Die Wilden aus dem Wallis

Ein übereifriger Missionar, eine Gesundbeten-Sekte und ein Glasauge - «Wahrheit»-Kolumnist Ane Hebeisen auf Ahnenforschung.

hero image
Ane Hebeisen

Eigentlich war bloss ein kleiner Besuch geplant. Mit Abendessen und netten Gesprächen im binnenfamiliären Rahmen. Es lief zunächst auch alles wie geplant, bis meine Mutter nach dem Dessert die Kisten mit den Fotos von früher heranschleppte. Sie tat es mit einem feierlichen Strahlen im Gesicht und kündigte neues Material an, das sie von einer Quelle aus dem Wallis zugespielt bekommen habe. Mein Stammbaum wurzelt nämlich einerseits in ebendiesem Wallis, der zweite Familienstrang ist von bernischer Provenienz. Wieso also nicht via Fotoalben ein bisschen Ahnenforschung betreiben, vielleicht kommt dabei noch das eine oder andere gut gehütete Familiengeheimnis auf den Tisch, dachten wir. Und so sollte es geschehen – der Abend endete in Schock, Verwirrung und allgemeiner Empörung.

Dabei begann alles ganz harmlos. Wir amüsierten uns über die eigenen lustigen Haarideen, zu denen uns die modischen oder rebellischen Sachzwänge der Achtzigerjahre trieben. Wir bewunderten die Fotos von Papa Hebeisen, auf denen er als schicker Gentleman-Profiboxer durch die Welt und die Sechzigerjahre tingelte. Wir klapperten fotografisch die wilden europäischen Jazzfestivals ab, die unsere Eltern damals besuchten. Doch je tiefer wir in der familiären Geschichte schürften, desto düsterer wurden die Kollateral-Geschichten zu den immer grauer werdenden Bildern.

Schon bei den Grosseltern war gar nicht so alles in bester Ordnung, wie wir Kindeskinderchen immer gedacht hatten. Einer der Grossväter soll immerhin einer der ersten Skispringer Berns gewesen sein – erfolglos allerdings – und er gehörte zu den ersten 13'000, die im Kanton Bern ein Automobil besassen (es wurde verschrottet, nachdem bei einer Abfahrt zur Aareschlucht die Bremsen total versagten). Doch da war halt auch ein Faible für das Alkoholische: Vom einen Grossvater wurde es liebend gerne getrunken, vom anderen irgendwo in einem sinistren Keller illegal gebrannt. Die Grossmütter amteten als Dienstmädchen und wurden von rabiaten Klosterfrauen erzogen, sie litten unter ihren unberechenbaren Ehemännern und deren Vielweiberei.

***

So richtig abenteuerlich wurde es aber, als wir die Bilder unserer Urgrosseltern hervorkramten. Von Berner Seite her ist nicht sehr viel überliefert. Wir wissen nur, dass eine Urgrossmutter knallrote Haare hatte und dass ihre Familie in einer Gesundbeter-Sekte Unterschlupf fand – entsprechend wurden sie offenbar nicht besonders alt. Eine der Urgrossmütter war mit einem charakterlich zwielichtigen Sigrist verheiratet und bekam mit ihm sieben Kinder, bis sie mit einem Missionar abhaute, der sie an der Haustüre bekehren wollte. Als sie krank wurde, brachte sie der Missionar wieder nach Hause zurück, von wo sie der gekränkte Sigrist umgehend ins Irrenhaus abschob.

Noch ungezügelter ging es indes im Wallis zu und her. Da war ein kleiner, dürrer Holzfäller, den man Otti nannte und der mit unserer Urgrossmutter nicht weniger als 16 Kinder zeugte. Ausserdem lebten auf dem kleinen Hof noch eine böse russische Hirtin und eine Kuh, welche als Rasenmäher und Milchlieferantin diente.

Leider war auch der Otti weniger der Milch als dem Alkohol zugetan, was im Hause öfter zu wüsten Auseinandersetzungen führte. Im Zuge eines solchen Gezankes stach der Holzfäller-Otti seiner Ehefrau mit der Mistgabel ein Auge aus, das von Walliser Ärzten umgehend mit einem Glasauge ersetzt werden musste. Offenbar war mit unserer Urgrossmutter danach nicht mehr gut Kirschen essen. Sie wurde ihrerseits gewalttätig gegen den kleinen Holzfäller, weshalb dieser die Flucht ergriff, seine Grossfamilie sich selber überliess und erst nach sechsjähriger Abwesenheit reumütig zurückkehrte, um danach von der wuchtigen Urgrossmutter bis zu deren Ableben regelmässig körperlich angegangen zu werden.

Ja, so war das. Und was lehrt uns das? Wild sind nicht wir. So richtig wild trieben es unsere Altvordern auf dem idyllischen Lande.

Der Bund

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt