«Die Diktatur hat ein Verfalldatum – meine Literatur nicht»

Liao Yiwu schreibt aus dem Exil gegen das chinesische Regime an – auch für seinen verstorbenen Freund Liu Xiaobo.

Der Schriftsteller Liao Yiwu bei seinem Besuch in der Schweiz.

Der Schriftsteller Liao Yiwu bei seinem Besuch in der Schweiz. Bild: Valérie Chételat

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Was bedeutet für Sie der Tod Ihres Freundes, Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo?
Noch am 12. Juli hatte uns der deutsche Botschafter in Peking um Fotos für Pässe gebeten, und ich war davon ausgegangen, dass Liu Xiaobo, seine Frau Liu Xia und ein Bruder von ihr herfliegen würden. Nachdem am 13. Juli die Todesnachricht gekommen war, konnte ich nächtelang kein Auge mehr zutun, ich war völlig fertig. Er war mein bester Freund, ich sehe sein Gesicht vor mir, höre seine Worte: «Wenn ich schon sterben muss, dann in Deutschland.» Er wollte seiner Frau wegen nach Deutschland, damit er sich keine Vorwürfe ihretwegen machen muss. Der Gedanke ist nicht auszuhalten. Chinas KP hat uns drangekriegt.

Liu Xiaobo wurde offenbar auf Geheiss des Regimes umgehend im Meer bestattet. Warum?
Sein Wunsch in Deutschland zu sterben und beerdigt zu werden, wurde in den westlichen Medien weit verbreitet. Alle wussten darum und genau deshalb hat die chinesische Regierung den Wunsch nicht erfüllt. Wäre Liu Xiaobos Grab in Berlin oder sonstwo, würden viele hinpilgern und ihm ihren Respekt erweisen. Deshalb wurde er im Meer bestattet. Doch eins haben die Henker nicht bedacht: Das Meer ist weit und hat unendlich viele Ufer, an denen die Menschen dieses grossen Menschen gedenken können.

Welche Bedeutung hat Liu Xiaobo für die Demokratiebewegung in China?
Liu Xiaobo hat die Charta 08 verfasst, das erste Programm in der chinesischen Geschichte, das eine konstitutionelle Verfassung, die Demokratie, Menschenrechte und Freiheit garantiert. Damit hat er der chinesischen Demokratiebewegung einen Leitfaden in die Hand gegeben. Vor siebzehn Jahren schrieb er mir einen Brief, in dem er sich selbst als einen Kämpfer für Gerechtigkeit im Sinne von Gandhi, Martin Luther King oder Vaclav Havel bezeichnet. Und jetzt ist er entsprechend als Märtyrer in der Haft umgekommen. Jeder, der sich Demokratie für China wünscht, wird sich an sein Vorbild erinnern.

Was erwarten Sie jetzt von den Regierungen im Westen?
Sie müssen weiter mit der chinesischen Regierung verhandeln und seine Frau Liu Xia retten, damit nicht auch sie in China sterben muss.

Liu Xia hat Sie gebeten, im Fall des Ablebens Ihres Mannes dessen Erinnerungen aufzuzeichnen. Kommen Sie dieser Bitte nun nach?
Ich bin schon lange ein Chronist, es ist meine Pflicht, das aufzuzeichnen. Solange ich schreiben kann, wird Liu Xiaobo von dieser Welt nicht vergessen werden.

Sie selber sahen sich ja weniger als ein Gandhi, sondern als Dichter. Am Vorabend des Massakers auf dem Platz des Himmlischen Friedens am 4. Juni 1989 haben Sie das Gedicht «Massaker» geschrieben. Woher wussten Sie, dass es so weit kommt?
Für mich war damals klar, dass es zu einer blutigen Niederschlagung des Aufstands auf dem Platz des Himmlischen Friedens kommen musste. Es gab ja nicht nur in Peking, sondern auch in anderen chinesischen Städten Protestkundgebungen – unter anderem auch in Fuling, wo ich damals lebte. Ich sah von meinem Fenster aus, wie mehr und mehr Militär gegen die Demonstrationen zusammengezogen wurde.

Wollten Sie damals nicht bei den Protesten in Peking dabei sein?
Vor dem Massaker vom 4. Juni 1989 verstand ich mich als unpolitischen Menschen und als Anarchisten. Ich war damals ein grosser Anhänger der amerikanischen Beat-Literatur. Erst das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens hat mich zu einem politischen Menschen gemacht.

Sie wurden wegen «Massaker» zu vier Jahren Gefängnis verurteilt. Dort haben Sie Notizen zum Roman «Die Wiedergeburt der Ameisen» verfasst. Hat die Diktatur Sie zum Schriftsteller gemacht?
Ja, ich bin jemand, der durch den Aufenthalt im Gefängnis zum Schriftsteller wurde.

Was waren Sie denn vorher?
Vorher habe ich Gedichte geschrieben. Für mich gibt es drei Voraussetzungen, damit ein Schreibender zum Schriftsteller wird: Er muss einmal im Gefängnis gesessen haben. Er muss eine Scheidung hinter sich haben, und er muss einmal seine Arbeit verloren haben.

