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Fahrt ins Verderben

«Poller»-Kolumnist Martin Erdmann über die Rudeltiere der Strassen: Segwayfahrer.

Mein Verhältnis zum Frühling ist von grosser Ambivalenz. Einerseits erwacht die Welt zu neuem Leben, bunte Blumen spriessen aus dem Boden, und in der Luft lässt sich bereits der kommende Sommer erahnen. Andererseits wird dieser Zauber des Frühlings zu oft missbraucht, um in aller Öffentlichkeit Segway zu fahren.

Vielleicht gehören Sie zu den glücklichen Menschen, die der Existenz von Segways nicht gewahr geworden sind. Wenn dem so ist, sehe ich mich nun gezwungen, dem Verständnis dieser Zeilen zuliebe, Ihrer Welt etwas Idylle zu rauben: Der Segway ist ein Einpersonen-Transportmittel, der aus zwei Rädern, einer Lenkstange und etwas Technik besteht. Sie erkennen ihn daran, dass Sie von einer akuten Fremdscham-Attacke heimgesucht werden, wenn er an Ihnen vorbeizieht.

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Auch auf die Gefahr hin, dass Sie mir nun übertriebenen Konservatismus vorwerfen: Eine Gesellschaft, die diesem Affront gegenüber der Erfindung des Rades nicht entschieden entgegentritt, steht kurz vor dem kulturellen Zerfall. Der Segway ist der natürliche Feind jeglicher ästhetischen Empfindung. Er ist der Vokuhila der Fortbewegung, das Stehpult des Strassenverkehrs, die weissen Socken in Sandalen der Stosszeit, der Minidisc der Mobilität.

Segwayfahrer sind Rudeltiere, meist zusammengeführt durch herbe Schicksalsschläge wie der runde Geburtstag des Grossonkels oder Firmenanlässe. Bevor die Fahrt beginnt, wird die Selbstachtung gegen Leuchtweste und Helm eingetauscht. Danach wird sich in die Parade der Selbstkasteiung der eigenen Kultiviertheit eingereiht. Diese gleicht einer Entenfamilie, die sich auf die Strasse verirrt hat. Mit dem Unterschied, dass Menschen auf Segways weder niedlich sind noch von Feuerwehrmännern an den Strassenrand getragen werden, um ihnen eine Zukunft in einem Weiher oder Teich zu ermöglichen.

In Bern werden gleich mehrere Segway-Touren angeboten. Die Altstadt-Fahrt findet immer samstags statt. Unter der Woche wären wohl zu wenig Zeugen vor Ort, um die Absurdität dieser Prozedur beglaubigen zu können. Natürlich gibt es Menschen, die durch soziale Zwänge zu einer Segway-Tour genötigt worden sind.Diesen bemitleidenswerten Geschöpfen gehört jegliche Empathie entgegengebracht, die sie brauchen, um sich von ihrer Peinigung zu erholen. Wohl das Einzige, was für sie noch schlimmer ist als Segways zu fahren, ist von jemandem, den man kennt, dabei gesehen zu werden. Immerhin steht ihnen ein «professioneller Guide» zur Seite, wie es auf der Homepage des Veranstalters heisst. Er wird wohl wissen, ob die Würde nach der Tour wieder nachwächst oder für immer verloren ist.

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Die wirklich wunderlichen Fälle leben ausserhalb des Rudels. Sie sind auf keine Touren angewiesen, da sie einen eigenen Segway besitzen. Aus Recherchezwecken habe ich bei einer Suchmaschine die abstruseste Buchstabenkombination seit der Erfindung der Schrift eingegeben: «Segway kaufen». Der Kauf eines ordentlichen Segways wird nicht nur mit dem Austritt aus der Gesellschaft bezahlt, sondern auch mit rund 1100 Franken.

Wer sich eher um seine Finanzen als sein Ansehen sorgt, kriegt aber bereits ab 499 Franken ein Gefährt. Jedoch ist das Modell «Power Wheel» nicht für den öffentlichen Verkehr zugelassen. Vermutlich wurde es für Menschen geschaffen, denen die Distanzen innerhalb der eigenen vier Wände zu gross sind. Das «Power Wheel» wird dann auch als «einzigartige Alternative zum Laufen» angepriesen. Wenn das für Sie verlockend klingen sollte, will ich Sie ermahnen, auf dem Weg von Küche ins Schlafzimmer nicht zu vergessen, Leuchtweste und Helm anzuziehen.

Martin Erdmann ist «Bund»-Onlineredaktor und steht oft stundenlang am Strassenrand, um nach Dingen zu suchen, über die er sich echauffieren kann.

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