elysée-Palast. In Mosul kann ich den Kommandanten rasch und ohne Umschweife interviewen. Ein Interview mit dem französischen Präsidenten kriegt man nicht so schnell.

Dafür sind Sie dort nicht in Gefahr.
Das ist richtig. Aber als Journalist muss man wohl in dieser trügerischen Realität leben, es werde schon nichts bei den Checkpoints geschehen und man werde es wieder schaffen – wie so oft zuvor.

Ich lebe zwei Leben, die nichts miteinander zu tun haben.

Wie erleben Sie das Pendeln zwischen Paris und den Krisengebieten?
Ich lebe zwei Leben, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben. Wenn ich zurück in Paris bin, kann ich den Schalter rasch umdrehen.

Fühlen Sie sich da nicht oft einsam?
Ich habe zum Glück Menschen um mich, die das verstehen. Aber seltsamerweise reden Reporterinnen viel weniger über ihre Kriegserfahrungen als Reporter. Mit meinen Kolleginnen bin ich in Kriegsgebieten ziemlich solidarisch. Aber wir treffen uns nicht in Paris und tauschen unsere Geschichten aus.

Wie gehen Sie mit belastenden Erlebnissen um?
Jeder hat so seine Tricks. Ich beruhige mein schlechtes Gewissen als westliche Wohlstandsbürgerin, indem ich ein paar Menschen aus Syrien und dem Irak helfe. Ich verstehe die Realität dieser Leute und weiss, was sie mitgemacht haben und wie sie denken. Diese Menschen brauchen meist nicht materielle Unterstützung, sondern ein offenes Ohr.

In welcher Welt sind Sie zu Hause?
Ich finde mich in beiden Welten zurecht und möchte keine missen. Denn der Orient, der so vielen Angst macht, hat wie unsere Welt auch seinen Alltag, sein Gelächter, seine Kriegspausen, seine Menschen mit ihren Wünschen und Sorgen. Man muss kein Romantiker sein, um das vor Ort zu beobachten. Andere haben vor mir die unglaubliche Vielfalt des Nahen Ostens dargestellt. Umso mehr wundere ich mich über Islam-Debatten, wie sie auch in meinem Bekanntenkreis daheim geführt werden. Da heisst es: «Der Islam ist … Der Islam hat …» Im Westen gibt es heute mehr selbst ernannte Islam-Experten als im gesamten Orient.

Sie sagten einmal, Drohnen würden bald die Kriegsberichterstatter ersetzen.
Die Entwicklung geht in diese Richtung, in die Richtung einer sauberen, billigen und kalten Technologie. Drohnen haben auch nicht so viele Schwächen wie Reporter. Vielleicht fahren die Drohnen bald Mikrofone aus, um Beteiligte an Kriegsschauplätzen «live» auszufragen.

Verwenden Sie keine Drohnen-Bilder?
Ich habe kaum Erfahrung damit. Ein kurdischer Kommandant wollte uns mal demonstrieren, wie er seine Drohne über IS-Stellungen fliegen lassen kann. Plötzlich machte es Bip-bip-bip-bip, und die Batterie war alle.

Welche Folgen hätte die Berichterstattung durch Drohnen?
Ich glaube noch daran, dass es wichtig ist, wenn Reporter unperfekte Berichte senden. Eine Drohne kann Objektivität und «saubere» Bilder vortäuschen. Aber Krieg ist eine komplexe Angelegenheit und besteht nicht nur aus Bildern. Wichtig ist auch, wer die Bilder aussucht und wie er das macht.

Werden Drohnen unsere Wahrnehmung vom Krieg verändern?
Der Krieg würde noch unwirklicher werden. Die Drohnen-Bilder aus der syrischen Trümmer-Stadt Aleppo erzeugten nichts als eine falsche Nähe. Die Trümmer sahen in den Aufnahmen aus wie die Kulissen in einem Video-Spiel.

Sprechen wir über den Nahen Osten. Sie waren bei der US-Invasion im Irak 2003 als Reporterin in Bagdad. War dieser Krieg der Anfang des heutigen Malaise?
Ich habe Mühe mit einfachen Urteilen über den Nahen Osten. Es handelt sich um eine einmalig komplexe Region. Ob der Krieg im Irak eine Katastrophe war, ist vor Ort Ansichtssache: Die Kurden zum Beispiel sind sehr froh, dass das Regime von Saddam Hussein weg ist.

Bei Krisen im Nahen Osten stieg früher der Ölpreis – heute sinkt er. Wie ist das erklärbar?
Wir leben in einer neuen Epoche. Das Interesse am Erdöl ist weg. Damit verschieben sich die Kräfteverhältnisse im Nahen Osten.

Wegen der Energiewende?
Das spielt eine Rolle. Auch haben neue Bohrmethoden die USA unabhängiger vom Erdöl gemacht. Im Jahr 2016 haben die USA erstmals mehr Erdöl gefördert als aus dem Nahen Osten importiert. Das hat in der Nahost-Politik eine Kehrtwende bewirkt. Der Erdölpreis ist ein politischer Preis. Den Irak-Krieg 2003 hatten die USA noch unter der Carter-Doktrin geführt. Es ging um den Schutz ihrer strategischen Interessen, die ans Erdöl gebunden waren. Mit der Dauer des Kriegs und dem Arabischen Frühling ist der Preis zu hoch geworden.

Ist das der Grund für die von Ihnen konstatierte «Nicht-Politik» des ehemaligen US-Präsidenten Barack Obama im Nahen Osten?
Dafür gibt es mehrere Gründe: Obama wollte sich von seinem Vorgänger George W. Bush abgrenzen und als Friedenspräsident profilieren. Zudem hatte er weder das nötige Geld noch die innenpolitische Unterstützung, um die USA ihre Rolle als Weltpolizei weiterhin spielen zu lassen.

Der neue US-Präsident Donald Trump macht eher den Anschein, in Syrien eine Rolle spielen zu wollen.
Trump macht vielleicht mehr, aber es ist keine Strategie ersichtlich. Trumps Politik ist eher irrational-punktuell. Im Herbst letzten Jahres hiess es, Mosul werde befreit. Erst jetzt soll es angeblich befreit sein. Heute wird gesagt, Raqqa werde befreit. Es werden laufend Siege verkündet, aber nicht errungen. Das kann auf die Dauer noch mehr Chaos bringen. Und dies alles, obwohl Trump seinen Wählern einen Rückzug der USA aus der Weltpolitik versprochen hatte.

Immerhin wird Trumps Abneigung gegenüber dem Iran deutlich.
Die kritische Haltung der USA gegenüber dem Iran hat ihre Gründe. Der Iran hat seinen Einfluss in den letzten Jahren massiv ausgebaut, ohne dass die Weltöffentlichkeit davon Notiz genommen hätte. Er hat im Irak und in Syrien an Einfluss gewonnen und mischt auch im Jemen mit. In den letzten dreissig Jahren gab es einen langsamen Niedergang der arabischen Welt. Die Islamische Republik Iran hingegen steht besser da denn je. Sie hat trotz der Sanktionen eine relativ gut funktionierende Wirtschaft und eine bestens ausgebildete Jugend.

Sie haben den Iran und die Türkei als Partner des Westens bezeichnet. Sprechen da nicht moralische Einwände dagegen?
Bevor man moralische Argumente gegen Länder ausserhalb der EU anwendet, sollte ihnen in der EU selber Geltung verschafft werden – zum Beispiel gegenüber Ungarn. Europa kann nichts anderes tun, als die Türkei an die Einhaltung der Menschenrechte zu erinnern. Aber Europa muss auch Realpolitik betreiben. Im Flüchtlingsabkommen steht nichts über Pressefreiheit, und trotzdem waren alle erleichtert, dass der Flüchtlingsstrom gestoppt werden konnte. (Der Bund)

Erstellt: 15.07.2017, 08:10 Uhr

Antonia Rados

Die promovierte Politologin ist eine der populärsten Kriegs- und Krisenreporterinnen im deutschsprachigen Raum. Die 63-Jährige begann ihre Karriere beim ORF und berichtet mittlerweile seit über drei Jahrzehnten aus Krisenherden auf der ganzen Welt, insbesondere aus dem Nahen Osten. Seit 1995 ist sie Leiterin des RTL-Studios in Paris. Ihre Live-Berichterstattung aus Bagdad während des Irak-Kriegs 2003 machte sie einem breiten Publikum bekannt. Für ihre TV-Reportagen und Bücher erhielt sie zahlreiche Medienpreise. Antonia Rados lebt mit ihrem Partner in Paris. Sie hielt jüngst ein Referat beim Efficiency Club in Zürich. (bob)

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