Reicht eines dieser Kriterien oder müssen alle drei erfüllt sein?
Am besten ist es, wenn man alle drei Kriterien erfüllt. So gesehen habe ich die besten Voraussetzungen für einen guten Schriftsteller.

Sie haben im Gefängnis auch das Flötenspiel erlernt. Wie kam das?
Es war Winter, und es lag Schnee. Da hörte ich Flötentöne, die ganz anders klangen als die Musik der Bambusflöten, die ich früher auf der Bühne oder vom Band gehört hatte. Ich ging den Tönen nach und musste einen Wärter bestechen, damit er mir den Durchgang erlaubte. Da stand ein alter buddhistischer Mönch in eisiger Kälte vor einer Mauer, wohl der älteste Insasse. Er war ganz versunken in sein Spiel. Dann fragte er mich: «Willst du es lernen?». Ich liess mir von meiner Familie eine Flöte ins Lager bringen. Als ich anfangs übte, stand der Mönch vor meinem Zellenfenster und sagte immer nur: «Achte auf deinen Atem!». Fortan erteilte er mir öfters durchs Fenster Anweisungen.

Freiheit ist ein Raum, den man aus sich selbst schaffen muss.

Hat Ihnen das Flötenspiel das Überleben ermöglicht?
Das Flötenspiel hat mich gelehrt, was Freiheit heisst. Freiheit ist ein Raum, den man aus sich selbst heraus schaffen muss. Beim Flötenspiel ist man frei. Man trägt diese Freiheit im Herzen, unabhängig von allfälligen Mauern, die um einen herum sind.

Haben Sie den Mönch nach der Entlassung je wiedergesehen?
Nein. Niemand weiss Genaueres über sein Schicksal. Ich weiss bloss, dass er zwei Jahre nach mir aus dem Lager entlassen wurde. Das Erlernen des Flötenspiels war eine Wende in meinem Leben und im Leben des Protagonisten in meinem Roman. Der alte Mönch war sehr streng, aber er war der wichtigste Lehrer in meinem Leben. Ich wollte ihm mit dem Roman ein Denkmal setzen.

Nach dem Gefängnis haben Sie mit Menschen auf der Strasse gesprochen und die Gespräche in Buchform publiziert. Der Roman hingegen ist voller Ironie. Haben Sie den Realismus Ihrer früheren Bücher nicht mehr ausgehalten?
Die Gespräche, die ich mit Menschen am Rande der Gesellschaft führte, waren sehr direkt und teilweise fast unerträglich. Der Roman ist Fiktion, hat aber sehr viel mit der Verarbeitung meiner Erinnerungen zu tun. Meine eigene Biografie erstreckt sich über einen grösseren Zeitraum. Durch ihre literarische Verarbeitung kann ich besser damit umgehen.

Sie haben aber bereits einen Bericht aus dem Gefängnis geschrieben. Und nun folgt ein Roman, welcher das Sujet wieder aufgreift. Das Gefängnis lässt Sie nicht mehr los?
Nur ein Kapitel des Romans spielt im Gefängnis. Die Ironie in der Literatur ist eine Waffe, um das Grauen darstellen zu können. Im Roman habe auch ich mich dieser Waffe bedient. Sie ist auch ein Heilmittel, ein Balsam, um Wunden zu verschliessen. Mit dem Roman habe ich meine Wunden geheilt.

Sie haben sich in Berlin mit Ihren Notizen aus dem Gefängnis konfrontiert. Was hat das bei Ihnen ausgelöst?
Ich hatte im Gefängnis bereits 30'000 Schriftzeichen geschrieben, den Grossteil des Romans habe ich aber Jahre später in Freiheit verfasst, an meinem heutigen Wohnort Berlin. Ich wurde mir dabei bewusst, welches Glück ich gehabt hatte, dass ich aus China ausreisen durfte. Sehr viele meiner Freunde im Land sind nach wie vor Repressalien ausgesetzt oder sitzen im Gefängnis. Die Lektüre meiner Aufzeichnungen war für mich sehr bewegend. Ich hatte damals eigentlich begonnen, Deutsch zu lernen. Dann habe ich mich aber wie ein Verrückter in die Erinnerung gestürzt und an meinem Roman gearbeitet und keine Zeit mehr für den Deutschunterricht gehabt. Hätte ich nicht so intensiv am Roman gearbeitet, könnte ich mich jetzt vielleicht direkt mit Ihnen auf Deutsch unterhalten.

Die Aufzeichnungen wurden aus dem Gefängnis geschmuggelt. Wie kamen sie nach Deutschland?
Sie wurden von einem Mann namens Yang, der im Gefängnis putzte, rausgeschmuggelt. Als ich China für den Besuch eines Literaturfestivals zum ersten Mal verlassen durfte, hat eine Begleitperson die Aufzeichnungen mitgeführt.

Viele Leute zerbrechen im Gefängnis. Was hat Ihnen die Kraft zum Schreiben gegeben?
Ich war getrieben von der Angst, dass mein Schicksal vergessen werden könnte. Die einzige Möglichkeit, dies zu verhindern, war das Schreiben – auch auf die Gefahr hin, dass die Polizei die Manuskripte beschlagnahmen könnte und niemand meine Notizen lesen würde.

Sie haben bei der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels gesagt, das chinesische Imperium in seiner heutigen Form müsse auseinanderbrechen. Glauben Sie immer noch daran?
Die zurzeit relativ guten Beziehungen Chinas zum Westen sind kein Erfolg der chinesischen Diktatur, sondern ein Erfolg des Kapitalismus. Das System in China hat schon lange nichts mehr mit Kommunismus zu tun. China ist eine kapitalistische Diktatur, in der Menschenrechte keine Rolle spielen. Leider will das kaum jemand mehr wahrnehmen. Trotzdem hege ich nach wie vor die Hoffnung, dass dieses Regime nicht weiter bestehen kann und dass China auseinanderbrechen wird. Das auseinandergebrochene China könnte ein neues Europa werden, eine Union chinesischer Staaten.

Das dürfte einen Bürgerkrieg geben.
Das möglicherweise entstehende Chaos kann nicht schlimmer sein als ein Weiterbestehen der Diktatur. Wenn China seine Macht weiter ausbreiten kann, könnte das für die ganze Welt gefährlich werden. Aber bereits in den heutigen Zeiten relativen Friedens geht von China eine grosse Gefahr aus. Allein die Umweltverschmutzung in China ist eine globale Bedrohung.

China kann sich zurzeit aber als Nation des Klimaschutzes und des Freihandels profilieren, da die USA auf einen isolationistischen Kurs eingeschwenkt sind. Ein Kollaps des Regimes ist kaum erwartbar.
Der Kurswechsel der USA ist vorübergehender Natur. Die USA sind immer noch eine Demokratie. Der aktuelle Präsident dürfte bei den nächsten Wahlen wieder abgewählt werden. Bloss weil in den USA ein Verrückter Präsident ist, bedeutet dies noch lange nicht, dass China vorbildlicher wird als die USA.

Alle, die Geld und Verstand 
haben, verlassen China.

Alle Beobachter sagen, dass China die Weltmacht der Zukunft ist.
Das sehe ich nicht so. Zurzeit fliesst alles Geld aus China ab. Alle Leute, die Geld und Verstand haben, verlassen das Land. Was in China übrig bleibt, ist ein grosser Müllhaufen. Das China der Zukunft ist ein ausgeblutetes Land, das seine Intellektuellen und sein Geld verloren haben wird und im Unrat erstickt.

Lange gab es die Hoffnung, dass mit der wirtschaftlichen Öffnung auch eine politische eintreten würde.
Wer so denkt, sollte einmal nach China gehen und dort leben. Viele Leute im Westen rühmen die Fortschritte und die Macht Chinas. Aber kein Mensch will dort leben. Man muss nicht Geschäfte mit China machen. Es ist falsch, sich von China abhängig zu machen.

Die Geschäfte mit China laufen aber gut. Sie selber mussten im Gefängnis medizinische Plastikhandschuhe für den Westen herstellen.
Ich bin nicht gegen den Kapitalismus und nicht gegen die Globalisierung. Mich stört es aber, wenn der Westen zugunsten des Geschäftemachens seine eigenen Werte aufgibt.

In einem Ihrer Bücher schreiben Sie: «Mein Buch wird überhaupt keine Wirkung auf das Regime haben.» Das klingt ernüchtert.
Meine Bücher haben keinen Einfluss auf das Regime, weil die Köpfe des Regimes sie nicht lesen. Aber ich schreibe weiter. Diese Diktatur hat ein Verfalldatum, meine Literatur nicht.

Hoffen Sie auf eine Rückkehr nach China?
Beim Lesen der klassischen chinesischen Literatur kehre ich ständig nach China zurück. Wenn ich eines Tages auch physisch zurückgehen sollte, dann hoffentlich in ein unabhängiges Land Sichuan, aber nicht in das China, wie es heute besteht.

Übersetzung: Karin Betz (Der Bund)

Erstellt: 29.07.2017, 08:10 Uhr

Liao Yiwu

Am Vorabend des Massakers vom 4. Juni 1989 auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking schrieb der 1958 geborene Schriftsteller Liao Yiwu das Gedicht «Massaker». Im Februar 1990 wurde er deswegen wegen «Verbreitung konterrevolutionärer Propaganda» zu vier Jahren Gefängnis verurteilt. Seine Bücher über Menschen am Rande der chinesischen Gesellschaft konnte er nur noch im Ausland publizieren. Zuletzt ist der Roman «Die Wiedergeburt der Ameisen» erschienen. Liao Yiwu lebt seit 2011 in Berlin. Anfang Juli war er am Literaturfestival in Leukerbad (VS) zu Gast. Die aktuellen Fragen zum Tod Liu Xiaobos wurden nachträglich auf schriftlichem Weg gestellt. (bob)

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